SPUREN, Magazin für neues Bewusstsein
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Heft-Ausgabe Nr. 94 Winter 2010
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Wir spielen immer
Sich in andere einfühlen, sie verkörpern – der Beruf der Schauspielerin als Weg der Erkenntnis.
Von Petra Kopf

«Ich bin Schauspielerin.» «Oh, das ist ja interessant! Wo spielen Sie denn?» «Überall.» «Und wo kann ich Sie denn mal sehen?» «Jetzt. Hier. Ich spiele auf der Bühne des Lebens.» Hier endet das Gespräch mit Gelächter. Manchmal wird aber noch nachgehakt: «Und was machen Sie wirklich?»
Als ich vor über zehn Jahren mein festes Engagement in einem Stadttheater in Bayern aufgeben musste, blieb es auch mir nicht erspart, das Arbeitsamt aufzusuchen. Dort verbreitete sich schon gleich nach dem ersten Satz des oben beschriebenen Dialogs ein schallendes Gelächter im Raum. «Ja, ja, wir sind alle Schauspieler! Haha!»
Schauspielerin ist mein Beruf. Ich wurde darin professionell ausgebildet. Jahrelang habe ich mich durch sprechtechnischen Unterricht gequält. Ich habe die Werkgeheimnisse der Schauspielkunst studiert, wurde in der Strasberg- und Stanislawskimethode unterrichtet, sensibilisierte meinen Körper täglich mit Übungen für Atem, Bewusstsein und Sinne. Ich habe getanzt, ich musste fechten und mich in vergangene Zeiten und Leben einfühlen:
Mal war ich die Jungfrau von Orleans, dann das Gretchen im Faust, ein anderes Mal die ehrbare Dirne oder eine Hexe im Märchen. Ich erlebte Liebe und Hass, beging etliche Male Selbstmord, tötete aus Eifersucht, rettete ein Kind, liess mich für meinen Glauben foltern, wurde vergewaltigt, verdiente mein Geld erst als Stubenmädchen, dann als Königin und begleitete sogar einen Aidskranken in den Tod mit Sterbehilfe. Dieser Beruf lässt nahezu keine Erfahrung aus.
Wenn ich zu Beginn der Schauspielerei morgens meine Augen aufschlug und meine Seele aus einem Körper blickte, den sie kaum kannte, gelang es mir mit den Jahren mehr und mehr, diesen Körper als Instrument nutzen zu lernen, und ich vermochte auf der Tastatur des Lebens immer müheloser zu spielen. Das Theater, die Bühne, war nur der Anfang.
Längst spiele ich nicht mehr dort, denn das Leben selbst ist meine grosse Weltbühne geworden. Die Schauplätze wechseln, die Rollen, die mir jetzt zugewiesen werden, sind aufregender, weil wahrhaftiger. Ich bin Schauspielerin, weil ich Mensch bin. Hineingeboren in eine Welt, die mir die Chance gibt, die vielen Facetten meiner Seele kennenzulernen und wertzuschätzen.
«Wo kann man Sie denn sehen?», lautet die argwöhnische Frage, wenn das Gesicht völlig unbekannt scheint. «Wo», das bedeutet: In welcher Serie? In welchem Tatort? Wem käme es in den Sinn, dass ein Schauspieler Tänzer, Gaukler, Schamane, Heiler, spiritueller Meister, Sänger, Psychotherapeut und Seelenwanderer zugleich sein kann? Dass er wie kein anderer um die Macht der Worte weiss? Dass er wandelbar ist und nichts Menschliches ihm fremd bleibt? Wo immer wir uns einfühlen, wir Schauspieler, üben wir unseren Beruf aus. Wo immer unsere Feinwahrnehmung zum Einsatz kommt, sind wir bei der Arbeit!
Sicher, am Anfang meiner beruflichen Laufbahn war es auch nur der eine Weg, der mir vor Augen stand: berühmt zu werden auf den grossen Bühnen. Doch je mehr ich begriff, dass die Vielzahl der Rollen, die ich zu spielen hatte, Puzzlesteine im Mosaik meiner Seele waren, desto stärker wurde für mich das Bedürfnis, die Masken nicht mehr länger als Schein zu betrachten, sondern als wahres Sein. Sie sind der Schlüssel zu meinem Selbst, zu meinem Erkennen und zur Heilung.
Die deutsche Schauspielerin Petra Kopf leitet heute Kurse zu kreativer Lebensgestaltung, zu Persönlichkeitsentfaltung und zu Schauspiel als Ritual.

Kontakt: www.petra-kopf.de


Autor: Petra Kopf | Profil
Seitenaufrufe: 432 - Kommentare: 1
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Kommentare:

Schauend spielen und spielend schauen heißt, dem bewegten Leben lebendig begegnen. Wie viele sind doch mit der Rolle, die sie täglich spielen, todunglücklich, und doch weisen sie selbst sich diese Rolle jeden Tag neu zu. Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich die unglückliche Mutter, die sich dafür abrackert, dass ihr Kind nur ja die Hausaufgabe immer richtig hat und dass nichts fehlt: was lernt das Kind dabei? Oder ich sehe unglückliche Kollegen in der Du-musst-Schule, die täglich den Lehrplan vollstrecken: was lernt das Kind dabei? Oder ich sehe den Kollegen Schulamtsdirektor, der mich früher immer mit Herr Kollege begrüßt hat und der meine Kolleginnen und Kollegen manchmal zusammengestaucht hat: was lernen wir alle dabei?
Jeder meint, er muss seine Rolle so spielen.
Bei meinem ersten Praktikum zur Ausbildung als Sonderschullehrer lief am 4.Tag plötzlich die Handarbeitslehrerin schreiend durch die Gänge: "Entweder er oder ich!" Ein 7.Klässler hatte sie hochgehen lassen mit ein paar Worten aus der Sexual- und Fäkaliensprache. Eine starke Rolle - er wurde eliminiert, weil er sie gut gespielt hatte.
Die Oberlehrerin, bei der ich grad hospitierte, meinte: "Es gibt halt Probleme, wo man nichts machen kann." Ich setzte dagegen und berichtete ein paar gelöste Probleme, die größer waren. Dann meinte sie: "Da wäre ja alles, was ich bisher gemacht habe, verkehrt gewesen." und das klag wie: "Dann ist alles aus." Wenn Du aber mal ein paar wirkliche Probleme überlebt hast, heißt es ganz im Gegenteil: "Jetzt geht alles erst richtig los!" Alles, was bisher nur sinnloser Ballast war, ist, wenn es verstanden wurde, ein reicher Erfahrungsschatz." Die Kollegin, die als mustergültiges Vorbild galt - wir meinten, wir müssten mal so werden wie sie - gestand mir, wieviele Tabletten sie täglich schlucken muss, dass sie überhaupt noch in die Schulke gehen kann. So spielen wir unsere Rolle und führen auch noch Regie dabei. Und was lernen wir alle dabei???
Ist es nicht wunderbar, wenn uns mal eine Petra Kopf sanft und einfach den Kopf ein wenig zurechtrückt? Danke!
Franz Josef Neffe

Beitrag von: FranzJosefNeffe am 08.03.2010 - 22:59

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