Manifest für Frauen
Nach eher praktischen Büchern wie Das Tao der Frau veröffentlicht die Zürcher Autorin Maitreyi Piontek nun ein Weibliches Manifest. Ein Interview.
Von Martin Frischknecht
SPUREN: Du sagst, die Energieübungen von Tao Yoga und anderen Verfahren seien auf Männer zugeschnitten, Frauen würden damit nicht auf ihre Rechnung kommen. Wo liegt das Problem?
Maitreyi Piontek: Weder in östlichen noch westlichen Traditionen und Religionen war es je ein Anliegen, Frauen zu unterstützen, ihre weiblichen Wunden zu heilen oder sich von hemmenden Abhängigkeiten zu befreien. Weder einst noch heute. Im Gegenteil: Bei männlichen Methoden hat das Weibliche nicht den Raum, sich frei zu entfalten, und lebt dadurch sozusagen weiterhin in Gefangenschaft. Frauen wurden für ihre weibliche Kraft und ihre übersinnlichen Fähigkeiten gequält, verbrannt und ausgestossen. Männliche Religionsführer, Meister, Therapeuten und Ähnliche schreiben Frauen noch heute vor, wie sie ihre Sexualität und Spiritualität leben sollen. Zu ihrem eigenen Schutz haben Frauen gelernt, sich anzupassen und mitzumachen.
Deshalb macht es heute wenig Sinn, wenn Frauen sich in vorgegebene Bewegungsabläufe oder strukturierte Übungen und Meditationen reinpressen, die von Männern für Männer entwickelt wurden. Für den weiblichen Befreiungsprozess ist es wichtig, dass Frauen lernen, frei und natürlich zu fliessen und zu fühlen, dass sie Wege gehen, die ihrem wahren Naturell entsprechen.
Frauen sollen nicht nach oben streben, sondern sich in die Tiefe gehen lassen. Was finden sie dort?
Das Weibliche entspringt der Tiefe. Frauen, die mit ihrer inneren Heimat verbunden sind, können Kraft aus ihren weiblichen Wurzeln schöpfen, was es ihnen ermöglicht, authentisch und natürlich zu sein. In der Tiefe findet Frau Zugang zu ihrer und zur ewigen weiblichen Weisheit. Verwurzelt im eigenen Wesen, blickt sie hinter die Kulissen und tritt in Kontakt mit den Kräften, die all das hier geschaffen haben.
Klingt gut, doch was heisst das konkret?
Frauen konkrete Ratschläge und Tipps zu erteilen, ist für die weibliche Entwicklung im Moment sehr kontraproduktiv. Die Weiblichkeit ist mit zu vielen Missverständnissen beladen. Da braucht es erst mal Klärung und tiefe Auseinandersetzung. Und unter uns gesagt: Frauen sind nicht die Sorte von Menschen, die Ratschläge wirklich gerne befolgen. Deshalb finden Frauen in diesem Buch Richtlinien, die sie selbständig in ihren persönlichen Alltag integrieren können. Ich will damit Frauen für ihren individuellen weiblichen Weg sensibilisieren. Zudem enthalten meine früheren Bücher Das Tao der Frau, Das Tao der weiblichen Sexualität und Die weiblichen Juwelen ausreichend praktische Hinweise.
Männer sollen an einem männlichen Handicap leiden. Was ist damit gemeint?
Nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die in männlichen Mustern leben, sind dadurch in ihrer spirituellen Entwicklung gefährdet. Wasser weist Frauen den Weg in die Tiefe, Feuer ist der Wegweiser für die männliche Entwicklung. Der männliche Weg des Feuers wird vom ständigen Drang nach oben und aussen geprägt, dem ewigen Drang, den Gipfel zu erklimmen, um geil, stark, mächtig und besser zu sein.
Du rätst Frauen davon ab, sich in Männerbünde hineinzudrängen. Warum sollen Zürcherinnen nicht versuchen, mit einer eigenen Zunft ihren Platz beim Sechseläuten zu finden?
Die Äbtissinnen der Fraumünster-Abtei, auf die sich diese Frauenzunft bezieht, waren wohl Reichfürstinnen, hatten jedoch als Klosterfrauen in erster Linie einen spirituellen Auftrag. Ich finde es wichtig, dass Frauen alte Traditionen wieder aufgreifen, fände es aber sinnvoller, wenn Frauen ihre eigenen Feste feiern, die sie mit eigenen Inhalten füllen. Spirituelle weibliche Feste zelebrieren, heilt nicht nur die weibliche Seele, sondern es schafft auch einen Ausgleich und eine wichtige Ergänzung zu dieser unausgeglichenen, männlich geprägten Welt.
Maitreyi Piontek: Weibliches Manifest. Ansata Verlag, München 2009, 368 Seiten, Fr. 34.90.
www.maitreyipiontek.com
