Die Geografie des Frauenbauches
Ein Mann setzt sich mit dem Bauch einer Frau auseinander. Eine Wertschätzung und Ehrung in feinen Worten.
Von Fredy Kradolfer
Der Frauenbauch ist die Urheimat der Weiblichkeit. Wenn Mann eine Frau wirklich berühren will, dann kommt er an ihrem Bauch nicht vorbei. Ich glaube, dass hier eine tiefe, wenn nicht die tiefste Ursache der dauernden Missverständnisse zwischen den Geschlechtern liegt: Die Männer sind nicht bereit oder in der Lage, die Geografie des Frauenbauches zu verinnerlichen. Sie haben Angst vor der Klarheit, die ihm innewohnt, und sie haben verlernt, in dieser Geografie zu reisen.
Leider ist es aber auch so, dass 3000 Jahre Patriarchat vielen Frauen den Bauch geraubt haben. Er ist zwar noch da, funktioniert als Verdauungs- und Gebärmaschine, aber ansonsten ist er tot. Ausserhalb seiner Funktionen des Verdauens und Gebärens wirkt er höchstens noch als Ärgernis und als Diskriminierungsobjekt, weil Mode und fremdbestimmte Schönheitsideale vielen Frauen einen Bauch aufzwingen wollen, der nicht zu ihnen passt und seine für das Gefühlsleben der Frau so substanzielle Funktion nicht mehr ausüben kann oder will.
Zwischen Brust und Vulva
Männer wollen Brüste und Vulven. Der Platz dazwischen ist uninteressant oder gar lästig. Der Bauch schafft bloss räumliche Distanz und erschwert die gleichzeitige Manipulation an den beiden durch Männerdiktat zu erstrangigen Befriedigungsapparaten erkorenen Objekten der eigenen degenerierten Begehrlichkeit.
Wenn der Krieg zwischen den Geschlechtern denn je einmal beigelegt werden soll, dann müssen sich die Frauen ihre Bäuche zurückerobern. Und die Männer müssen wieder lernen, mit dem Bauch der Frauen umzugehen. Sexuelle Gleichberechtigung etwa besteht nicht darin, dass Frauen, den Männern immer raffiniertere Manipulationstechniken abverlangend, ihr Recht auf Orgasmus einlösen. Oder darin, dass besonders mutige Exponentinnen des weiblichen Geschlechtes auch mal die freie und aktive Wahl des Sexualpartners praktizieren (und dabei vielleicht sogar das Glück haben, auf einen Kerl zu treffen, der dann vor lauter Schiss nicht gerade in eine irreversible Impotenz fällt). Sexuelle Gleichberechtigung, Gleichberechtigung überhaupt, beginnt damit, dass die Männer den Bauch der Frauen respektieren.
Vertrauensgebiet
Betrachten wir den Frauenbauch einmal ganz nüchtern geografisch. Für mich beginnt er knapp unterhalb der Brüste, dort, wo die Härte des Brustbeins ins Weiche übergeht. Zwischen dem Brustbein und dem Bauchnabel wohnt die Freundschaft. Eine Stelle, geeignet für freundschaftliche Berührungen. Wenn die Energie fliesst zwischen der Hand des Berührenden und diesem Ort auf dem Bauch, dann wird Vertrauen möglich, Freundschaft und das Gefühl, dass es zwischen Frauen und Männern auch noch etwas anderes geben kann als Geschlechterkampf, Brunst, Liebesdrama oder Ehelangeweile. Hier wird die Gleichheit in der Verschiedenheit spürbar, die beiderseitige Akzeptanz verschiedener Denk-, Gefühls- und Handlungsstrukturen wird möglich.
Wandern wir weiter auf unserer Entdeckungsreise über den Frauenbauch. Unterhalb der Stelle der Freundschaft kommt der Bauchnabel. Er hat für mich zwei Dimensionen: Zum einen erinnert er mich an meine ehemalige Verbundenheit mit meiner Mutter und ist aus dieser Perspektive für mich ganz persönlich ein Ort der Melancholie. Warum musste ich 45 Jahre alt werden, bis ich merkte, was eine Mutter auch für einen erwachsenen Mann bedeuten kann? Wieso erkennen viele Männer nicht, oder erst (zu) spät, dass sie jemanden in ihrem Umfeld wissen müssen, der sie bedingungslos liebt, der ihnen immer, auch in den tiefsten Tälern eines Männerlebens, nur Gutes will? – Rebellion gegen die Eltern und mithin auch gegen die Mutter ist ein normaler Prozess im Leben jedes erwachsen Werdenden. Männer, welche die Versöhnung mit ihrer Mutter verpassen, laden sich damit eine schwere Bürde auf. Für mich hat die Versöhnung mit der Mutter geradezu symbolischen Charakter: Sie ist die Versöhnung mit dem Weiblichen schlechthin.
Nabelprobe
Die zweite Dimension des Bauchnabels ist der unbeschwerte Spass. Mit dem Bauchnabel kann man «Flabes» machen. Der Bauchnabel ist der Punkt, wo Frauen das «Kind im Manne» ertragen, die luftigen Flausen, die Lustigkeit ohne Tiefgang und das Vergessen der Ernsthaftigkeit des Lebens.
Weiter unten, eine Handbreit unter dem Bauchnabel, liegt das Feld des Vertrauens. Eine Frau, die meine Berührung auf dem Feld des Vertrauens mag, lässt sich los. Sie weiss, dass zwischen ihr und mir etwas ist, was sie trägt.
Viele Männer scheitern auf diesem Feld des Vertrauens. Denn es ist ein sehr sensibles Feld. Nicht umsonst sagen Frauen, sie würden es «im Bauch spüren», wenn etwas in der Beziehung zu einem Menschen, der sie berührt, nicht stimmig ist. Dass Frauen oft, aus welchem Kalkül auch immer, dieses Gefühl verdrängen oder ganz bewusst missachten, steht auf einem andern Blatt. Hier mag die Prostituierte als Beispiel gelten: Sie ist bereit, für Geld geradezu unglaubliche Dinge zu tun. Ihren Bauch, das Feld des Vertrauens, wird kein Mann je mit Geld kaufen können.
Verschmelzung
Auf dem Feld des Vertrauens entscheidet sich auch, welche Art von Sexualität ein Mann mit einer Frau haben kann: Sex «just for fun» (was gelegentlich, wenn von beiden Seiten gewollt, nicht schlecht sein muss), Sex um irgendeines Kalküls willen oder ein tiefes erotisches Erlebnis, jener von allen Menschen immer und unablässig gesuchte, aber leider viel zu selten erreichte Gipfel aller Gefühle, wenn Seele und Körper beider Beteiligter im Einklang zu jenem Gipfel mit dem blauen See gelangen, in dem sich alle Sehnsüchte und alles Göttliche spiegeln.
Zu jenem See, vor dem alle gleich sind und in dem jene Justitia wohnt, die nicht den Menschen wägt, sondern nur seine Herzenskraft, seine Seele und die Wahrhaftigkeit seiner Liebe.
