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Heft-Ausgabe Nr. 94 Winter 2010
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Unter roten Nasen
Hilfe — die Clowns sind los! Unsere Autorin machte sich auf die Suche nach ihrem eigenen.
Von Christina Graf

Ich bin blutige Clownanfängerin und habe gerade mal einen Hut und eine Matte dabei. Nicht schlecht staune ich, als der Kofferinhalt eines anderen Kursteilnehmers sich vor mir ausbreitet und ein Clown sich in Montur wirft. Bin ein bisschen nervös. Es ist Freitagabend, und acht Leute stehen im Kreis, vier Frauen, vier Männer, mit der Kursleiterin sind wir neun. Elisha Koppensteiner ist Theater- und Clownprofi, sie lebt in Wien.

Clownritual
Wir machen Kennenlernspiele. Dann kommt die rote Nase zum Zug — das wichtigste Requisit des Clowns. Handpuppenspielerin und Clownin Elisha erzählt über die Clowntradition und über das Ritual der roten Nase: Wie wichtig dabei der Augenblick ist, in dem man die Nase überzieht und in die Clownrolle schlüpft. Ebenso der Moment danach, wenn die Nase und die Clownrolle wieder abgelegt werden.
Wir gehen durch den Raum, nehmen unsere Schritte wahr. Nun kommt die erste Improvisation. In Dreiergruppen spielen wir kleine Kinder, welche die Party der Erwachsenen nicht stören dürfen. Dann flüstern wir uns zu, was wir aneinander mögen. Der Abend ist vorüber.
Bin gespannt auf den Samstag und was er für Überraschungen bringen wird. Wir beginnen den Morgen mit Atem-Stimm-Bewegungsübungen auf den Matten. Der Körper wird gelockert, die Stimme kann sich entfalten. Und schon geht es wieder los.
Nun sollen alle ihre Clownfigur vorstellen. Elisha Koppensteiner schafft es, mit ihren Fragen die Figuren hervorzulocken. Eine Perücke, die lange in einer Schachtel verstaut war, wird für mich ein wichtiges Requisit, um in meine Rolle zu schlüpfen. Ich spiele Waltraud, ein Burgfräulein, das auf ihren Prinzen wartet.

Spiel-Räume
Am Sonntag nach den Morgenübungen auf der Matte legt Elisha eine japanische Bühne aus — ein rechteckiger Raum, vor dem man sich verbeugt, wenn man ihn betritt. Einige Schritte und Stopp. Jetzt beginnt man spontan zu spielen, was einem gerade einfällt, verlässt den Raum und verbeugt sich wieder. Später betreten zwei oder mehrere Clowns den Raum und spielen spontan, was sie bewegt. Dieses Spiel entspringt der «spontanen Kalligrafie», wie Elisha erklärt.
Die Rolle des Clowns ist nicht auf ein Stereotyp festgelegt, es geht darum, seinen eigenen Clown zu finden. Da ist zum Beispiel der Franzose Robert, der ganz doll die Augen verdreht und nur mit Akzent sprechen kann, oder Lolita, die eine Oma-Brille trägt und Ringkämpferin ist. Die Clownfigur kann alles sein. Doch der Clown ist wie ein Kind, das glaubt, alles super zu können und es den anderen als «das Beste vom Besten» präsentieren zu müssen.
Bei der nächsten Improvisation macht Elisha zirkusreife Ansagen für uns, die «Superstars»: Wir spielen Playback-Sänger, welche der Technik total ausgeliefert sind, die Musik geht aus ... Mein Burgfräulein Waltraud sträubt sich ein wenig gegen ihre Rolle, und mir fällt es schwer, den Augenkontakt zum Publikum zu halten — meine schüchterne Seite möchte sich am liebsten verkrümeln.
Die Krönung des Tages: Wir gehen hinaus in ein Café. Versuchen, unsere Figuren im Ansatz zu erproben, jedoch ohne rote Nase. Auffällig trinke ich meinen Kaffee, schneide Grimassen, schlage mit einem Notizzettel nach einer Fliege, immer wieder.
Aus den Augenwinkeln beobachte ich einen Kursteilnehmer, wie er abartig sein Sahnegläschen ausleckt.
Wir alle haben während des Workshops unsere eigene Clownfigur entwickelt, mit der wir spielen können. Am Ende des Kurses ist ein Wesen an meiner Seite, das sich jederzeit zum Leben erwecken lässt. Die Nase auf und schon geht’s los.

www.elishakoppensteiner.com


Autor: Christina Graf | Profil
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