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Nr. 92 Sommer 2009
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Abschiedstränen - immer wieder
Warum eine Familie seit mehr als sieben Jahren nonstop um die Welt reist und sich zugleich
danach sehnt, feste Wurzeln zu schlagen.
Von Marc Zollinger

Er wollte etwas tun für die Natur. Sie wollte den Menschen helfen. Beide hatten den Herzenswunsch, etwas in ihrem Leben zu unternehmen, das Sinn macht. Und so setzten Sabine Ammann und Dario Schwörer gemeinsam um, was er sich zuvor während ausgiebiger Bergtouren in den Kopf gesetzt hatte: Einmal um die Welt reisen, nur Muskelkraft sowie natürliche Energien verwenden, alle sieben Kontinente besuchen und dort jeweils die höchsten Gipfel erklimmen und überall auf den Klimawandel aufmerksam machen. Sie waren überzeugt, spätestens in vier Jahren wieder zu Hause zu sein. Nun sind bereits mehr als sieben Jahre daraus geworden. Und mindestens weitere sieben dürften dazu kommen. Auf echten Reisen ticken die Uhren halt anders.
Die TOPtoTOP Global Climate Expedition startete 2002 auf dem Mont Blanc und ist via Mittelmeer, Atlantik, Panamakanal und Pazifik inzwischen in Australien angekommen. Was nach einer klaren Route klingt, ist genau betrachtet eine Schlangen- und Zickzacklinie. Immer wieder mussten Sabine und Dario umkehren, neue Ziele anpeilen, Umwege nehmen. Auf echten Reisen kommt es halt meistens anders, als man plant. Und das umso mehr, weil die beiden Abenteurer ohne Motoren auskommen wollen, sich also nach den Launen der Natur richten müssen. Ihr wichtigstes Fortbewegungsmittel ist das Schiff, das sie «Pachamama» getauft haben – ein Wort der Inkas, das «Mutter Erde» bedeutet. Und gerade der Wandel des Klimas hat ja dazu geführt, dass einige Kinder von Mutter Erde wie etwa der Wind, das Wetter oder die Meeresströmungen gelegentlich kuriose Streiche spielen.

Weltverbesser und Eltern
Sabine und Dario haben in den vergangenen sieben Jahren zahllose Abenteuer erlebt. Sie haben die heftigsten Stürme sowie Stein- und Eisschlag überstanden. Sie mussten vor ausgehungerten Soldaten flüchten, begegneten nackten Höhlenbewohnern und kämpften ausgerechnet mitten im Atlantik mit einem defekten Masten. Ihr grösstes Abenteuer ist jedoch eines, das sie mit den meisten Menschen dieser Erde teilen: Sie wurden Eltern. 2005 wurde Salina geboren, eineinhalb Jahre später Andri; beide Kinder kamen in Valdivia, Chile, zur Welt. Zwischen den beiden Geburten liegen indes mehrere Tausend Seemeilen und eine Odyssee, wie sie einst Josef und Maria zurückgelegt haben.
Die Kinder haben der Reise eine neue Dimension gegeben. Auch was die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit anbetrifft. Waren sie als Sabine und Dario früher einfach nur Weltverbesserer wie es zum Glück viele gibt, machen sie heute als Mutter und Vater auf besondere Weise auf sich und ihre Anliegen aufmerksam. Dies wurde ihnen insbesondere in Australien bewusst, wo sich die Medien enorm für die ganz normale und doch etwas «crazy» Familie interessieren. Dass sich eine Familie mit zwei Kleinkindern den Strapazen einer solchen Abenteuerreise unterzieht, ist in der Tat aussergewöhnlich. Salina und Andri sind (fast) immer und überall dabei: beim Segeln sowieso, auf den Strecken, die per Velo zurückgelegt werden, fahren sie im Anhänger mit, und inzwischen haben sie sogar zu klettern begonnen. Für den Mount Everest jedoch, den nächsten «Top» auf der Reise, sind sie natürlich noch zu klein.
Auch wenn Salina und Andri noch nicht jeden Berg erklimmen können, die Herzen der Menschen, denen sie auf ihrer Weltreise begegnen, erobern sie allemal. Man muss sie einfach gesehen haben, wie sie bei einem Vortrag ihrer Eltern dem Publikum aus voller Kehle Lieder vorsingen oder wie sie überall mit allen und allem zu spielen beginnen, als sei die ganze Welt ihr Kinderzimmer. Und schon bald gesellt sich ein weiterer Spielgefährte hinzu: Sabine ist erneut schwanger, wird im August in Australien, in Bali oder dort, wohin sie eben der Wind getragen hat, das dritte Kind zur Welt bringen.

Aufklären und Abfall sammeln
Entlang ihres Weges besucht die Familie Schwörer so viele Schulen wie möglich. Dort berichten sie über ihre Erlebnisse, klären über den Klimawandel auf und ermuntern ihre jungen Zuhörer, selber etwas in ihrem Umfeld zu unternehmen. Diese Arbeit in den Schulen ist das Herzstück der Expedition. Denn hier, so sind Dario und Sabine überzeugt, entscheidet sich, welche Art von Reise in die Zukunft Mutter Erde unternimmt. Es ist eine Arbeit am Bewusstsein, am bewussten Sein, an einem respektvollen Umgang mit den Ressourcen dieser Welt. Es ist eine Arbeit, die selbst Herkules abgelehnt hätte. Doch die Schwörers mit ihrem unbändigen Glauben an das Positive und an das Gute sind nicht nur in der Lage, Berge zu erklimmen, sie können sie auch versetzen. In den 33 Ländern, in denen sie bereits haltgemacht haben, sind sie mehr als 40000 Kindern und Jugendlichen begegnet. Zudem haben sie bisher rund 20 Tonnen Abfall eingesammelt.
Echte Reisende sind ständig in Bewegung, und zugleich haben sie grosse Sehnsucht danach, endlich stillzuhalten. Das ist bei den Schwörers nicht anders. Insbesondere Sabine macht keinen Hehl daraus. Sie leidet zuweilen sehr unter der Rastlosigkeit, vor allem aus einem Grund: Immer wieder an einem neuen Ort anzukommen heisst, immer wieder Abschied zu nehmen. Und das ist das Einzige, was sie auf ihrer Reise um die Welt noch nicht gelernt hat. Sie hat die Menschen einfach zu gern, gibt ihnen schnell einen Platz in ihrem Herzen und möchte sie am liebsten alle mit zu sich aufs Schiff nehmen und gemeinsam lossegeln. Jemanden zurücklassen heisst für Mutter Sabine, jemandem nicht mehr helfen können, wenn er sie brauchen würde. Ihre grösste Sorge ist, dass ihre Kinder diese Angst vor dem permanenten Abschied übernehmen.
Zu Hause fühlen sich die Schwörers überall dort, wo es liebe Menschen hat. Und dies, sagen sie, hätten sie bisher überall angetroffen, wo sie haltgemacht haben. Dennoch gibt es drei Orte, die ihnen speziell ans Herz gewachsen sind: Erstens die Schweiz, wo sie sich nach wie vor tief verwurzelt fühlen. Zweitens Chile, also dort, wo Salina und Andri geboren und auch zwei Bäume gepflanzt wurden, um die Verwurzelung mit diesem Land symbolisch auszudrücken. Der dritte und wichtigste Ort ist Pachamama. Das Schiff ist sozusagen das Schneckenhaus, in das sich die Familie zurückzieht, mit dem sich die Familie fortbewegt, in dem die Familie ihren nicht alltäglichen Alltag lebt, in dem die ganze Familie heranwächst.
Oder, um ein anderes Bild zu verwenden: Pachamama ist der Mutterbauch. Hier finden die wichtigsten Momente im Leben der Schweizer «Weltverschwörer» statt. Hier, ganz bei sich und nicht so sehr da draussen. Eine echte Reise führt ja letztlich vor allem zu sich selbst.

Marc Zollinger: Die Schwörers oder wie die Welt zum Kinderzimmer wurde.
Wörterseh Verlag Zürich 2009, ca. 284 Seiten, Fr. 39.90.


Autor: Marc Zollinger | Profil
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