Im Auge der Kamera
Eine Fotodusche zur Stärkung des Selbstwertes. Die Fototherapie bei Suzane Brunner bringt Überraschendes ans Licht.
Von Eva Rosenfelder
Warum lassen sich manche Menschen nicht fotografieren oder behaupten gar, es würde ihnen die Seele gestohlen? Ich kann es nachfühlen. Diese Linse, die aus dem Dunkeln äugt, unverhofft einen Moment aus dem Fluss des Seins reisst – sie ist mir suspekt, ebenso wie die Personen, die sich hinter der Kamera verbergen und Fotos «schiessen».
Warum ich mich eingelassen hatte, einen Termin mit der «Fotomuse» Suzane Brunner zu vereinbaren, dazu erst noch zu einer «Fototherapie», das war mir an besagtem Tag ein Rätsel. Meine Laune war entsetzlich, das Gesicht hatte ich mir aufgekratzt, und in letzter Minute stopfte ich eilig die Garderobe zum Posieren in eine Tasche. Kleider, die ich mag, und solche, die ich schon lange nicht mehr getragen habe, auch farbige Tücher sollten dabei sein.
Was ist Schönheit?
Am Bahnhof Wetzikon treffe ich auf eine sinnliche Frau mit weichen Zügen. «Mich interessieren die schönen Seiten der Menschen und des Lebens. Jeder Mensch ist irgendwie schön», sagt sie eindringlich. Sie wirkt sympathisch und liebevoll, hat aber durchaus eine Portion Schalk auf Lager. Bevor sie Mama einer kleinen Tochter wurde, hat sie in Medien wie Fernsehen und Werbung ihre Vorliebe entdeckt, Menschen zu fotografieren und ihnen ihre Schönheit nahezubringen. Daraus ist ihre Fototherapie entstanden.
Nach einem kurzen Schwatz bittet sie mich zur ersten Sitzung, so wie ich bin: fast ungeschminkt, zerknirscht und noch immer schlecht gelaunt. Auf dem melkschemelähnlichen Stuhl im Rampenlicht hockend, beisse ich den Kiefer zusammen, glotze ins tiefe Schwarz der Linse und wünsche mich weit weg. Nach wenigen mühsamen Versuchen beschliesst Suzanne, nach draussen zu gehen.
Aufsässige Linse
Unter den Bäumen kann ich atmen. Doch mit dem Posieren will es auch hier nicht klappen. Sie krempelt ihre Hosenbeine hoch und steigt unverhofft in den nahe gelegenen Bach. «Komm!» Jetzt erwacht mein verspieltes Kind. Ich grinse beim Gedanken, wie Fotomuse samt Kamera im munteren Flüsschen landen, und vergesse dabei die aufsässige Linse.
Nach kurzer Pause geht es neu gewandet zum wogenden Kornfeld. Ich soll hier mit meinem gelben Tuch spielen. Gestellte Szenerie in Gelb, Affentheater? Die sanft eindringliche Entschlossenheit dieser Frau lässt mir wenig Zeit zum Widerstand. Nach mehr als einer Stunde ist es ihr noch immer nicht verleidet, mich herauszulocken, erstaunlich! Lebensfreude funkelt aus ihren Augen. Zwar ärgern mich ihre Anweisungen: «Kopf höher, Schulter nach hinten, Kiefer locker, Hüfte vorschieben.» Da aber Raum ist für Kapriolen und sie mir mein Sperren nicht übel nimmt, lasse ich mir von ihr auch mein rotes Lieblingstuch um den Kopf schlingen und ergebe mich ihrem Schminkkasten. Alles loslassen.
Aufgewühltes Ich
Die fremde Person, die mir im Spiegel entgegenblickt, erzählt von engen Grenzen, von winzigem Spielraum. Ich, die ich glaubte, so freiheitsliebend zu sein. Bin ich überhaupt echt in meinem Alltag, oder spiele ich nicht schon längst eine festgefahrene Rolle? Was ist echt?
Nach fünf Stunden verabschieden wir uns. Ich bin völlig aufgeweicht, durchgeknetet, aufgerüttelt. Bedanke mich für so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Auf den Fotos sehe ich Tage später Frauen vor mir, die ich kaum kenne. Vor allem die unbearbeiteten Bilder interessieren mich, die nackten Spiegel. Ich staune über die Stimmungen in meinem Gesicht und Körper. Alles ist darin sichtbar.
Selbstbildnis
«Wie ein wildes, scheues Tier, das fürchtet, gefressen zu werden, schaust du manchmal», klingt in mir die Stimme der Fotomuse nach. Solche Bilder bringen mich zum Weinen, zeigen mir tiefe Ängste und Wunden. Andere aber erfüllen mich mit Freude, ja sogar mit Liebe. Selbstliebe. Ich dusche in der Energie dieser Person, die mir am nächsten stehen sollte und doch oft so unendlich weit weg ist. Ich werde versuchen, ihr einige ihrer Makel zu verzeihen.
In Liebe zur Kamera werde ich wohl weiterhin nicht entflammen. Doch ein wenig durchatmen und die Masken, die ich für meine Realität halte, dem Wind mitgeben.
www.fotomuse.ch
