Jack Kornfield: Buddha in uns
Jack Kornfield ist einer der populärsten Meditationslehrer unserer Zeit. Er hat sich einer altagsnahen Kultur des Herzens verschrieben. Bei einem Retreat in der Schweiz gewährte er eines seiner seltenen
Interviews.
Von Martin Frischknecht
SPUREN: In deinem neuen Buch Das weise Herz betonst du, dass der Mensch im Grunde gut sei. Das ist natürlich eine Botschaft, die wir alle gerne hören. Doch beruht diese Annahme auf einer ausreichenden faktischen Grundlage?
Jack Kornfield: Du brauchst nur mit einem Kind von zwei, drei Jahren zu spielen, oder schau einem Neugeborenen in die Augen. Das erscheint mir Beweis genug. Würdest du denn auch fragen: Gibt es einen Beweis für die Liebe? Als Spezies Mensch sind wir seit Millionen von Jahren darauf angewiesen, dass sich nach der Geburt jemand um uns kümmert. In den ersten Jahren unseres Lebens sind wir zwingend auf die Fürsorge anderer angewiesen. Braucht es da noch irgendeinen Beweis für das
grundlegende Gutsein des Menschen?
Nach der Kindheit muss da etwas in uns verloren gehen.
Das ist eine andere Frage. Selbstverständlich ist es möglich, dass wir die Verbindung verlieren zu unserer Unschuld und Güte. Das geschieht vielen.
Also so etwas wie die «Erbsünde»?
So etwas gibt es nicht. Aber ursprüngliches Gutsein, das gibt es. Die Verbindung zu unserem Gutsein zu verlieren, könnte man vielleicht als unser ursprüngliches «Erbleiden» bezeichnen. Dieses Leiden setzt damit ein, dass wir uns als getrennte Wesen erfahren, was aber auch notwendig ist. Wenn diese Erfahrung nicht in einer Atmosphäre der Liebe geborgen ist, weckt das in uns Furcht. Das Gefühl des Abgetrenntseins verstärkt sich und führt dazu, dass wir das erfahren, was im Buddhismus als «kleines Gefühl von Selbst» oder «Körper der Angst» bezeichnet wird . Je mehr wir uns damit identifizieren, desto stärker neigen wir dazu, dieses kleine, abgetrennte Selbst schützen und verteidigen zu wollen. Wir erhöhen es und verleihen ihm zusätzliches Gewicht – und das alles nur, weil wir vergessen haben, wer wir wirklich sind. So gesehen, stellen Meditation und spirituelle Übungen Wege dar, um zu unserem ursprünglichen Gutsein zurückzukehren. Das getrennte Selbst ist deshalb nicht wertlos, es ist nur nicht alles, was wir sind.
Da fragt man sich, was aus Kindern wird, die von Anfang an als ein Ausdruck von ursprünglicher Güte behandelt werden.
Schau dir tibetische Kinder an, sie wachsen auf in einer Kultur, die Kindern viel Liebe entgegenbringt. Das Gutsein strahlt selbst aus Waisenkindern. Ich weiss das aus eigener Anschauung von Dharamsala und ähnlichen Orten her: In diesen Kindern ist so viel Glück und Freude, da sie geliebt werden und ihre Schönheit gesehen wird.
Es ist in unserer Welt sehr wichtig, wie wir unsere Kinder aufwachsen lassen. Wenn wir sie mit Strenge und Strafen erziehen, weil wir denken, wir müssten sie von ihrer Schlechtigkeit abhalten, dann werden sich ihr Geist und ihre Psyche verhärten und um Angst kreisen. Das zieht anhaltendes Leiden nach sich, und dann müssen die Menschen jahrelang meditieren, um zu ihrem ursprünglichen Gutsein zurückkehren zu können. Wie wir es am Beispiel gefürchteter Gewaltherrscher dieser Welt sehen, gibt es Menschen, die den Weg zurück möglicherweise nie finden.
Dennoch scheint es, dass Kinder sich im Laufe ihrer Entwicklung eine Persönlichkeit zulegen müssen. Du hast diesen Prozess wohl bei deiner Tochter beobachten können.
Meine Tochter kam bereits mit einer Persönlichkeit zur Welt, wie es bei allen Kindern der Fall ist, und dann hat sie ihre Persönlichkeit weiterentwickelt. Sie musste lernen, zu sagen: «Nein, das gefällt mir nicht» und «Ich möchte das anders haben». Das gilt für jeden. Ich denke, so lernen wir Selbstrespekt. Man muss sich ebenso gut um sich selbst kümmern können wie um andere. Kinder müssen das lernen, und meine Tochter hat es auf sehr schöne Weise gelernt, und sie hat ihre Persönlichkeit. Daran ist nichts verkehrt. Wir haben alle eine Persönlichkeit, und mit der Persönlichkeit verhält es sich wie mit dem Körper. Du wirst in einen bestimmten Körper hineingeboren: gross oder klein, ein Junge oder ein Mädchen, und du hast eine bestimmte Haarfarbe, Augenfarbe und so weiter. Das geht wie beim Kartenspiel. Beim Austeilen bekommst du bestimmte Karten in die Hand, und damit hast du das Leben in dieser Inkarnation zu spielen. Du kannst dich daran festbeissen oder du kannst dir sagen: Sieh an, das ist nun also die Persönlichkeit, die ich habe. Die werde ich klug verwenden.
Und das gilt ja nicht nur für die eigene Persönlichkeit, es gilt genauso für die Persönlichkeit der anderen. Wenn du glaubst, du könntest die Persönlichkeit anderer Menschen verändern – viel Glück! Versuch das mal mit deiner Partnerin, mit deinem Liebsten, mit deinen Kindern oder den Eltern. Es ist ein schnurgerader Weg ins Leiden. Stattdessen könntest du mit etwas Weisheit sagen: Ach, wie interessant. Dieser Mensch hat diese Art von Persönlichkeit, und jener Mensch hat jene Art. Wie langweilig wäre es doch, wenn wir alle gleich wären. Um weise zu sein, müssen wir die Nummer unseres Schweizer Bankkontos kennen, und wir müssen uns unserer Buddha-Natur erinnern. Beide Ebenen sind wahr, die persönliche wie die universelle. Wir wissen, dass es in der Welt politische und wirtschaftliche Reformen braucht, wenn wir Wege finden wollen, um dem Krieg, dem Rassismus, der Umweltzerstörung und der globalen Erwärmung Einhalt gebieten zu wollen. Mit Erkenntnissen der Wissenschaft und ausgleichenden Verfahren in Wirtschaft und Technik lässt sich zwar Wesentliches erreichen, doch, wie wir gesehen haben, reicht das allein nicht aus. Der Wandel muss auch einem Wandel des menschlichen Bewusstseins entspringen. Wir können uns nicht länger vormachen, wie ein einzelner Stamm oder ein einzelnes Volk abgeschieden vom Rest der Welt zu leben. Wir atmen dieselbe Luft, und wir teilen den einen kleinen Planeten. Das Gefühl, von den anderen abgetrennt zu sein, ist eine verführerische Illusion. Der Buddha in uns weiss das. Es ist Zeit zu erwachen.
Im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte ist die Meditation und ihre Wirkung von Psychologen und Neurowissenschaftlern sorgfältig untersucht worden. Um den neuen Erkenntnissen gerecht zu werden, sind Methoden entwickelt worden wie etwa die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Wird der Buddhismus durch solche Neuerungen mit der Zeit hinfällig?
Diese Forschungsprojekte finde ich gut. Sie verhelfen uns zu einem neurologischen Verständnis darüber, wie wir unsere Herzen und unseren Geist transformieren. Mit der Kraft der inneren Transformation waren buddhistische Lehrer und weise Menschen in jeder Gesellschaft seit je vertraut. Das lässt sich nun wissenschaftlich vermessen, und diese Einsichten inspirieren viele. Die neuen Meditationstechniken lassen sich erfolgreich in Schulen und Krankenhäusern anwenden. Aber diese Techniken sind nur ein geringer Teil von dem, was uns der Buddhismus lehrt. Der Buddhismus verfügt über den Reichtum von Hunderttausend Meditationstechniken. Die darin enthaltene Weisheit und Lehre wird niemals überholt sein. Würdest du denn meinen, dass Liebe und Mitgefühl jemals veralten? Dass die Befreiung von Herz und Geist jemals veraltet ist? Die Heiligkeit des Lebens? Niemals!
Ja, man kann im Gehirn bestimmte Meditationsmethoden messen, aber die sind kein Ersatz für die Tiefe des Geistes und der Seele und für das menschliche Potenzial. Neben all diesen technischen Methoden wird es immer eine heilige Dimension geben.
Und diese Dimension wird immer durch Religion abgedeckt werden?
Religion ist für einige das richtige Gefährt, andere mögen sie nicht, da Religion so oft missbraucht wurde und zu religiösen Verletzungen führte. Für solche Menschen wird die heilige Dimension lebendig, wenn sie in den Bergen wandern und eine schöne Blume sehen, wenn es in ihnen so still wird, dass sie die Heiligkeit von allem erkennen: Die Kühe sind heilig, deine Hände sind heilig, die Wolken sind heilig, selbst die Zeitschrift, die du liest, ist heilig. Das geschriebene Wort ist Ausdruck des jahrtausendealten menschlichen Unterfangens, Sprache zu bewahren, mit den babylonischen Schrifttafeln und der frühen chinesischen Kalligrafie, ausgeführt mit zermahlener Kohle am Anfang – das ist magisch, und es ist heilig. Wir müssen uns dieser heiligen Dimension erinnern. Sie ist immer da, und wir vergessen sie. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, sich wieder daran zu erinnern.
So gesehen, bist du also Lehrer einer Religion namens Buddhismus.
Ich verwende den Buddhismus, um Menschen dabei zu unterstützen, zum Heiligen zurückzufinden, zur Würde, zu ihrem Mitgefühl und zu ihrer inneren Freiheit. Der Buddhismus ist ein Gefährt, nicht etwas, was man aufgreift, um es mit sich herumzuschleppen und daran zu glauben. Das wäre nur weiteres Leiden. Der Buddha hat immer wieder gesagt: Wenn du mit der Fähre den Fluss überquert hast, wirst du sie doch nicht an Land auf dem Rücken weiter herumschleppen.
Letztlich sind es nicht Philosophie oder Religion, auf die es ankommt, sondern es ist die Liebe, auf welche sie in unserer Inkarnation als menschliche Wesen verweisen, das Mysterium, an dem wir teilhaben. Es ist uns immer möglich, dieses Mysterium zu erkennen. Sobald wir uns daran erinnern, wer wir sind, stellt sich eine enorme Freiheit ein, die grundlegendste Form der Freiheit überhaupt: die Freiheit, deinen Geisteszustand zu wählen, egal unter welchen Umständen du lebst. Du kannst Aung San Suu Kyi sein in einem Gefängnis in Burma oder Nelson Mandela, und trotz allem ist dein Herz frei.
Lesen Sie das ganze Interview in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 93
Literatur: Jack Kornfield: Das weise Herz. Goldmann Verlag, München 2009.
www.karuna.ch
www.spiritrock.org
