Die Wurzeln der «German Angst»
Unsere Nachbarn, mit denen wir die Sprache teilen, haben ein Problem. Sie leiden an Ängsten und werden sich ihres Lebens nicht froh.
Von Martin Frischknecht
Mehr als ein Drittel aller Deutschen bezeichnet sich in Umfragen als nicht glücklich. 96 Prozent aller Dänen hingegen sagen von sich, sie seien glücklich, und selbst bei den Griechen, die ja nun wahrhaft gute Gründe hätten, bekümmert zu sein, bezeichnen sich 80 Prozent als glücklich. Die wohlhabenden Deutschen hingegen rangieren an drittletzter Stelle von Europas Glücksskala. Obschon sie wirtschaftlich gut dastehen wie kaum ein anderes Volk, liegt die Geburtenrate mit 1,3 Kind pro Frau in Deutschland so tief wie nirgendwo in Europa.
Woher kommt das? Die «German Angst», wie das Phänomen sinnigerweise zunächst von aussen bezeichnet wurde, hat ihre Gründe. Salopp formuliert: Zu Zeiten von Kaiser und Hitler fürchtete die Welt sich vor den Germanen. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches fürchteten die Germanen sich vor sich selbst. Also, aus gutem Grund, würde man meinen. Nein, sagt Gabriele Baring, und zeigt, in was für eine Sackgasse sich die Deutschen damit manövriert haben. Denn Angst ist keine Lösung, schon gar nicht, wenn sie nicht gesehen und nicht ausgedrückt wird. In ihrem Buch Die geheimen Ängste der Deutschen benennt die systemische Familientherapeutin das Dilemma und empfiehlt ein Verfahren zur Lösung.
«Ich wuchs in Hannover auf in einer Familie, die unübersehbar vom Krieg gezeichnet war», schreibt die Autorin über das eigene Leben. «Als mein Vater aus Russland heimkehrte, war er körperlich und seelisch ein gebrochener Mann. Er hatte ein Bein verloren und wurde zu einem leicht reizbaren, unter ständigen Schmerzen und Bitterkeit leidenden Patriarchen. Ich litt ausserdem unter und mit einer depressiven Mutter, deren erster Mann, ihre grosse Liebe, drei Wochen nach der Hochzeit gefallen war. In der Hochzeitsnacht war sie – gerade aufgeklärt – schwanger geworden. Daher war auch meine sehr viel ältere Halbschwester traumatisiert, das Kind dieser jäh zerstörten Liebesbeziehung. Bis zur zweiten Heirat meiner Mutter war sie vaterlos aufgewachsen und hatte früh Trauer und Verzweiflung ihrer engsten Bezugsperson erleben müssen, hin und her geschoben zwischen Verwandten, die den Krieg überlebt hatten.»
Das ist Schicksal. So oder ähnlich hat es sich millionenfach ereignet; die Prägungen und Muster, die es hervorbrachte, wirken in den Seelen nach bis auf den heutigen Tag. Derart traumatisierte Eltern sind innerlich mit sich selber beschäftigt und stehen ihren Kindern seelisch nicht zur Verfügung.
Selber schuld, sagen wir rasch einmal, und die überwiegende Mehrheit des «Tätervolks» stimmt dem auch 70 Jahre nach dem Terror der Nazis willig zu. Aber das hilft nicht weiter. Im Gegenteil. «Niemand sollte den Deutschen aus Gründen der political correctness mehr ausreden, ehrlich und authentisch ihre Toten zu beweinen», fordert Gabriele Baring.
Mit Beweinen ist es wohl nicht getan. Für die Berliner Heilpraktikerin war es die Begegnung mit Bert Hellingers Familienstellen, die ihr half, mit den Dämonen der Vergangenheit zurechtzukommen. Mit ungebrochener Begeisterung für dieses andernorts kritisierte Therapieverfahren schildert sie Fälle aus der eigenen Praxis und beleuchtet die familiären Hintergründe prominenter deutscher Politiker wie Gerhard Schröder, Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg.
Als Schweizer, so könnte man meinen, seien wir da fein raus. Doch das ist ein Trugschluss. Selbst wenn unser Land dasteht wie eine Insel des Friedens, ist es zur neuen Heimat geworden nicht nur vieler Deutscher, sondern vieler unmittelbar Kriegsversehrter aus dem Balkan und aus Sri Lanka. Dass die seelische Abwesenheit jener Eltern von Bedeutung ist für das Gleichgewicht unserer Gesellschaft, rückt allmählich ins Bewusstsein.
Martin Frischknecht
Gabriele Baring: Die geheimen Ängste der Deutschen. Scorpio Verlag, München 2011, 316 Seiten, Fr. 28.50.
