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Nr. 102 Winter 2011/2012
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Joe Dispenza – der Vordenker
Nach einem schweren Unfall entzog sich Joe Dispenza den Ärzten und fand einen eigenen Weg der Heilung. Seitdem lehrt er den richtigen Gebrauch des Hirns.
Von Martin Frischknecht

Ein Auftritt im enorm erfolgreichen Dokumentarfilm What the Bleep Do We (K)now? stellte ihn ins Scheinwerferlicht der spirituellen Szene. Joe Dispenza sprach in der Atmosphäre eines Wohnzimmers vor prasselndem Kaminfeuer davon, wie er sich morgens nach dem Aufstehen seinen eigenen Tag erschaffe. Er lade das Wunderbare in sein Leben ein, versenke sich im Voraus mental in Szenen, von denen er sich wünsche, dass sie geschehen mögen, und bedanke sich auch bereits für deren Eintreten, als ob das alles schon erfahrene Wirklichkeit sei.
Während er mit grosser Selbstverständlichkeit von dieser Art meditativ-magischer Praxis erzählte, strahlte der amerikanische Chiropraktiker, als habe er die Sache eben erst für sich entdeckt. Sein Gesicht leuchtete wie das eines Jungen beim Auspacken der Weihnachtsgeschenke.
Auch bei seinem Auftritt diesen Herbst in Basel, wo er einen Vortrag hielt und einen Wochenendworkshop leitete, war Joe Dispenza erfüllt von innerem Feuer. Diesmal trug er es weniger auf seinem Gesicht, als dass es in ihm brannte. Der athletisch gebaute, blonde Mann von unbestimmtem Alter war für den Anlass eigens von Amerikas Westküste her eingeflogen, wo er im US-Staat Washington im Kreise seiner Familie auf einer ausgedehnten Farm lebt mit über einem Dutzend Pferden. Energisch schritt er die Reihen der rund siebzig Kursteilnehmer ab und forderte diese auf, sich hier und jetzt ihrer wahren Grösse und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden: «Ihr seid Genies, das dürft ihr nicht vergessen. Und jetzt wendet ihr euch dem Genie an eurer Seite zu und erklärt diesem, was ihr soeben erfahren habt.»
Dabei ging es um das unerschöpfliche Potenzial des menschlichen Geistes und wie es dem Einzelnen möglich sei, dieses für sich und den Fortgang der Evolution zu nutzen. Durch gezielte Meditation sei der Frontallappen, der evolutionsgeschichtlich jüngste und menschlichste Teil des Hirns, dazu zu bringen, die Leitung im Konzert der Hirnareale zu übernehmen. Die meisten Menschen liessen sich von ihren Emotionen leiten, und das führe dazu, dass sie immer wieder in die alten Muster zurückfielen, da Emotionen an die Vergangenheit binden.
«Break the habit of being yourself – brich mit der Gewohnheit, dich selber zu sein!», lautet Dispenzas eingängige Aufforderung an die um ihn versammelten Genies. Das kommt gut an. Auf die Dauer wird aber auch klar, dass es für die Teilnehmer nicht ganz einfach ist, mit dem in flotter Kadenz vorgebrachten Schwall an Informationen und Anregungen zurechtzukommen. Eine geführte Meditation verschafft eine Atempause und hilft, selber zu erfahren, was dieser Vordenker der Evolution mit seinen Ausführungen meint. Am Samstagabend nach dem ersten Kurstag setzte sich Joe Dispenza mit uns ins Freie und stand für Fragen zur Verfügung. Jetzt war auch wieder diese verschwörerisch eindringliche Stimme da, wie wir sie aus dem Film von ihm kennen.

SPUREN: Wie sind Sie zu dem gekommen, was Sie heute tun?
Joe Dispenza: Im Alter von 23 Jahren lebte ich in Südkalifornien und war ein gefragter Chiropraktiker mit einer gut gehenden Praxis in La Jolla. In meiner Freizeit trieb ich viel Sport und trainierte für Triathlon-Wettkämpfe. Drei Monate lang hatte ich mich darauf vorbereitet, um an einem Frühlings-Rennen in Palm Springs teilzunehmen. Obwohl ich an dem Tag beim Schwimmen einen schlechten Start erwischte, war ich auf dem Rennrad dann gut unterwegs. Ich fuhr alleine und war dem Feld voraus, als ich zu einer unübersichtlichen Einfahrt mit scharfer Kurve kam, wo mich ein Polizist durchwinkte. Auf der neuen Strasse wurde ich von einem rasch heranbrausenden Geländewagen erfasst, vom Rad gerissen und mehrere Meter über den Asphalt geschleudert. Als ich im Spital zu mir kam, wurde mir eröffnet, dass sechs Wirbel im Bereich der Brustwirbelsäule verletzt waren, einer davon war zu sechzig Prozent gebrochen. Der behandelnde Arzt beschied mir, dass ich nie wieder würde gehen können, und das Einzige, was mir helfen könne, sei ein schwerer operartiver Eingriff, bei dem meine Wirbelsäule mit Stangen fixiert worden wäre. Bevor ich dem zustimmen konnte, konsultierte ich drei weitere Ärzte. Sie waren alle derselben Meinung, und sie machten mir klar, dass mir die Zeit zur Operation davonlief.
Dessen ungeachtet stand für mich fest, dass jene Kraft, die es fertig bringt, einen Körper zu erschaffen, auch in der Lage sein muss, einen Körper zu heilen. Falls es mir möglich wäre, mich mit dieser Intelligenz zu verbinden, ihr einen Plan zu übermitteln und mich dann rauszuhalten, dann sollte es doch möglich sein, dass Heilung geschehen würde. Ich schloss mit mir selber und mit dieser Intelligenz einen Handel ab: Sollte ich gesund werden, so würde ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, diese Kraft zu erforschen und ihr zu dienen.
Gerade so ist es dann auch geschehen. Gegen den Widerstand der Ärzte verliess ich das Krankenhaus, richtete mich bei Freunden ein und unterzog mich einem rigorosen Plan der Selbstheilung mit Diät, Meditation und einer sehr umsichtigen Form von Physiotherapie, bei der ich die Belastungen auf meine Wirbelsäule Schrittchen für Schrittchen erhöhte. Nach sechs Wochen war das Schlimmste überstanden. Ich konnte wieder gehen und fand nach und nach zu meiner Beweglichkeit zurück.

Sie waren damals ja noch jung. Woher nahmen Sie bloss dieses Vertrauen?
Ich wuchs mit einer sehr alternativen Sicht des Lebens auf. Schon vor dem Unfall hatte ich jahrelang Yoga praktiziert, kannte mich mit Meditation aus und übte mich in Kampfkünsten. Entsprechend gross war mein Vertrauen ins menschliche Potenzial – und so entschied ich mich recht unbekümmert, eine Heilung ohne den Beizug von chirurgischen Eingriffen zu versuchen. Ich würde das heute übrigens keinem anderen so empfehlen. Doch hier ging es um mich, und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, so zu leben, wie die Ärzte das für mich ausmalten: mit einer versteiften Wirbelsäule und für den Rest meines Lebens ständig unter Schmerzen leidend. Einer der Ärzte war ein richtig grosser, schwerer Kerl, und der lachte bloss, als ich von meinen Bedenken sprach und zu ihm sagte, ich wolle in meinen Brustwirbeln beweglich bleiben. «In dem Bereich sind wir ohnehin kaum beweglich», erklärte er mir. Ich wusste, dass das nicht stimmte – zumindest nicht für mich, denn im Yoga war es mir vor dem Unfall möglich gewesen, eine vollkommene Rückbeuge zu machen. Von da weg klinkte ich mich aus und suchte nach einem eigenen Weg der Heilung.

Lesen Sie das ganze Interview in der gedruckten Ausgabe von SPUREN 102.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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