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Nr. 97 Herbst 2010
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Frei Tod
Zwei geliebte Menschen verlor sie auf einen Schlag, zuvor schon schieden Vertraute durch Suizid aus dem Leben. Das tut weh. Dennoch plädiert sie für ein Recht der Selbstbestimmung beim Sterben.
Von Denise Maurer

«Ins Tal des Todes stiegst du hinab. Da, wo Schatten Schatten werfen, sehe ich dich Bruder Tod suchen, doch er schickt dich zurück. Zu früh, zur Unzeit gekommen, sagt er. Sieh die rosa Wolken, die den neuen Tag begrüssen.» Sätze, die ich vor elf Jahren, nach dem ersten Suizidversuch meines damaligen Partners, geschrieben habe. Seine Zeit war offenbar noch nicht gekommen, obwohl, so glaube ich, auch ein Suizid dieser richtige Zeitpunkt sein kann.
Beim zweiten Mal hat er es geschafft. Vier Jahre später. «Deine Sehnsucht zu gehen, sie wuchs, je schwerer dir das Leben wurde. Unfähig zu leben – du – hier, auf dieser Seite der Haaresbreite», schrieb ich einige Monate später in einem Brief an meinen Partner, der nicht mehr da war. «Schwer die Lasten, die du dir aufgebürdet hast. Schwer dein Leben, wie du es verstanden hast. Zu schwer für dich. Unerträglich. Immer stärker der Ruf in dir drin zu gehen. Zu kommen. Auf die andere Seite der Brücke. Bruder Tod, hat er gerufen? Dass es nun Zeit sei?
Doch diesmal gingst du nicht allein. Sohn, mein Sohn, geliebter Sohn – wolltest du mitgehen? So es deine Entscheidung war, will ich sie respektieren. Auch wenn mein Herz nach dir schreit und dich hinüberziehen will. Zu mir. Auf diese Seite. Nein, ich fürchte die andere Seite nicht. Doch ich vermisse dich so sehr. Unfassbar. Unbeschreiblich. Du begleitetest deinen Vater durch das Tor, über die Schwelle. Ich verehre dich für deine Klarheit. Für deine Hilfe. Ja, hilf ihm ins Licht. Und hilf mir zu leben – hier auf der anderen Seite der Haaresbreite. Ohne dich.»
Ja, ich glaube, dass kein Mensch zur Unzeit sterben kann. Angesichts von Krieg, Mord und Totschlag mag das zynisch klingen und irrational – doch ist Glauben nicht immer irrational? Tod sowieso.
Die Sehnsucht, meinen zwei Verstorbenen auf die andere Seite zu folgen, war zeitweilig unendlich gross. Allerdings kannte ich diese Sehnsucht bereits gut. Eine Sehnsucht nach dem Ende von Schmerz, Vermissen und Leiden, eine Sehnsucht nach Erlösung.

Keine Angst
Ich kann mich nicht daran erinnern, mich vor dem Tod je gefürchtet zu haben. Schon als Kind war der Tod mir alltäglich und vertraut, und ich blickte unbefangen hinter den Vorhang auf jene andere Seite des Lebens. Zwar beweinte und betrauerte ich sterbende Haustiere, ich trauerte um tote Vögel, um die an einem Hirntumor verstorbene Schulkameradin und um den alten Grossvater, doch tat ich dies ganz selbstverständlich. Ich bejahte bereits im Vorschulalter die Vergänglichkeit, die Sterblichkeit jeden Lebens, die hinter dem Schmerz des Abschiedes aus dem Schatten trat. Weder wusste noch weiss ich, was danach kommt, doch die Endlichkeit des Lebens war mir von jeher tröstlicher als die Vorstellung von Unendlichkeit. Des Schlafes grosser Bruder, der Tod – er gehört zum Leben. Das Bewusstsein von Vergänglichkeit vertieft meine persönliche Liebe zum Leben, meine Gegenwärtigkeit. Ich will irdische Endlichkeit nicht nur akzeptieren, sondern sie auch willkommen heissen, und den Tod nicht mehr als Spielverderber erfahren, sondern als Gefährten und Wandler. Was wir Tod nennen, nennt die Raupe Schmetterling.
Mit achtzehn erlebte ich meinen ersten Suizid aus der Nähe mit. Eine Schulkollegin. «Das darf man doch nicht!», hörte ich eine Frau nach der Abdankungsfeier sagen. Eben erst hatte sie erfahren, dass die Tochter ihrer Freundin nicht bei einem Unfall gestorben war. Hinter vorgehaltener Hand. Im Flüsterton. Suizid zu verurteilen ist fehl am Platz. Das Leben ist kostbar, keine Frage, doch Tod und Sterben sollen würde- und respektvoll gehandhabt werden. Auch Suizid. Was wissen wir schon darüber, wie es in einem anderen Menschen aussieht?

Sehnsucht nach Auflösung
Diese Sehnsucht, sich im Alles, sich im Nichts aufzulösen, wer kennt sie nicht? Die einen suchen ihre Erfüllung im Leben, andere im Tod. Von beiden erhoffen wir Ganzheit. Intensives Nachdenken über den Tod sei, so las ich neulich, sexueller Lust ähnlich. Zwei Themen, die alles von uns fordern. Sexuelle Erfüllung ist Hingabe an das Grosse Jetzt, der Tod ist Hingabe an das Grosse Immer. Möglicherweise an das Grosse Immerwieder.
Haben wir Suchenden, die zweifeln und anecken, überhaupt noch Platz in einer immer schneller werdenden Gesellschaft? Die Wertschätzung, die einem Menschenleben in unserer auf Profit und Rentabilität fixierten Gesellschaft gezollt wird, hält kaum den ethischen, moralischen und spirituellen Spielregeln ebendieser Gesellschaft stand. Die Nützlichkeit ist das Mass aller Dinge und der Wert eines Menschenlebens entsprechend relativ. Klafft die Diskrepanz zwischen gelebter Realität und erhofftem Ideal immer mehr auseinander, tauchen Fragen auf: Will ich hier, will ich so leben? Weiterhin? Wäre es auf der anderen Seite des Vorhangs nicht schöner?
In Bezug auf die letzten Fragen zu Leben und Tod werden wir immer Glaubende sein, Zweifelnde, Fragende, Suchende. Ist es Demut, Glauben, Verzweiflung oder Feigheit, die uns letzte Antworten nach aussen und nach oben delegieren lassen?
Ich wünsche uns Mut, den Tod von seinen dunklen Gewändern zu befreien, denn noch immer werden der Tod und ganz besonders der Freitod dämonisiert. Unsere tolerante Gesellschaft verhält sich, wenn es um das Thema «freie Wahl» in Bezug auf Leben und Tod geht, zurückhaltend, um nicht zu sagen ignorant. Nimmt sich jemand das Leben, machen Urteile, machen Vorurteile die Runde, und es beginnt eine Suche nach Schuldigen. Wozu?
Wie wenig hilfreich Schuldzuweisungen sind, erlebte ich hautnah nach dem Suizid meines Partners vor sieben Jahren. Heute denke ich, dass es letztlich egal ist, woran jemand stirbt. Wir alle sterben eines Tages. Im Tod sind alle gleich.
Jeder Tod reisst eine Lücke in ein Beziehungsnetz. Jeder Verlust tut weh. Trauern wandelt den Schmerz. Es ist überlebenswichtig, Abschied zu nehmen und zu würdigen, was war und was wir gemeinsam mit dem verstorbenen Menschen erlebt haben. Besonders auch Schweres. In einem Trauerseminar für Eltern verstorbener Kinder, das ich damals beim Trauerexperten Jorgos Canacakis besuchte, begriff ich, wie wichtig es ist, Trauer und Tränen zuzulassen. Zurückschauen ist heilsam, und Tränen sind notwendig. Nicht aber Schuldzuweisungen. Auch nicht Selbstvorwürfe, wie wir einen Suizid hätten verhindern können. Hätten wir wirklich eingreifen sollen, so wir gekonnt hätten, um Leben zu retten? Rauchen kann tödlich sein!, steht auf Zigarettenschachteln, ohne dass wir jede Raucherin bei jeder Zigarette darauf aufmerksam machen. Lebensgefährlich!, steht auf den gelben Tafeln an den Hochspannungsmasten. Ja, Leben ist lebensgefährlich. Der Tod auch. Das Schlimmste, was uns passieren kann? Ist es schlimmer, nicht befriedigend leben zu können, oder ist es schlimmer zu sterben? Kann das nicht jeder und jede nur für sich selbst beantworten?

Frei Tod
Man kann mir vorwerfen, ich versuche, mit diesem Plädoyer für einen würdigen Freitod die erlebten Suizide zu rechtfertigen oder schönzureden oder dass ich gewisse Bereiche, die mit diesem komplexen Thema verknüpft sind, ausklammere. Mag sein. So vielschichtige Geheimnisse lassen sich weder objektiv noch umfassend abhandeln. Meine Wahrheit ist, dass ich durch eigene Erfahrungen, Menschen, die Suizid begehen wollen und begangen haben, verstehe. Ich verstehe sie nicht nur, ich kenne sogar ihre Sehnsucht nach drüben.
Ein benennbares Schlüsselerlebnis, das schliesslich zu einem Suizid führt, gibt es selten. Meist kommen verschiedene Gründe zusammen. Allmählich verdichtet sich der Wunsch nach einem irdischen Ende. Gleichzeitig wachsen Isolation und Vereinsamung, da sich kaum jemand traut, offen zu seinen Sterbewünschen zu stehen. Wer es dennoch wagt, stösst auf Unverständnis. Aussenstehende geben zwar gut gemeinte Tipps, stossen damit jedoch auf Widerstand. Können Freunde tatsächlich wissen, gar besser wissen, was jemand in einer Situation wie dieser braucht? Am wenigsten hilft die Gleichung, dass Leben richtig und Suizid falsch ist. Die Gleichung eines Suizidwilligen klingt zum Beispiel so: Die Aussicht auf den Tod wird mit Freiheit und Frieden, mit Erlösung von den Gesetzen der Materie assoziiert, die Aussicht auf Weiterleben mit Angst. Ein Leben muss sich sowohl heute als auch morgen und übermorgen lebbar und lebenswert anfühlen. Tut es das nicht, ist Suizid eine umsetzbare Möglichkeit, ein logischer, nächster Schritt.

Die einen vollziehen ihren Suizid gut sichtbar und dramatisch, andere schleichen sich, nicht zuletzt aus Rücksicht auf ihre Mitmenschen, leise, undramatisch und verschämt davon. Das muss nicht sein. Ein Freitod soll und darf nicht illegal sein. Er darf und soll – wie ein sogenannt natürlicher Tod – würdig vonstatten gehen. Doch so lange wir diesen wie jenen als Feind behandeln, der uns zur Unzeit in die Quere kommt, statt als Freund, der uns hilft, das Leben umfassender zu verstehen, sind wir noch weit davon entfernt, den frei gewählten Tod anzunehmen als das, was er ist.
Exit und andere Sterbehilfeorganisationen versuchen, den komplexen Themenkreis zu enttabuisieren, und sie stossen dabei auf grosse Widerstände. «Dürfen wir der Schöpfungsordnung ins Handwerk pfuschen?», fragen die Gegnerinnen, während die Befürworter Autonomie und Würde betonen, die wir im Leben und im Sterben wahrnehmen sollen.

Integration statt isolation
Seit vielen Jahren spreche ich mich für einen würdigen Freitod aus. Nicht nur für Menschen, die sterbenskrank sind oder unerträgliche körperliche Schmerzen haben und sich mit ihrem Anliegen an Sterbehilfeorganisationen wenden. Auch Menschen, die aus anderen Gründen sterben wollen, sollen freiwillig, würdig und ohne gesellschaftliches Naserümpfen sterben dürfen. Völker wie die Aborigines in Australien leben es uns vor: Spürt ein Mensch, dass seine Zeit gekommen ist, verabschiedet er sich von seiner Sippe, bleibt zurück und erwartet Bruder Tod. Bei uns könnte das so aussehen: Ein Mensch, der den Wunsch hat zu sterben, wendet sich an die Ärztin oder an den Psychiater seines Vertrauens. Medizinische Fachpersonen sollten besser auf solche Situationen vorbereitet werden. Sie stellen dem sterbewilligen Menschen, der sich ihnen anvertraut, gegen Unterschrift und auf eigene Verantwortung ein Rezept für ein Mittel aus, das schmerzlos zum Tod führt.
Damit würde jene bereits erwähnte Schwelle der Vereinsamung und Isolation auf Grund von Illegalität und Tabus wegfallen. Ich mutmasse, dass innerhalb einer Gesellschaft eine Bewegung in diese Richtung sowie eine umfassende Integration von Tod und Freitod in den Alltag nicht eine höhere Zahl von Suiziden zur Folge haben würde, sondern eher weniger. In einer Gesellschaft, die unverkrampft und tolerant mit dem Tod umgeht, steigt die Lebensqualität, und das ist allemal überzeugender als jedes Tabu.


Autor: Denise Maurer | Profil
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Kommentare:

Liebe Denise,

vielen dank für diesen artikel, den ich so in einer spirituellen zeitschrift nicht erwartet hätte, da gerade in dieser szene vieles mit ewig lächelndem glück & der eigenen "schuld" an heilung / nichtheilung assoziiert wird.
ich gehöre zu den menschen, die seit langem suizidal sind, darum die möglichkeit des selbstbestimmten freitodes absolut befürworten. ihr artikel liest sich als brücke zwischen „einem wie mir“ & den lebenwollenden.

man kann fragen: wenn du sterben willst, warum lebst du noch?
1, weil es ein dasein auf dem grat zwischen täglichem grauen schwerster traumata & der sucht, lebendigkeit zu spüren, gibt. zu akzeptieren, dass krankheiten existieren, die marginal linder-, doch nicht heilbar sind, ist unendlich schwer.
wir wissen nicht, was im & nach dem tode geschieht, nicht, was vor der geburt war. meine / unsere seelische herkunft nicht zu spüren, erscheint mir falsch, irgendwie absurd – ich kann nur hoffen, glauben, dass hiesiges leid irgendeine form von sinn ergibt, dass es einen ort, daseinszustand gibt, an dem ich antworten darauf erhalte. trotzdem hält etwas am leben hier fest, auch wenn es sich abgespalten anfühlt – vllt. genau die unwissenheit. den letzten schritt selbsttätig zu gehen, braucht im gegensatz zur oft behaupteten feigheit der suizidalen meines erachtens viel mut. kann ich darauf vertrauen, dass dieser schritt der für meine seele genau richtige ist? stehe ich damit am anfang oder ende eines bestimmten weges oder zyklus?

2, & das ist für mich das gewichtigere: gern würde ich schmerzlos, in würde aus dem leben treten. in frieden im arm eines vetrauten menschen einschlafen. mich von denen, die mir etwas bedeuten, verabschieden können. der fakt, dass alle wege hierzu in der gesellschaft verstellt sind, macht verzweifelt. wir haben bei einem solchen entscheid nur die wahl, uns gewalt anzutun – in angst vor scheitern & entdeckung. wir müssen den entschluss heimlich, in lügen vorbereiten & umsetzen. wissend, dass bei den möglichen methoden oft schock & traumatisierung anderer menschen abzusehen sind. so möchten vermutlich die meisten sterbewilligen NICHT gehen.
bei nicht-sichtbarem leid verständnis der mitwelt zu erfahren, ist nahezu unmöglich. geschweige denn von ärzten, diese müssen den suizidenten bei einer solchen aussage sogar hospitalisieren. dabei wären eben jenes verständnis & begleitung sicher eine grosse hilfe, diesen körper in der aktuellen daseinsform in ruhe & frieden verlassen zu können.

Beitrag von: And am 19.11.2010 | 10:57
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