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Nr. 93 Herbst 2009
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Orbs: Engelsstaub und Meisterblitze
Sie erscheinen auf Fotos, und manch einer wünscht sich, diese Lichtobjekte kämen aus einer anderen Welt. Sind Orbs spirituelle Energiephänomene oder eine phänomenale Täuschung?
Von Mike Hoffmann

Schon von Orbs gehört? Nein? Orbs ist englisch, bedeutet Kugel oder Himmelskörper und steht unter anderem für ein Phänomen, bei dem das Erklärungsspektrum von höheren Wesen bis zu banalen Staubpartikeln reicht. Mein Erstkontakt mit der lichtvollen Welt der Orbs kam virtuell via E-Mail zustande. Darin war die Rede von kosmischen Energien, die sich uns in Form von Lichtkugeln zu erkennen geben und Liebe, Heilung und Erleuchtung bringen. Die Fotos im Anhang zeigten als Beweis runde Lichterscheinungen in allen Variationen und Farben. Ein Link führte mich auf eine Website, wo behauptet wird, Orbs seien Engel und aufgestiegene Meister, die von höheren Dimensionen auf uns wirken. Ich staunte und suchte Rat beim Internet-Lexikon Wikipedia, das eine bedeutend profanere Erklärung bietet. Dort heisst es, Orbs seien lediglich Reflexionen bei Aufnahmen mit Blitzlicht. Hervorgerufen durch Staubpartikel, Regentropfen oder Schneeflocken, würden sie oftmals unzutreffend als paranormale Erscheinungen bezeichnet. Eine einleuchtende Erklärung, die den Rationalisten in mir vollauf befriedigte. Ich verdrängte sämtliche übersinnlichen Interpretationen aus meinem Bewusstsein und wendete mich wieder dem Alltag zu.
Bis zu jenem Sommerabend, den ich auf einer abgelegenen Anhöhe in den Pyrenäen verbringe, umgeben von Steingräbern der Bronzezeit und in Sichtweite des Canigou, des heiligen Bergs der Katalanen. Ich fotografiere, kontrolliere wie üblich im Display die gemachten Aufnahmen und werde stutzig, da ich einen Lichtfleck auf einem der Fotos entdecke. Irritiert zoome ich näher – und bestaune fasziniert meinen ersten selber fotografierten Orb. Grün-bläulich schimmernd und von einem weiss leuchtenden Licht umrandet, scheint er direkt über dem Wurzelchakra einer Freundin zu schweben. Erstaunt kontrolliere ich die anderen gespeicherten Bilder und entdecke weitere dieser Lichtkugeln. Neugierig geworden, mache ich mich auf Orb-Jagd und blitze wahllos in die Nacht. Mit Erfolg, denn auf der Hälfte meiner Bilder sind bis zu zehn Orbs zu sehen. Deren bunt leuchtende Schönheit in vollendeter Kreisform nährt meine Sehnsucht nach dem Übersinnlichen. Immer mehr erliege ich dem Zauber dieser mysteriösen Erscheinungen. Gleichzeitig weigert sich mein Verstand, die Orbs als Offenbarung höherer Wesen zu sehen, und pocht auf die rationale Erklärung der Staubpartikel. Aber kann das wirklich nur Staub sein, der sich da so eindrücklich manifestiert? Müssten meine Fotos dann nicht übersät sein von Tausenden Lichtkugeln?

Auf Orb-Jagd
Die kommenden Nächte fotografiere ich eifrig in der Hoffnung, ein Muster in deren Auftauchen zu entdecken. Was mir misslingt, mich mit der Zeit langweilt, und so verdränge ich die Orbs ein weiteres Mal aus meinem Bewusstsein.
Bis ich die Anfrage zu diesem Artikel bekomme und mich ernsthafter damit auseinandersetze. Die Vielfalt spiritueller Deutungen im Internet verblüfft mich. Je nach Website handelt es sich bei Orbs um Erd-, Luft-, Ur- oder Schutzgeister, um Elementarwesen, Wesen aus Paralleldimensionen, Urahnen oder Verstorbene, die noch an ihrem Begierdekörper hängen. Ausserdem werden genannt: Dimensionssprunglöcher, Ausserirdische, persönliche Botschafter, Gedankenmanifestationen, Mentalprojektionen, Emotionsfragmente, gebündelte Gedankenenergien der Geist-Seele-Ebene oder multidimensionale Bewusstseinsformen.

Orbs im Test
Schliesslich lande ich auf der Website von Diana Cooper, der Autorin des Buches: Orbs – Boten der Liebe, Heilung und Weisheit. Sie ist sich sicher, dass es sich um direkte Ausstrahlungen von hohen Wesen der geistigen Welt handelt, sprich um Engel, Feen, Kobolde, Wichtel, Gnome und Elfen. Sie offeriert einen kostenlosen Orb-Erkennungsdienst und verspricht den Einsendern von Fotos, die darauf ersichtlichen Wesen zu identifizieren. Eine Auswahl davon findet sich auf ihrer Internet-Fotogalerie, wo sie die Orbs unter anderem als Erzengel Michael, Gabriel und Metatron präsentiert. Was mich nicht sonderlich überrascht, da sie auch über Atlantis, Einhörner und 2012 schreibt.
Ich habe zwar keinen Zugang zu höheren Wesen, bin weder hellsichtig noch hellfühlig, aber dieser Mix aus Grimms Märchen, der Bibel, Ufo- und Geistergeschichten macht mich hellhörig. Der Skeptiker in mir setzt sich durch und übernimmt nun die Führung bei meiner Recherche. Ich schicke Frau Cooper ein Foto, auf dem ich, umrandet von drei Orbs, zu sehen bin. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Die Orbs seien Schutzengel, wird mir mitgeteilt. Worüber ich mich freuen könnte. Aber sagt diese Antwort etwas über die Existenz von höheren Wesen aus? Natürlich nicht. Vor allem nicht, da das Foto manipuliert wurde. Ich bat nämlich einen befreundeten Grafiker, mir drei Orbs zu basteln, was mit der Funktion «Stempeln» des Bildbearbeitungsprogramms Photoshop kein Problem ist. Eine legitime Art, meiner Intuition zu folgen, dass Frau Cooper keine Engel identifizieren kann? Für mich ja, denn gemäss Werbung verrät sie in ihrem Buch, wie man echte von falschen Orbs unterscheidet, und an diesem Anspruch will ich sie messen. Per Mail gestehe ich ihr mein hinterlistiges Verhalten und frage nach einer Erklärung, warum ihre Fähigkeit der Orb-Erkennung bei meinem Foto versagt hat.

Geblitzt
Während ich auf Antwort warte, befasse ich mich mit verschiedenen Aussagen von Orb-Gläubigen. Ist die Fähigkeit, Orbs zu fotografieren, wirklich mit der persönlichen spirituellen Entwicklung verknüpft? Zeigen sich Orbs nur, wenn das Herz offen ist für eine Begegnung und wenn nicht bloss aus Sensationsgier geblitzt wird? Nun – weder übermässiger Weinkonsum noch wechselnde mentale Zustände wie Ärger, Resignation, Zufriedenheit oder Trauer scheinen einen Einfluss auf meine Trefferquote zu haben. Trotz zunehmender Skepsis tauchen massenweise Orbs auf meinen Fotos auf.
Seit wann und unter welchen technischen Voraussetzungen sie auftreten, auch darüber herrscht innerhalb der Orb-Gemeinde Uneinigkeit. Die Mehrheit behauptet, Orbs würden nur auf Blitzaufnahmen von Digitalkameras erscheinen. Aber es ist auch Widersprüchliches zu lesen: dass es keinen Blitz braucht, dass es sie schon seit Jahrzehnten gibt, dass sie mit blossem Auge zu sehen seien. Noch mehr verwirrt mich, dass ich auf Websites stosse, die Staub als Ursache ausschliessen, da sie dies «experimentell überprüft» hätten.

Digitales Phänomen
Worauf ich haufenweise Staub aufwirble und damit zu den eindrücklichsten Orb-Fotos meiner Sammlung komme. Falls Sie selber Orbs basteln wollen: Staubtuch ausschütteln oder mit einem Besen über einen sandigen Untergrund fegen, eine Blitzaufnahme mit einer Digitalkamera machen, und Sie werden Bilder erhalten, die jenen gleichen, die im Internet als Portale zu einer höheren Dimension bezeichnet werden.
Ich wende mich ans Fotofachgeschäft. Dort ist das Phänomen bekannt, seit es Kompaktdigitalkameras gibt. Mir wird erklärt, dass der Orb-Effekt zustande komme, weil der Blitz sehr dicht an der Linse angebracht ist. Staubpartikel, die wenige Zentimeter vor der Kamera schweben, werden so zu Lichtphänomenen und landen als Heiligenschein auf Personen, die ein paar Meter weit weg stehen. Ich werde nach dem Hintergrund meiner Recherche gefragt und ernte für meine Schilderung der spirituellen Deutung ungläubiges Lächeln. Zwar glaubt einer der Angestellten an die Existenz von Engeln, und die anderen lassen eine Affinität zum Übersinnlichen durchscheinen, aber in Bezug auf Orbs sind sie sich durch die tägliche Beschäftigung mit Fotoapparaten einig: Orbs sind Reflexionen und keine übersinnlichen Phänomene.
Also alles nur ein Hirngespinst? Ein Akt kollektiver Selbsthypnose, geboren aus der Sehnsucht nach liebevollen Wesen, die uns beschützen? Oder ist es trotzdem denkbar, dass zwischen all diesen Reflexionen echte Geister oder Engel herumschweben, und diese infolge rationaler Erklärungen übersehen werden?
Ich mache mich auf die Suche nach den auf vielen Websites erwähnten kompetenten Wissenschaftlern, die unterdessen bewiesen hätten, dass Orbs nicht physikalisch erklärt werden können. Leider werden diese als namhafte Forscher bezeichneten Personen meist nicht namentlich erwähnt. Vermutlich handelt es sich um den Theologen Miceal Ledwith und den Physiker Klaus Heinemann. Auch sie haben ein Buch geschrieben. Es heisst Das Orb-Projekt und ist ein Gemisch aus Formeln «psychoenergetischer Wissenschaft», Ansichten über die göttliche Vorhersehung und einer Beweisführung der Existenz von Orbs. Der Logiker in mir schüttelt ungläubig den Kopf. Denn wie passen die folgenden Aussagen von Herrn Heinemann zusammen? «Ich werde Ihnen Fotos zeigen, die beweisen, dass es sich um echte Bilder von Geistwesen-Emanationen handelt.» – «Meine Hypothese, dass Orbs nicht primär von der physikalischen Wirklichkeit abstammen, scheint sich zunehmend zu bekräftigen.» Ja, was jetzt? Gibt es Beweise oder ist es eine Hypothese? Auch die Identität der Verfasserin des Vorwortes macht das Buch nicht glaubwürdiger. Denn dabei handelt es sich um JZ Knight, eine Frau, die behauptet, der mediale Kanal für das Geistwesen Ramtha zu sein, einen Erleuchteten, der vor 35000 Jahren drei Viertel der Welt erobert haben soll.

Viel Staub um nichts?
Während meiner Recherche sehe ich viele eindrückliche Bilder von Orbs. Sie schweben über Wunderheilern, Predigern und Jesusbildern. In der Bildbeschreibung werden sie als Geistwesen bezeichnet, die uns etwas mitteilen wollen. Der Zufall als mögliche Erklärung wird von Orb-Gläubigen weitgehend ignoriert. Aber genau das könnte es sein. Denn auf einem meiner eigenen Bilder bete ich mit gestreckten Armen zum Himmel, und ein Orb umfasst meinen Kopf wie einen Heiligenschein. Auf einem anderen ruhe ich meditierend in mir, während ein Orb genau über meiner Hara-Linie schwebt. Und auf meinem Lieblingsbild schaue ich mit irrem Sektenführerblick in die Kamera, wobei ein Orb exakt mein Halsamulett umschliesst.
Was es für solche Fotos braucht? Ganz einfach: das Ziel, mich als mit Orbs verbundenen Mystiker darzustellen, Glück, und vor allem viel Geduld. Denn diese drei Fotos waren die drei effektvollsten Treffer eines staubigen Abends, an dem unzählige Fotos gemacht wurden. Übrigens, weder meditiere noch bete ich. Aber alle, denen ich diese drei Bilder zeigte, waren beeindruckt und kurzfristig irritiert. Sie sahen einen in Meditation versunkenen Menschen mit einer Lichterscheinung, grösser als dessen Kopf. Sehen heisst ja bekanntlich glauben.
Ist das des Rätsels Lösung? Basiert der Orb-Glaube nur darauf, dass wir unsere Wahrnehmungen so selektieren, dass es zu dem passt, was wir uns wünschen und was wir glauben? Unser Hirn will Sinn. Und wenn etwas vorerst keinen Sinn macht, so konstruiert sich unser Hirn diesen Sinn, indem es sich auf Bekanntes bezieht und mit dem bereits vorhandenen Glauben in Einklang bringt. Und so kann Staub, der vor der Blende einer Kamera vorbeischwebt, zu Engeln und Geistwesen werden, da die millimeterkleinen Staubpartikel auf dem Foto wie grosse, leuchtende Kugeln aussehen.
Ernüchtert schliesse ich meine Orb-Recherchen ab. Traurig und nachdenklich macht mich unsere Leichtgläubigkeit und die Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, mit der sich so gut Geld verdienen lässt. Die naturwissenschaftliche Erklärung für Orbs ist enttäuschend banal. Und vor allem störend, wenn man Beweise sucht für eine der Aussagen im Buch Das Orb-Projekt, nämlich dass «übersinnliche Erfahrungen (…) uns vor allem die Gewissheit geben, dass mit dem Tod nicht alles unwiederbringlich verloren ist».
Ich lebe ohne diese Gewissheit, und ich lebe gut. Die Existenz von Geistwesen schliesse ich nicht aus. Dass sie sich als Orbs zeigen, halte ich für unwahrscheinlich. Stattdessen freue ich mich weiter an einem anderen grossen Mysterium: dem menschlichen Hirn und seiner Fähigkeit, Banales als Übersinnliches zu interpretieren.

PS: Unterdessen hat mir Frau Cooper geantwortet. Böse ist sie mir nicht, dass ich sie getestet habe, denn die Wesenheiten hätten sie bereits über diesen Test informiert. Dass sie in den gefälschten Orbs Engel gesehen habe, sei einfach zu erklären. Während der Manipulation wurde an Engel gedacht, und diese Energie hätte sie wahrgenommen. Einleuchtend, nicht wahr?

Miceal Ledwith, Klaus Heinemann: Das Orb-Projekt. Auf der Suche nach Energiephänomenen mit Digitalfotografie. Goldmann Arkana, München 2008, 240 Seiten, Fr. 30.90.

www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Orbs-Esoterik-Gespenster%3Bart1117,2620277

www.focus.de/wissen/wissenschaft/mensch/tid-10052/paranormales-vs-wissenschaft-orbs-sind-ganz-normal_aid_303175.html

www.dianacooper.com


Autor: Mike Hoffmann | Profil
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