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Heft-Ausgabe Nr. 94 Winter 2010
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Ins Gesicht geschrieben
Kein anderer Körperteil zeigt mehr, wer wir sind und was in uns vorgeht, als das menschliche Gesicht. Das gilt für Babys, für Pokerrunden wie für den Dalai Lama.
Von Martin Frischknecht

Wenn wir geboren werden, wenn wir, wie man sagt, das Licht der Welt erblicken, was sehen wir da? Sehen ist beileibe nicht der erste Sinn unseres Lebens. Bereits im Mutterleib hört der Mensch, darauf schmeckt, riecht und tastet er, der Sehsinn bildet sich nur allmählich aus und gewinnt für die Wahrnehmung des Neugeborenen im Verlaufe der ersten Monate an Bedeutung. Zunächst unterscheiden wir durch unsere Augen bloss hell und dunkel, mit der Zeit bekommt die Welt um uns Tiefe und Kontur. Das entscheidende Bild, das uns immer wieder erscheint, mal ganz nah, dann wieder auf Distanz, ist ein Gesicht. Es ist das Gesicht der Mutter. Bald können wir aus allen Gesichtern, die uns vor Augen kommen, das Gesicht der Mutter erkennen. Ihre Nase, ihre Augen, ihre Stirn und ihr Mund lehren uns lesen. Wir lesen Gefühle.
Rund dreissig Muskeln bewegen das Gesicht des Menschen, etwa ein Drittel dient dem mimischen Ausdruck, das heisst, mit diesen Bewegern teilen wir anderen bewusst oder unbewusst mit, wie wir drauf sind und was in uns vorgeht. Den Zusammenhang zwischen Mimik und Emotion haben wir von der Wiege auf erlernt, und zwar rasch und gründlich. Seitdem sind die Bahnen zwischen mimischem Ausdruck, Wahrnehmung und Gefühl in unserem Hirn derart eingespielt, dass die Signale, die auf ihnen transportiert werden, kaum noch ins Bewusstsein dringen. Die Reize werden automatisch verarbeitet und bestimmen doch ganz wesentlich, wie wir uns anderen gegenüber verhalten. Es ist der legendäre erste Eindruck, und zwar der allererste und meist auch der entscheidende, den wir beim ersten Anblick eines Gesichts gewinnen. Dieser Eindruck, verbunden mit einem Gesicht, wird zu einem Bauchgefühl, das uns für andere einnimmt oder gegen sie stimmt.
Der erste Eindruck bildet die Tiefenschicht. Dauert die Begegnung zweier Gesichter länger, kommen neue Eindrücke hinzu. Über die sogenannten Spiegelneurone nehmen wir die Stimmung eines Gegenübers nicht bloss wahr, sondern empfinden diese Gefühle auch gleich selber, wodurch sich innert Sekundenbruchteilen eine Feedbackschlaufe ergibt, auf der wir uns wechselweise aufeinander einschwingen.
John Cleese reiste für eine BBC-Dokumentation über das menschliche Gesicht nach Mumbai, Indien. Dort gesellte sich der englische Komiker unter Anleitung von Dr. Madan Kataria zu einer Gruppe, die jeden Morgen unter freiem Himmel Lachyoga praktiziert. Wirklich lustig fand der englische Komiker die forciert aufgeräumte Stimmung eigentlich nicht. Doch, so merkte er bald, darum geht es gar nicht. Der menschliche Organismus unterscheidet nicht zwischen einem künstlich «gemachten» Lachen und echtem, spontanem Lachen. Die erwünschten und durch Studien belegten positiven Gesundheitseffekte stellen sich so oder so ein. Und, so erkannte Cleese, wer von lauter lachenden Gesichtern umgeben ist, kann gar nicht anders, als mitzulachen. Die Stimmung der anderen reisst einen mit, man lacht selber, dadurch wiederum verstärkt sich das Lachen der anderen und so weiter. «Fake it, fake it, until you make it (Täusch es vor, täusch es vor, bis es dir gelingt)», rät Madan Kataria dem Monty-Python-Komiker, worauf die beiden herzhaft lachen.

Der universale Ausdruck
Unter Anthropologen galt lange Zeit als gesichert, dass die Signale, welche wir mit unserem Gesicht aussenden, in der Kindheit und Jugend durch das Kopieren anderer Menschen erlernt werden, und dass die Grammatik, derer wir uns dabei bedienen, je nach Kultur und Geschlecht verschieden ist. Diese Annahme entsprach Beobachtungen von Forschern bei fremden Völkern: Ganz offensichtlich bedeutet es nicht dasselbe, wenn eine Burmesin die Augen niederschlägt, wie wenn ein Buschmann der Kalahari dasselbe tut. Eine Untersuchung mit Testpersonen aus Japan und aus den USA ergab beispielsweise den sprechenden Unterschied, dass Erstere häufig mit einem verlegenen Lächeln reagierten, wenn ihnen in Gegenwart einer Autoritätsperson ekelerregende Bilder gezeigt wurden, während die Amerikaner recht ungeniert ihren Ekel ausdrückten, wenn sie Ekel empfanden.
Doch wenn Ekel sich ungehindert auf einem Gesicht zeigt, sieht das rund um die Erde gleich aus: Die Oberlippe wird hochgezogen, die Unterlippe geht mit und schiebt sich ein wenig nach vorn. Dadurch bilden sich zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln zwei markante Falten. Auch die Nase zieht nach oben, wodurch sich auf dem Nasenrücken Querfalten bilden. Paul Ekman hat den Gesichtsausdruck für Ekel neben dem für Fröhlichkeit, Wut, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung in verschiedenen Gegenden der Welt untersucht. Dabei konnte er feststellen, dass alle Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts diese Zeichen intuitiv richtig lesen. Um jede kulturelle Beeinflussung auszuschliessen, reiste Ekman zu einem sogenannten Steinzeitvolk in Papua-Neuguinea und legte den Eingeborenen Gesichter von Weissen vor. Auch dort zeigte sich, was mittlerweile als gesicherte Erkenntnis gilt: Der mimische Ausdruck von elementaren Emotionen ist überall auf der Welt derselbe, und er wird von sämtlichen Menschen universell richtig verstanden. Diese Wahrheit hatte bereits Charles Darwin in seinem 1872 veröffentlichten Werk Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren postuliert.

Sein Gesicht verlieren
Was nicht heisst, dass aus unseren Gesichtern fortwährend Emotionen sprechen würden. Gerade nicht. Die Sache ist weit komplexer. Im Verlaufe der Kindheit und Jugend haben wir es uns abgewöhnt, das, was in uns vorgeht, über unser Gesicht anderen gegenüber auszudrücken. Starke Gefühle zu zeigen gilt als Schwäche, cool sein ist alles. So kommt es beispielsweise zum verlegenen Lächeln der japanischen Probanden im bereits erwähnten Versuch. Es ist eine antrainierte Reaktion, um zu signalisieren: Das ist mir peinlich. Mit meinem Lächeln zeige ich dir, dass es mir unangenehm ist, weiter in diesen Bereich vorzudringen. Hinter der Fassade des Amusements hält sich ein starkes Gefühl versteckt, dessen Ausdruck in der Gesellschaft verpönt ist.
Wem dennoch der Ausdruck eines starken Gefühls passiert, läuft Gefahr, «sein Gesicht zu verlieren», was ja nichts anderes bedeutet, als dass sich die Peinlichkeit nun auf sämtliche Mitglieder der Gesellschaft verteilt. Wer dem Menschen «ohne Gesicht» über den Weg läuft, ist von dessen Anblick peinlich berührt und sucht weiteren Begegnungen aus dem Weg zu gehen. Der Gemiedene gerät so an den Rand der Gesellschaft und führt so etwas wie eine unsichtbare Existenz.
Dass Mitte 2009 ausgerechnet dem Bundespräsidenten der Schweiz gerade dies geschah, dass der sichtbarste Politiker seines Landes vor aller Leute Augen gemäss eigener Aussage sein Gesicht verlor, und zwar im glücklosen Umgang mit einem in seiner Familienehre verletzten arabischen Potentaten, dessen Gesicht vor langer Zeit bereits zur ausdruckslosen Maske erstarrte, führt vor Augen, wie vielfach aufgeladen und widersprüchlich unsere Fähigkeit ist, Gesichter zu lesen.
Wir blicken hin, wir nehmen wahr, wir sind berührt, und wir halten zurück. Als Erwachsene sitzen wir gewissermassen alle am Tisch einer Pokerrunde und üben uns mehr oder minder geschickt darin, aus den Gesichtern der anderen möglichst viel akkurate Informationen herauszulesen, während wir von uns selber möglichst wenig preisgeben.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe von Spuren Nr. 94.

Literatur: Paul Ekman: Gefühl und Mitgefühl. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, 354 Seiten, Fr. 42.90. Victor Chan: Die Weisheit des Verzeihens. Bastei Lübbe Taschenbuch,
Bergisch Gladbach 2007, 254 Seiten, Fr. 16.50.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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