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Nr. 95 Frühling 2010
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Einrenker, Handaufleger, Gebetsheiler – Heiler in der Schweiz
Ein spannendes Buch liefert eine Studie zur Heiler-Szene der Schweiz
Von Eva Rosenfelder

Gibt es sie noch in der Schweiz, die traditionelle Volksheilkunde? Nach Magali Jennys Erfolg mit Guérissuers, rebouteux et faiseurs de secrets en Suisse romande, ursprünglich die Lizenziatsarbeit einer Ethnologin, liegt nun der erste umfangreiche Führer über Volksheiler und Volksheilerinnen in der Deutschschweiz vor. Gemeinsam mit der Religionswissenschaftlerin Riti Sharma hat Magali Jenny Gespräche geführt mit Heilkundigen in der Deutschschweiz, diese wurden sorgfältig aufgezeichnet und analysiert.
Die beiden Frauen haben ganze Arbeit geleistet: Mit offenem Ohr und Herz haben sie versucht, zwischen die Zeilen zu hören, und stellten sich ehrlich der schwierigen Aufgabe, das «Unerklärliche» in Worte zu fassen. Es ist ihnen gelungen, den Schleier, der über der Volksheilkunst liegt, ein wenig zu heben und die Tätigkeit jener besonderen Menschen zu würdigen, deren einziges Herzensanliegen es ist, menschliches Leiden zu lindern.
Aus vielen Gesprächen wird ersichtlich, dass die Volksheiler sich eine bessere Zusammenarbeit mit der Schulmedizin wünschen. Eine gegenseitige Ergänzung würde aus ihrer Sicht zu optimalen Ergebnissen führen. «Doch die Ärzte sind immer noch allergisch auf unsere Arbeit …»
Der erste Teil des Buches widmet sich dem Stand der Dinge: Was ist überhaupt ein Heiler? Welche Kategorien von Heilern gibt es? Kann man das Heilen lernen, oder braucht es dazu die «Gabe»? Im zweiten Teil finden sich 31 Begegnungen mit verschiedenen Heilern und Heilerinnen, vom Einrenker über den Pendler bis zum Exorzisten kommen sie zu Wort. Die Adressliste im Anhang ermöglicht eine direkte Kontaktnahme.

Unzählige Wege
Die Gespräche zeigen unzählige Möglichkeiten und Wege auf, die zur Heilung führen können, aber nicht unbedingt müssen. «Manchmal heisst Heilung auch, sich mit dem eigenen Sterben zu versöhnen», meint eine Heiltätige. Wie jeder Mensch sich vom andern unterscheidet, so auch jeder Weg, um «heil» zu werden.
Traditionelle Heiler sind heute nicht mehr so einfach zu unterscheiden von modernen Heilern, die naturheilkundliche, fernöstliche oder esoterische Praktiken in ihre Arbeit einbeziehen. Aber es gibt sie noch: die einfachen, eher ungebildeten Volksheiler, Handaufleger, Gebetsheiler, Wassersucher und Einrenker. Sie haben ihre Begabung geerbt oder als Einweihung erlebt, und sie können schlicht nicht anders, als auf ihre Art zu wirken. Ihrer Intuition folgend, heilten sie zuerst nur in der Familie und im Bekanntenkreis. Hatten sie damit Erfolg, so machte das bald die Runde, die Klientel wuchs, manchmal ins Unermessliche …
Diese Heiltätigen haben keine ausgefeilten Theorien und sind oft christlich-religiös orientiert. Für ihren Dienst nehmen sie kaum Lohn, weil sie ihre «Gabe» als Geschenk Gottes ansehen. Doch auch hier ist einiges im Wandel: Eine jüngere Generation ist bestrebt, das Berufsbild durch anerkannte Ausbildungen und Diplome zu professionalisieren und «Naturtalent» mit Fachwissen zu ergänzen.
Eine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen «Heilung» gibt es nicht, dafür immer wieder erstaunliche Besserungen in Fällen, welche von der Schulmedizin längst aufgegeben wurden. Nicht sie seien es, sagen die Heiler dann, vielmehr bewirke eine höhere Macht die Heilung. Der Kranke selbst habe den Impuls bekommen, aus einer Quelle zu schöpfen, und diese Quelle habe in ihm die Heilung bewirkt.
Das spannende Nachschlagewerk vermag das Rätsel auch nicht zu lösen, doch die Worte eines Heilers, «Hauptsache, es wirkt», beinhalten wohl das Wichtigste, dem es zu folgen gilt.

[i]Magali Jenny und Riti Sharma: Heilerinnen und Heiler in der Deutschschweiz. Favre Verlag, Lausanne 2009, 286 Seiten, Fr. 35.–.[/¡]


Autor: Eva Rosenfelder | Profil
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