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Heft-Ausgabe Nr. 94 Winter 2010
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Olympische Winterspiele auf gestohlenem Land
Der Lil’wat-Indianer Hubert «Hubie» Jim ist Hüter eines Berges im Westen Kanadas, wo die Olympischen Winterspiele 2010 stattfinden – auf dem Land seiner Vorfahren.
Von Helena Nyberg

Die Provinz British Columbia ist die Heimat grosser indianischer Völker, die in einer für Kanada einmaligen Situation sind: Es ist die einzige Provinz, in der das gesamte Land noch den First Nations gehört – denn Verträge wurden in der alten Zeit nie abgeschlossen. Doch die Gier nach Land und Ressourcen hat die Indigenen überrollt. Mit langwierigen neuen Landrechtsverhandlungen, bei denen die First Nations nur verlieren können, versuchen Regierung und Grosskonzerne, an den kostbaren Boden zu kommen. Bewundernswert sind da die Anstrengungen indianischer Gemeinschaften, die unter grossen persönlichen Entbehrungen gewaltfrei ihr eigenes Land besetzt halten, um es vor dem Zugriff des Big Business zu schützen.
Der gut 50-jährige, mittelgrosse und drahtige Lil’wat-Indianer steht am Herd, in der Pfanne brutzelt Gemüse mit frischem Lachs. Ein bunt gemischtes Chaos aus unzähligen Einmachgläsern mit Wurzelgemüse, Pilzen, Zwiebeln um ihn herum, getrockneter wilder Knoblauch hängt von der Decke, Unterlagen und Dokumente türmen sich auf den Tischen und Ablageflächen, die auf dem fest gestampften Erdboden balancieren – trotz Nieselregen strömt eine heimelige Wärme durch das Gebilde aus Pfählen, Plastikplanen, Brettern und Wellblech. An den Wänden Fotos von Landbesetzungen, Verhaftungen, Aussagen von Widerstandskämpfer – die ganze Geschichte des neuzeitlichen indianischen Widerstands gegen den Raub ihres Landes ist hier versammelt.
Gerade sei er aus dem Wald zurückgekommen, die Bären und Füchse seien ihm bei der Suche nach Beeren zuvorgekommen, er habe kaum etwas gefunden, dabei gebe es über 24 verschiedene Beerenarten rund um das Camp herum. Hubert Jim, genannt Hubie, spricht über das Sutikalh Peace Camp, ein indianisches Friedenscamp, einen Steinwurf hinter der Duffy Lake Road, einer Strasse, die nach Whistler führt, dem grossen Wintersportzentrum, das auch eines der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele sein wird.
Die Winterspiele bedrohen unabgetretenes St’at’imc-Territorium, die Stadt Whistler liegt auf Land der Lil’wat, einer St’at’imc Nation. Die Indianer sind gezwungen, vor Gericht um ihr Recht zu kämpfen. Wo das nichts bringt, gehen sie vor Ort und markieren mit Leib und Leben den Anspruch auf ihr eigenes Land. So errichteten die Lil’wat im Jahre 2000 das Sutikalh Camp, unterstützt von anderen indianischen Völkern der Provinz. Sie protestierten gegen das in ihren Augen unrechtmässige Vorhaben, hinter Sutikalh unberührte Wälder und heilige Stätten auf ihrem Land für den Bau eines 530-Mio.-Franken teuren weiteren Wintersportortes bei Melvin Creek zu opfern. Im Gegensatz zu diesem Projekt besteht der massiv expandierende Wintersportort Sun Peaks bereits und gilt als Paradebeispiel eines künstlich aufgeblasenen Sportzentrums – errichtet auf indianischem Land. Melvin Creek und Sun Peaks sind beide zu Symbolen im Kampf um die indianischen Landrechte in British Columbia geworden.

Berg des Volkes
Unterdessen hält Hubie allein die Stellung. Nur ungern verlasse er Sutikalh für längere Zeit; aus Angst vor randalierenden Weissen und Polizisten, die bei seiner Abwesenheit das Camp demolieren könnten. Denn Sutikalh ist für die Weissen nach wie vor eine Provokation. Nicht zuletzt dank der Finanzkrise ist Melvin Creek unversehrt geblieben. Auch die Olympischen Winterspiele konnten wegen der bereits erfolgten Verschuldung keine Spekulanten dazu bringen, sich an das heikle Melvin-Creek-Projekt zu wagen. Fast in abgeklärtem Ton erzählt Hubie, wie er vor einiger Zeit zusammengeschlagen wurde, auch eine Zahnlücke ist die Folge eines Zusammenstosses mit einem wütenden Weissen. Erst kürzlich hat der friedliebende Indianer, der rein mit seiner Präsenz die Rechte seines Volkes vertritt, unliebsamen Besuch gehabt: «Es kamen Beamte der Sondereinheit M16, der Polizei von Vancouver und des FBI. Wenn ich nicht brav sei, sagten sie, werden sie mir schöne, silberne Armreifen umlegen, meinen Kopf auf die Knie drücken und mich von hier wegbringen. Ich könne die Spiele dann aus dem Knast verfolgen. Unter dieser Drohung zu leben ist nicht angenehm, doch das Land und meine Vorfahren wollen, dass ich bleibe – so bleibe ich eben.»
Hubie scheint kein bisschen überrascht zu sein, dass er an diesem nassgrauen Herbsttag Besuch aus Europa erhält. Sein ruhiger Blick schweift über die beiden Unterstützer aus der Schweiz und Österreich hinweg, er gibt knapp Anweisungen, wohin das Mitgebrachte gestellt werden sollte. «Ihr seid nicht die Ersten heute; der Mann, der den Lawinenzustand kontrolliert, war bereits da. The raven told me you are coming – der Rabe sagte mir, dass ihr kommt.» Damit dreht er sich wieder zum Herd und erklärt eines seiner Lieblingsrezepte mit Kürbis und Lachs, um übergangslos zu erwähnen, dass Besuchende aus 110 Staaten schon bei ihm hereingeschaut haben.
«Bringt ihm Tabak, Hot Sauce und Steaks mit», hatte uns Rosalin Sam in Mt. Curry, einem Dorf der Lil’wat, eingeschärft, als sie hörte, dass wir Hubie besuchen wollten. Die von Arthrose geplagte, aber unermüdlich für ihr Volk kämpfende Indianerin versucht Sutikalh von aussen zu unterstützen. Vom Lokalfernsehen wurde sie als Gegnerin des Sports porträtiert, dabei sei sie nicht gegen Sport, sondern nur gegen den enormen Schaden, der damit einhergeht: Die Strassen, die in die Steilhänge der unberührten Berge gesprengt werden, der Kahlschlag der Urwälder, die für die indianische Nahrung und Heilkunst so wichtigen Beeren, Wurzeln und Pilze beherbergen, das natürliche Habitat für die vielen Wildtiere, und nicht zuletzt die Entweihung und Zerstörung der heiligen Stätten der Urbevölkerung. «Wir haben keine sichtbaren Kirchen oder Tempel, die in den Wäldern stehen, wir gehen zu unseren heiligen Stätten, führen unsere Zeremonien durch und verlassen diese Orte, ohne etwas in der Natur zu verändern oder zurückzulassen; das ist unsere Art der Spiritualität. Auch wenn wir nur durch unsere mündliche Überlieferung nachweisen können, dass diese Stätten seit Urzeiten für uns heilig sind, müssen sie unversehrt bleiben. Zudem hat das Oberste Bundesgericht uns ja recht gegeben und damit die mündliche Überlieferung als Beweis anerkannt. Kanadische Gesetze müssen doch auch für das Big Business gelten», ereifert sich die sonst sehr ruhige Lil’wat.

Gekaufte Indianer
Mt. Curry sei schon mehrfach das Ziel der Sicherheitskräfte gewesen: «Alle, die gegen die Spiele sind, bekamen hohen Besuch und wurden befragt, was sie zu tun gedenken. So wie bei Hubie haben sie auch hier die Leute bedroht. Nicht mal ein T-Shirt, etwa eines mit der Aufschrift No Olympics on Stolen Native Land darf man tragen, da alle Arten von Opposition werden während der Spiele verboten sind.» Selbst die weisse Bevölkerung frage sich langsam, ob da noch eine Grenze sei zwischen Bürgerrechten und polizeistaatlicher Kontrolle. Rosalin Sam ist sich nicht zu schade, mit dem Filz von Immobilien- und Baufirmen das direkte Gespräch zu suchen. Aber als diese mit einer getürkten Umweltstudie zu beweisen versuchten, dass es keine Wildtiere im fraglichen Gebiet gebe und die Indianer das Gebiet gar nicht nutzen würden, flog sie mit einem Helikopter dorthin, wo Melvin Creek gebaut werden sollte. Rund um die heiligen Stätten, wo nach dem Willen der Spekulanten Skilifte und Hotelkomplexe stehen sollen statt der urtümlichen Wälder, verstreute sie die Asche einer verstorbenen Aktivistin. «Falls die denken, sie können zu bauen beginnen, dann müssen sie sich zuerst mit Mona und ihrem Spirit auseinandersetzen. Mona war eine der Begründerinnen des Sutikalh-Camps, und sie hatte immer gesagt, so lange sie da sei, werde dem Land nichts geschehen – nun ist halt ihre Asche da.»
Gegenüber den Häuptlingen, den St’at’imc-Chiefs, musste Rosalin oft laut werden, bis diese begriffen, um was es geht. «Es geht ja nicht um mich, sondern um unsere Enkel, auch um die Enkel der Chiefs», erklärte ich, «Hubie darf nicht allein gelassen werden.» Schliesslich gelang es ihr, die 100%ige Unterstützung der Chiefs zu erhalten: Sie unterschrieben eine Resolution zur Erhaltung des ursprünglichen Zustands von Melvin Creek.
Wichtig ist, dass Melvin Creek nicht wie etwa Stein Valley zu einem Provinzpark erklärt wird; sonst würde das Gebiet nämlich den Behörden unterstehen, und in einem Park können die Urvölker ihren Traditionen nicht nachleben. «Es ist schwierig für mich, mit der eigenen Stammesregierung zu reden, denn die Lil’wat gehören zu den von den Olympischen Winterspielen eingebundenen ‘Four Host Indian Nations’ – zusammen mit den Musqueam, Squamish und Tsleil-Waututh First Nations. 20 Mio. Franken allein erhielten die Lil’wat und die Squamish; nun steht in Whistler ein tolles Kulturzentrum, aber das wiegt eine kaputte Umwelt doch nicht auf!»
Eigentlich sind ja die indianischen Stämme seit Urzeiten gute Gastgeber, denkt man an die Ankunft der weissen Siedler und wie freundlich sie von der Urbevölkerung Amerikas aufgenommen worden sind: Dieser Tradition nachleben wollten sicher ursprünglich die Four Host Indian Nations– leider ist der hehre Gedanke von kommerziellen Aspekten untergraben worden.
Rosalin erzählt bitter: «Das Geld, das uns das olympische Organisationskomitee angeboten hat, hat viele Familien entzweit. Einige wenige haben Jobs bekommen und können ihre Familien unterhalten. Dafür müssen sie schweigen. Doch nach den Spielen bleibt uns eine fette Schuld von ca. 165 Mio. Franken. Wir haben gewarnt, es werde nicht genügend Schnee geben, bei starkem Regen können auch 1000 Schneekanonen nichts ausrichten. Und die dem Kunstschnee zugesetzten Chemikalien gefährden die Umwelt noch mehr. Die Olympischen Winterspiele ziehen nach drei Wochen ab, wir aber bleiben zurück – mit allen Schäden und Schulden.»

Unterstützung
Rosalin hat von der Lil’wat-Stammesregierung gerade mal einen 75-Dollar-Gutschein gekriegt, um Hubie Winterstiefel zu kaufen; in den Bergen wird es bis zu –45 Grad kalt. Sie macht das Fundraising für Hubie und muss sogar eigene Leute bezahlen, damit diese Hubies Platz einnehmen, wenn er mal das Camp verlassen will! Nun sorgt sie sich um seine Winterausrüstung; für Schuhwerk allein braucht er ca. 500 Franken pro Jahr, 450 Franken für Essen und Propangas.
Was möchte sie den Lesern von SPUREN mitteilen, in der fernen Schweiz? Rosalin überlegt nicht lange: «Als Mutter und Grossmutter – und auch im Namen von Hubie – möchte ich die Leute wissen lassen, dass wir uns für Mutter Erde einsetzen, und das tun wir nicht für uns, sondern für unsere Enkel. Man hat uns gelehrt, aus der Vergangenheit zu schöpfen und in die Zukunft zu schauen. Das Geld von den Olympischen Spielen wird weg sein, das Land bleibt. Kauft man einen Riegel, isst man ihn; aber eine Handvoll Erde bleibt, das haben uns unsere Vorfahren gelehrt. Mein Enkel ist so alt wie der Kampf um Sutikalh, und er weiss bereits, wie wichtig das Land ist.» Auf die Frage, ob denn die Olympischen Spiele 2010 für die indianische Bevölkerung irgendetwas Positives bringen würden, sagt die Lil’wat-Aktivistin und Älteste nach einem langen Schweigen: «No.»


Quellen:
http://sutikalh.blogspot.com/
www.incomindios.ch
www.no2010.com

Helena Nyberg ist seit 1980 Aktivmitglied von INCOMINDIOS Schweiz, einer Organisation, die sich für die politischen Rechte indigener Völker einsetzt. Als professionelle Dolmetscherin hat sie 1984 die Olympischen Spiele von Los Angeles erlebt – die ersten, die von Sponsoren getragen wurden und einen klar definierten kommerziellen Zweck hatten. Im vergangenen September bereiste sie mit einem Forstingenieur der Wiener Partnerorganisation AKIN British Columbia.


Autor: Helena Nyberg | Profil
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