Anna Halprin: Sichtbarer Atem
Berührendes Porträt des Schweizer Filmemachers Ruedi Gerber über die zeitlose Tanzpionierin und Performance-Künstlerin Anna Halprin.
Von Claude Jaermann
Unglaublich! Die Frau, die da vor meinen Augen über die Bühne wirbelt oder mit einer fast unsichtbaren, feinen Bewegung des einen Arms ein Bild kreiert, ist über 80 Jahre jung. Jung scheint mir der richtige Ausdruck zu sein dafür. Denn was Anna Halprin zeigt, nein, lebt, ist Lebenskunst, die Vermählung von Kunst und Leben. Sie tanzt ihr reiches Leben auf einer New Yorker Bühne, und gemäss Filmemacher Ruedi Gerber flossen im Publikum auch Tränen ob dem Gezeigten. Kein Wunder! Denn seit den Dreissigerjahren hat Anna Halprin den Tanz immer wieder revolutioniert, modernisiert und sich dabei auch immer gefragt: «Was ist Tanz?» Antworten scheint sie dabei nie oder immer gefunden zu haben. In dem tollen Porträt, das uns Ruedi Gerber da schenkt, erleben wir eine Frau, die jeweils weiterging, nie stehen blieb und in jeder Performance Grenzen sprengte.
Nackt & Natur
Bereits in den Fünfzigerjahren machte sie mit ihrem San-Francisco-Dancers-Workshop Furore, als sie die Nacktheit als neues Ausdrucksmittel einsetzte. In den späten Sechzigerjahren gründete die Umtriebige die erste multikulturelle Company – Schwarz und Weiss finden sich im Tanz. Mit ihrem Mann, dem renommierten Landschaftsarchitekten Lawrence Halprin, bewohnt sie ein Haus in den Redwoods. Auf einem riesigen Holztanzboden inmitten des Waldes und am Strand von Nordkalifornien finden noch heute Workshops statt. Natur, Gegenstände, Geräusche – alles wird für sie mit Wahrnehmung und Bewusstsein zum Tanz. «Breath made visible – sichtbar gewordener Atem», nennt Anna Halprin das, was entsteht. Während ihre gezeigten Performances eine kompromisslose und unberechenbare Künstlerin zeigen, die sich 100%ig auf den Augenblick und auf das Entstehende einlässt, wirkt sie in den Interviews kontrolliert. Wie wenn sie unmissverständlich und klar mit Worten vermitteln möchte, was Tanz oder ihr Tanz für unendliche Möglichkeiten des Ausdrucks zu vermitteln vermag. Gleichzeitig ist da eine wunderbare Offenheit, die auch von ihren langjährigen Tanzpartnern John Graham und A. A. Leath getragen wird, die sie für dieses Filmprojekt besuchen. Auch ihre dunklen Seiten, ihre Krankheit und ihren Rückzug kommen in diesem wunderschönen Filmporträt zur Sprache, werden gezeigt und vor allem getanzt. Und trotz über 150 kompletten Tanzwerken für das Theater und unzähligen Ehrungen und Auszeichnungen, Büchern und Ausstellungen ist Anna Halprin die neugierige Sucherin geblieben, die auch mit 86 Jahren noch meint: «Es sind noch so viele Tänze zu machen!»
Breath Made Visible
80 Minuten
Ab 14.01.2010 im Kino
