Visionen – in Bewegung kommen
Irgendein Ziel haben eigentlich alle – aber auch eine Vision?
Ein Tanz zwischen Luftschloss und Berufung.
Von Martin Frischknecht
Vision, das hat zunächst etwas mit dem Sehsinn zu tun, mit den Augen und den damit verbundenen Hirnarealen, in denen visuelle Reize verarbeitet werden. Dazu drängt sich ein Bild auf: Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken in die Weite. Von oben betrachtet ergibt sich eine neue Orientierung. Wir verlieren uns nicht im Geflecht des täglichen Geschiebes und Getriebes dort unten, sondern überschauen die Welt, erkennen Zusammenhänge und Ziele: Dort liegt es, dort will ich hin. Wenn wir später wieder unten sind, wenn wir uns im Alltag mit Tunnelblick durchwuseln, wird es gut tun, sich an die Fernsicht von einst zu erinnern.
In die Ferne schauen, wird mit einem Fremdwort auch als Television bezeichnet. Das aber ist nicht, was wir meinen. Doch die flächendeckende Ausbreitung der Glotze verrät so einiges über das Dilemma, in dem wir in der Sache stecken. In der Regel blicken wir bloss wenige Meter vor uns und nehmen vorlieb mit einem flüchtigen Flimmern, das uns eher zerstreut, als dass es unsere Geisteskraft bündelt. «Wozu denn in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah?», liesse sich das geflügelte Wort abwandeln.
Rufer in der Wüste
Und die Anhöhen, von denen wir heute blicken, sind nicht erhabene Gipfel, sondern immense Schuldenberge, die ganze Volkswirtschaften angehäuft haben und die unser Wirtschaftsleben zu ersticken drohen. Was wir von dort oben schauen, erfüllt uns nicht mit Zuversicht, sondern mit Angst. Und es mobilisiert unter denen, die sich dagegen stemmen, eine neue Form von Protest: «Occupy Wall Street!» lautet die Botschaft einer bunten basisdemokratischen Protestbewegung, die sich in aller Welt gegen das Diktat der Banken und Finanzmärkte erhebt. Was diese Leute wollen, wissen sie vielleicht nicht mal selber. Eher schon, was sie nicht wollen. Das ist zwar noch keine Vision, aber wohl der erste Schritt dazu.
«Ich denke, wenn es einen höheren Sinn gibt, dem Occupy Wall Street und der grosse Archetypus dahinter dienen, dann ist es eine Revolution der Liebe. Sollten die 99 Prozent der Bevölkerung die Führungsschicht von 1 Prozent besiegen, dann wird es wie im Falle der bolschewistischen Revolution darauf hinauslaufen, dass sich schliesslich eine neue Führungsschicht anstelle der alten durchsetzt. Streben wir also nicht danach, sie zu bekämpfen und zu besiegen, versuchen wir, sie in ihrem Herzen zu erreichen und sie zu uns rüberzuholen», postuliert der alternative US-Ökonom Charles Eisenstein.
«Wenn Occupy Wall Street eine Botschaft hat, dann sollte sie lauten: ‹Wacht auf! Das Spiel ist so gut wie vorbei. Verlasst das sinkende Schiff, ehe es zu spät ist!› In meiner Tätigkeit lerne ich viele reiche Menschen kennen, die das bereits getan haben, Menschen, die das Geldspiel hinter sich gelassen haben und ihre Energien darauf verwenden, das, was sie angesammelt haben, so stilvoll wie möglich unter die Leute zu bringen. Und ich lerne weit mehr Menschen kennen, denen es von ihren intellektuellen und finanziellen Mitteln her durchaus möglich wäre, ein Vermögen zu machen, die das aber nicht tun, weil sie sich am Geldspiel nicht beteiligen wollen.
Falls das, was ich zu sagen habe, idealistisch klingt, so meine ich, wir sollten nicht vergessen, dass etliche sich bereits ein Herz gefasst haben und von Bord gegangen sind. Einige werden meine Vorschläge als wenig praktikabel empfinden – wohingegen mir der Wandel des Herzens als die einzig praktikable Form der Veränderung überhaupt erscheint. Diese Kritiker werden verlangen, dass wir konkrete Forderungen aufstellen. Dem jedoch müssen wir entgegenhalten: Keine Forderung ist gross genug, und jede Forderung, die wir aufstellen könnten, wäre auch schon wieder zu viel.»
Diese Revolution der Liebe führt nach Eisensteins Verständnis zu einer «Heiligung der Wirtschaft» (Sacred Economy, North Atlantic Books, Berkeley 2011), was nicht gerade ein bescheidenes Programm ist. Wie bei jeder Vision ist auch bei dieser der entscheidende Faktor die Resonanz. Der Visionär kann noch so recht haben, seine Argumente und Vorschläge können noch so stichhaltig sein, erreichen sie nicht zur rechten Zeit in der rechten Form das rechte Publikum, bleiben sie Schall und Rauch. Was wäre Moses, der mit den zehn Geboten den Berg Sinai hinabsteigt, und unten stünde nicht bangend und lauschend sein Volk? Buchstäblich: ein einsamer Rufer in der Wüste. Und der wichtigste Resonanzkörper bildet selbstverständlich der Rufer für sich selbst.
Fünf Leben geschenkt
Martin Bertsch war als Sozialarbeiter und Case Manager tätig, und dabei hatte er oft mit Menschen zu tun, die nach einem Unfall oder einer längeren Krankheit vor einem Scherbenhaufen standen. Statt mit ihnen in den Scherben zu wühlen und nach gangbaren Schritten zu suchen, stellte er keck die Frage: «Was würden Sie tun, wenn Ihnen sämtliche Möglichkeiten weit offen stünden?» Wer sich traute, vor diesem Ausblick für sich einen Lebensentwurf zu formulieren, so machte er die Erfahrung, dem gelang es später besser, neue Ziele in seinem Leben auch tatsächlich zu erreichen.
Zum einen seien Visionen nicht auf Knopfdruck abrufbar, zum andern gebe es kaum einen Menschen, der keine Visionen habe, erkannte Martin Bertsch, der in Ringgenberg/BE eine Visions-Schmiede leitet und eine Ausbildung zum Visions-Coach anbietet. Die wahre Herausforderung liege nicht darin, eine Vision zu finden, sondern darin, seine tiefste Vision zu leben. Um die zu erkennen, sei es nötig, sich aus den gewohnten Zusammenhängen zu lösen und sein Leben aus der Vogelperspektive zu betrachten. Das verschaffe die nötige Lockerheit, um sich spielerisch mit unerwarteten Möglichkeiten zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der Frage: Was würde ich tun, wenn mir fünf Leben gleichzeitig zur Verfügung stünden? Im Dialog mit einem Begleiter auf gleicher Augenhöhe schälten sich Gemeinsamkeiten dieser verschiedenen Leben heraus, und es zeigten sich tragende Qualitäten.
Dieses Verfahren bezeichnet er im Unterschied etwa zu einer indianischen Visionssuche mit tagelanger Vereinzelung, mit Fasten und Trance als einen sehr schlichten Prozess. Die Wirksamkeit dieses dialogischen Prozesses liege gerade darin, dass er zu naheliegenden Zielen und nicht zu spektakulären Schauungen führe, die sich im Nachhinein vielleicht doch nur als unerreichbare Luftschlösser entpuppten. Letztlich komme es darauf an, in eine Bewegung zu geraten und die Erstarrung hinter sich zu lassen. Ob wir das Ziel je erreichen, spielt keine so grosse Rolle. Wichtig ist, dass wir uns bewegen. Darauf zu. Und das Ziel bewegt sich mit. Das heisst, wir vollführen einen Tanz.
Manifest von Charles Eisenstein:
www.scorpio-verlag.de,
Martin Bertsch: www.visionsschmiede.ch
