Voodoo? Ist das nicht jener düstere afroamerikanische Kult, bei dem Puppen mit Nadeln durchstochen werden, auf dass ein Mensch, der damit gemeint ist, gesundheitlichen Schaden nehme? Ist es. Alberto Venzagos Dokumentarfilm aber macht klar, dass Voodoo weit mehr ist als bloss das. Der Schweizer Fotograf und Dokumentarfilmer zeigt eine althergebrachte Religion in ihrem Ursprungsland, dem westafrikanischen Kleinstaat Benin. Zu Zeiten der Kolonialherrschaft und eines kommunistischen Regimes wurde diese Religion unterdrückt. Erst seitdem Benin demokratisch regiert wird, darf Voodoo wieder frei ausgeübt werden. Seit 1996 gilt es als offizielle Religion.
Es dauert gewiss eine halbe Stunde der einführenden Bilder und Worte, bis wir in diesem Film tatsächlich einen Priester bei der Ausübung jenes gruseligen Zaubers sehen, für den Voodoo weltweit bekannt wurde. Es ist eine Szene unter vielen, ästhetisch überwältigend stark eingefangen in Schwarz-Weiss, und auch diese Szene wird aus dem Off kommentiert von einer enorm tiefen, über mächtig viel Autorität gebietenden Männerstimme, von der Art, wie man sie aus Vorfilmen zu Hollywood-Dramen kennt. Diese Stimme hat uns bis dahin bereits so viel über das exotisch fremde Treiben erklärt, dass wir nun einfach wissen wollen, wie es weitergeht mit der Geschichte jenes Oberpriesters, der auf der Suche ist nach einem fähigen Nachfolger.
Dieser Nachfolger wird nach einigen Irrungen gefunden und zeitig vor dem Tod des Meisters in sein Amt eingesetzt. Es ist fast nicht zu glauben: Durch einen glücklichen Umstand gewann Alberto Venzago das Vertrauen des hohen Voodoo-Priesters Mohounoun. Er konnte die Geschichte von Anfang an begleiten, und jedes Mal, wenn etwas Wichtiges geschah, war er mit der Kamera dabei. Sein Film ist die einmalige Dokumentation einer fremden Welt, hervorragend dramatisiert und vertont von Spitzenkräften ihres Handwerks. Nicht von ungefähr zeichnet Wim Wenders verantwortlich für die Produktion von Voodoo - Mounted by the Gods.
Mein Problem mit diesem Film liegt darin, dass er mich in missionarische Wallungen versetzt. Unglaublich, mir wird danach, die armen Heiden zu bekehren, das Licht der Vernunft in den dunklen Kontinent zu tragen. Trance, Schamanismus und Naturverbundenheit in Ehren, doch woher, so möchte ich fragen, woher rührt dieser unglaubliche Blutdurst der Voodoo-Götter? Ständig werden da Hühner geschlachtet und Ziegen wird der Hals umgedreht. Und wer mehr Viecher opfern lässt als sein Gegner, der hat die Götter auf seiner Seite. Ist das denn wirklich so? Und wenn ja, warum?
Alberto Venzago scheint sich diese Fragen nicht zu stellen. Von einem Interviewer nach den eigenen Erfahrungen mit Voodoo befragt, berichtet er, eines Tages in Benin erfahren zu haben, sein Vater liege im Sterben: "Ich wollte sofort abreisen. Da kam der Oberpriester. Er sagte mir, er werde sich darum kümmern. Eine Nacht lang wurde geopfert; es gab eine Zeremonie. Ich musste wiederum Ziegen und Hühner kaufen. Am nächsten Morgen kam der Mann zu mir, sagte, ich könne jetzt gehen. Mein Vater werde aus dem Krankenbett aufstehen und mich lächelnd empfangen. Es kam so - wirklich."
Gut für den Vater, schlecht für die Viecher. Damit will ich nicht etwa behaupten, das Treiben in unseren Schlachthöfen sei in irgendeiner Weise "humaner". Nur dient die Schlachterei dort ganz offensichtlich der Befriedigung menschlicher Gier, und es ist auch noch keinem in den Sinn gekommen, darüber einen beschönigenden Film zu drehen.
Voodoo - Mounted by the gods. 92 Minuten, im Kino ab 27. Februar
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 67 Frühling 2003
© SPUREN
SPUREN - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch
| Home |