«Geben Sie Ihrem Sohn Ritalin?», fragt der Lehrer des 11-jährigen Marco die Mutter des bewegungsfreudigen, in der Fachsprache «hyperaktiven» Jungen. «Er ist in letzter Zeit viel weniger zappelig», begründet der Lehrer aus dem Oberaargau seine Frage. «Nein, seit acht Wochen ist er in einem Neurofeedback-Training», antwortet die Mutter. Inzwischen sind weitere Trainingswochen vergangen, und dem Jungen, der zudem eine Lese- und Rechtschreibeschwäche hat, gehen die Hausaufgaben leichter von der Hand als zuvor. «Es ist nicht mehr jedes Mal ein Kampf, Marco verweigert sich weniger», berichtet die Mutter dem Neurofeedback-Trainer Stephan Odermatt aus Herzogenbuchsee und deutet damit auch Veränderungen im sozialen Verhalten an.
Verhaltensänderung durch Hirnwellentraining? Ist es möglich, dass Symptome verschwinden und anhaltende positive Veränderungen entstehen, allein durch das wöchentliche Spielen von Computerspielen, angeschlossen an Elektroden, welche die Hirnwellenaktivität messen und auf dem Bildschirm sichtbar und zudem hörbar rückmelden? Kann die Beweglichkeit des Gehirns mit Neurofeedback verbessert werden, und wenn ja, was für Möglichkeiten eröffnen sich uns mit diesem Mittel?
Was ist Neurofeedback?
Neurofeedback, auch EEG-Biofeedback genannt, gilt als Unterabteilung des Biofeedbacks (feedback = engl. Rückmeldung). Beim Biofeedback werden Körperfunktionen wie Muskelspannung, Herzfrequenz und Durchblutung, die normalerweise automatisch und unbewusst ablaufen und in der Regel nicht direkt wahrnehmbar sind, mit technischen Geräten gemessen und sinnlich wahrnehmbar gemacht. Praktisch alles, was sich messen lässt, wird mit Biofeedback einer teilweise bewussten Regulierung zugänglich. Biofeedback gilt als wissenschaftlich anerkannte Methode am Schnittpunkt von Medizin und Psychologie. Sie wird vor allem bei durch Stress verursachten Krankheiten eingesetzt, aber auch in der Neurologie und Rehabilitation.
Am Anfang stand das EEG
Der deutsche Forscher Dr. Hans Berger entwickelte 1924 das erst EEG-(Elektroenzephalogramm-)Messgerät. Dieses misst die Spannungsschwankungen im Gehirn, die Gehirnwellenfrequenzen. In der Folge wurden Frequenzbänder definiert und deren Bedeutung beschrieben. Nach und nach hat man mit unterschiedlichen Zielsetzungen die Gehirnfrequenzen von tausenden von Menschen gemessen. Forscher glauben, dass viele Störungen auf einer Über- oder Untererregbarkeit der Gehirnaktivität beruhen. Mit Neurofeedback wird deshalb angestrebt, die Schwingungsweite gewisser Frequenzen hinauf oder hinunter zu trainieren oder generell das Gehirn zu stabilisieren. In einem Evaluationsverfahren wird eine Behandlungsstrategie festgelegt. Erfüllt der Klient in der Therapie die für ihn am Computer eingestellten Kriterien, erhält er akustische und visuelle Rückmeldungen.
Beim Neuropsychologen Steve Ebright in Zürich erhalte ich einen ersten Geschmack dieser neuartigen Therapie. Angeschlossen an zwei Mess-Sensoren am Kopf und zwei Referenzsensoren pro Ohr, betrachte ich eine Animation auf dem Bildschirm vor mir. Ein Delfin schwimmt zu einer angenehmen Musik. Meine Aufgabe ist es, mich auf Musik und Delfin zu konzentrieren. Plötzlich hört die Musik auf, der Delfin erstarrt. Das geschehe, wenn die Hirnströme nicht stabil sind, hatte der Neuropsychologe erklärt. Was kann ich tun? Ich versuche, den Meeressäuger in Bewegung zu bringen, mich zu entspannen, ich will es doch richtig machen. Nichts geschieht. Dann eben nicht, denke ich, während mein Blick auf dem Delfin weilt. Schon schwimmt er wieder zu angenehmen Melodien. Immer schneller erklingt nach Pausen die Musik wieder. Nach sechs Minuten wechselt Steve Ebright die Animation. Ich erhalte die Gelegenheit, mit vier weiteren Animationen zu üben.
«Neurofeedback ist eine Art Meditation, kein Willenstraining», erklärt hinterher Steve Ebright, der an einem zweiten Bildschirm meine Gehirnwellen beobachtet hatte. «Geht es darum, entspannte Präsenz zu lernen?», will ich wissen. Dem Therapeuten gefällt der Ausdruck. «Wenige Klienten», so erzählt er, «spüren gleich von Anfang an eine Wirkung. Bei den meisten dauert es 8 bis 14 Sitzungen, bis der positive Zustand über die Sitzungen hinaus anhält und sich die Lebensqualität verbessert. Um eine bleibende Verbesserung zu erreichen, sind mindestens zwanzig Sitzungen angesagt. Ein Hinweis, dass jemand gut auf Neurofeedback anspricht, zeigt sich darin, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus optimiert wird. Die Klienten schlafen schneller ein, schlafen tiefer und/oder sind am Morgen erholter.»
Die Tatsache, dass ich hier mit Anstrengung nichts erreiche, Loslassen und ein entspanntes Sein im Hier und Jetzt hingegen eine positive Wirkung zeigen, fasziniert mich. Ausser durch die visuelle und akustische «Belohnung» wird von aussen kein Einfluss auf mich genommen. Da sind also keine negativen Nebenwirkungen zu erwarten. Doch was geschieht, wenn ein Therapeut eine falsche Behandlungsstrategie einschlägt?
Neue Technologie
Zwischen Hans Bergers EEG-Messgerät und den heutigen liegen Welten. Inzwischen kommen in der Forschung Messgeräte mit bis zu 256 Elektroden zum Einsatz. Mit den Erfahrungswerten aus den EEG-Messungen wurden immer raffiniertere Computerprogramme erstellt, in denen die Hirnwellenfrequenzen aufgezeichnet und teilweise auch ausgewertet werden und wo der NF-Trainer auch Ideen für Behandlungsabläufe erhält.
Gemäss Werner Schläfli von BTS (Brain Training Systems) in Embrach belaufen sich die Preise von Neurofeedbackgeräten zwischen Fr. 2300.– und Fr. 8000.–, für grössere Modelle bis 15000.– (ohne Computer). Der ehemalige Rega-Pilot Werner Schläfli begann sich durch seinen Beruf zusehends mit Medizin und alternativen Heilweisen auseinander zu setzen. Sein Interesse führte ihn Anfang 2002 zum NFB. «Das Neurofeedback ist bei uns stark im Aufschwung», sagt er und fördert dieses, indem er diverse NFB-Geräte vertreibt und Seminare mit erfahrenen Referenten aus den USA organisiert, wo diese Methode im therapeutischen Bereich vor 10 bis12 Jahren Fuss gefasst hat.
Der Pionier mit den Katzen
Als Pionier des Neurofeedbacks gilt Professor Barry Sterman, Ph. D., von der neurobiologischen und psychiatrischen Fakultät der Universität von Los Angeles. Er entdeckte in den sechziger Jahren über dem sensomotorischen Kortex von Versuchskatzen ein zuvor unbekanntes Hirnfrequenzmuster im Schwingungsbereich von 12 bis15 Hertz. SMR, sensomotorischer Rhythmus, nannte er dieses Hirnwellenmuster, bei dem die Katzen still, entspannt und gleichzeitig total wach waren. Mittels Konditionierung brachte er zehn Katzen dazu, diese SMR-Wellen vermehrt zu produzieren.
Der Zufall wollte es, dass Sterman in dieser Zeit den Auftrag erhielt, sich mit dem Gift Monomethylhydrazin zu befassen. Dieser gefährliche Bestandteil von Raketenkerosin löst Erbrechen und epileptische Anfälle aus und kann zum Tod führen. Die Versuchskatzen erbrachen sich nach einer Injektion des Giftes, sie lärmten und speichelten. Die meisten bekamen nach einer Stunde einen epileptischen Anfall. Sieben Katzen aber bekamen die Anfälle deutlich später, drei überhaupt nicht. Interessanterweise waren dies die Katzen, deren SMR-Wellen trainiert worden waren.
Ein weiteres Puzzlestück brachte den Forscher auf die Idee, die SMR-Wellen bei Menschen zu fördern: Er hatte zu der Zeit eine Mitarbeiterin, die unter epileptischen Anfällen litt. Die Frau war bereit, sich auf ein Experiment einzulassen und trainierte in der Folge intensiv ihre SMR-Gehirnfrequenzen, indem sie dafür sorgen musste, dass ein grünes Licht so oft wie möglich aufleuchtete, während ein rotes Licht zu vermeiden war. Nach drei Monaten hatte die Mitarbeiterin keine epileptischen Anfälle mehr. In weiteren Versuchen an Menschen mit schwerer Epilepsie erzielte Barry Sterman bei sechzig Prozent seiner Patienten eine sechzigprozentige Reduktion der Anfälle. Weitere Experimente an mehr als einem Dutzend anderer Institutionen zeigten inzwischen noch höhere Erfolgsquoten.
Unter den damaligen Forschern waren viele, die an Bewusstseinserweiterung interessiert waren, meist in Form von LSD und Meditation. Diese Assoziation mit östlicher Mystik und Parapsychologie brachte dem Neurofeedback in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit einen zwielichtigen Ruf ein. Dennoch wurde auch im therapeutischen Bereich weitergeforscht.
Konzentriertere Kinder
Dr. Joel Lubar, ein Kollege von Sterman, der an der Universität von Tennessee in Knoxville forschte, beobachtete, dass durch Neurofeedback die Hyperaktivität bei Patienten abnahm, die wegen Epilepsie behandelt wurden. In der Folge wandte er Neurofeedback bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADS) und Hyperaktivität an. Erstaunlich sind die Resultate. Die Kinder werden ruhiger, können sich besser konzentrieren, und die Motorik verbessert sich. Inzwischen gibt es viele Studien, welche die Nützlichkeit von Neurofeedback belegen. Nach zweimonatiger Behandlung können die Medikamente meist reduziert werden, und auch nach drei, fünf oder zehn Jahren ist die verbesserte Konzentrationsfähigkeit noch erhalten. Befasst man sich mit Neurofeedback, trifft man in der Literatur allerorten auf erstaunliche Ergebnisse. Eine Umfrage unter zwölf Anwendern im deutschsprachigen Raum zeigte, dass immer wieder solche erstaunlichen, positiven Veränderungen auftreten.
Inzwischen wird das Gehirnwellentraining noch in vielen weiteren Bereichen angewandt, wie die befragten Trainer beschreiben. Vor allem bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten, bei Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen, Epilepsie, Schlafstörungen, Essstörungen, depressiven Zuständen, Angst- und Suchtproblemen sowie zur Entspannung, zur Förderung der Konzentration und zum Erzielen von Spitzenleistungen.
Neurofeedback in der Schweiz
1999 gab es in der Schweiz lediglich eine Hand voll NFB-Therapeuten, inzwischen zählt der Schweizer Neurofeedback Verband um die vierzig Mitglieder. Immer mehr Therapeuten kaufen sich entsprechende Geräte, doch die Anwendung will gelernt sein. Rund zwanzig Teilnehmer hatten sich im Frühjahr zum Neurofeedback-Workshop mit dem Amerikaner Peter van Deusen in Zürich-Kloten eingefunden. Jedes Zweierteam war ausgestattet mit einem Laptop, einem EEG-Messgerät und fünf Elektroden. Auch Stephan Odermatt, der Therapeut des eingangs erwähnten Marco, war anwesend und unterstützte das Organisationsteam. Vorerst hiess es, die Computerprogramme auf den mitgebrachten Computern zu installieren.
Anschliessend ging es darum, die Punkte zu finden, an denen die Elektroden angesetzt werden. Mit einem Messband wurde von der Nasenwurzel über den Kopf bis zum Ende des Grübchens an der Schädelbasis gemessen. Allein auf dieser Linie befinden sich zehn Punkte.
Normal oder Störung?
Unter den Teilnehmenden befanden sich vor allem Psychologen, Psychiater, Ärzte, ein NLP-Trainer, ein Kinesiologe und andere Therapeuten. Die meisten waren bereits vertraut mit den Hirnwellenfrequenzen und deren Bedeutung. Doch die Interpretation der Gehirnfrequenzen, die sich am Bildschirm zeigen, ist nicht einfach. Das Gehirn ist ein stark vernetztes, komplexes Gebilde, in dem die Prozesse in Kreisläufen und Schlaufen ablaufen. Zu beachten ist immer auch das Alter eines Klienten, denn was von der Frequenz her bei einem Erwachsenen auf eine Störung hinweisen kann, mag bei einem Kind durchaus normal sein. In den ersten 25 Lebensjahren nimmt die Hirnwellengeschwindigkeit fortwährend zu. Es gilt also, sorgfältig einzuschätzen, was als normal zu betrachten ist.
«Bevor Sie sich ein definitives Bild einer EEG-Bestandesaufnahme machen, prüfen Sie immer zuerst, ob auffällige Frequenzen nicht auf ein technisches oder menschliches Versagen zurückzuführen sind», warnte Peter van Deusen. Sind die Elektroden richtig angeschlossen? Gibt es elektrische Störquellen?
Zur Evaluation werden die Gehirnwellen an unterschiedlichen Punkten gemessen: zuerst mit geschlossenen Augen, dann mit offenen Augen und zuletzt bei der Erfüllung einer Aufgabe. Diese ist je nach Gehirnbereich ein Nachsprechen von Zahlenreihen, rechnen oder das Vorlesen eines Textes. Je nach Diagnose wählt der Therapeut ein Behandlungsprogramm.
Einfluss nehmen
Die Faszination der Therapeuten für diese Methode wurde zumeist geweckt durch erstaunliche Heilerfolge in ihrem näheren Umfeld, insbesondere bei Störungen, die durch psychotherapeutische Verfahren schwer abänderbar sind. In der Anwendung schätzen die Umfrageteilnehmer Folgendes: «Man kann da Einfluss nehmen, wo Körper und Seele verbunden sind – im Gehirn», schreibt eine Jugendpsychiaterin. «Mit Neurofeedback erarbeitet man sich den Weg selbst. Man kann sich schon bald viel besser beurteilen», lautet die Antwort eines anderen Anwenders. «Der Trainer sieht sofort, was seine Worte für eine Wirkung haben», antwortet ein Psychologiestudent, der NFB mit Entspannungstechniken und Hypnose kombiniert. «Es ist keine willentliche Anstrengung nötig, und der Klient kommt durch das Feedback zu einer guten Selbstwahrnehmung», sagt Stephan Odermatt. «Der Patient entwickelt eine Sensibilisierung auf eigene Körpervorgänge, Hirnfunktionen und Bewusstseinszustände.»
Mehrere an der Umfrage beteiligte Personen wenden Neurofeedback auch bei sich selbst an: zur Entspannung, zur Förderung der Konzentration. «Nach dem Training bin ich klarer, arbeite effizienter», schreibt eine Therapeutin aus Ueken. Steve Ebright, Neuropsychologe in Zürich, litt jahrelang an einem chronischen Erschöpfungssyndrom als Folge eines falsch diagnostizierten Zeckenbisses. Er galt schulmedizinisch als «austherapiert». Im Alter zwischen 25 und 32 habe er praktisch alles ausprobiert, um wieder gesund zu werden, sagt der heute 35-Jährige. Nach etwa 160 Neurofeedbacksitzungen erlangte er eine verlässliche Teilzeitarbeitsfähigkeit. Heute gehört Steve Ebright zu den aktivsten Neurofeedbacktherapeuten in der Schweiz.
Manche Aussagen der Befragten widersprechen sich auch. Die einen sind erstaunt, wie schnell Veränderungen sichtbar sind, andere bemängeln, dass es zu lange dauert. Die einen sehen Neurofeedback als gute Ergänzung zu anderen Therapien, andere wiederum meinen, dank Neurofeedback seien keine Mehrfachtherapien mehr nötig.
Die Zukuft des NFB
Wird sich Neurofeedback als Therapie durchsetzen? Ja, meinen viele Therapeuten. Einige Befragte sehen in der Therapie aber auch Schwachpunkte, da sie einerseits die Abhängigkeit von der Technologie wahrnehmen, andererseits ein Durchhaltevermögen des Klienten vorausgesetzt wird, weil positive Ergebnisse nicht unmittelbar sichtbar werden. Eine Ärztin bemängelt die ungenügende wissenschaftliche Begründung der Methode. Ihrer Ansicht nach muss NFB in der Schulmedizin Eingang finden, um erfolgreich zu werden.
Wer weiss, vielleicht gibt es in Zukunft auch in der Schweiz Trainingsmöglichkeiten für NFB an Schulen, in Gefängnissen und in anderen Institutionen, wie es sie ansatzweise bereits in den USA gibt. Es wird auch möglich sein, die Hirnwellen online zu Hause über den Computer zu überwachen und zu trainieren. Doch nicht nur im therapeutischen Bereich liegt das Potenzial des Neurofeedbacks. Die eindrücklichste Erfahrung eines Befragten aus Bern ist «ein schnelles Erreichen von Trancezuständen». Ein anderer Umfrageteilnehmer geriet völlig unerwartet während einer NFB-Sitzung in einen veränderten Bewusstseinszustand, der vielleicht als Samadhi bezeichnet werden könnte. Bewusstseinszustände, die durch jahrelanges Meditieren erreicht werden, sollen mit Neurofeedback viel leichter zugänglich sein. Verlockende Aussichten. Ob sie sich auch bewahrheiten, muss wohl noch genauer überprüft werden.
Interessante Websites:
neurofeedback.org, eegspectrum.com
www.futurehealth.org, www.brainm.com, www.snr-jnt.org (Internat. Society for Neronal Regulation)
e-isnr.org
www.eegbiofeedback.cz/english/english.php
(Website von Dr. Jiri Ty), www.drbiofeedback.com
(Seite von Dr. George van Hilsheimer, einem Pionier
des Bio- und Neurofeedbacks)
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 68 Sommer 2003
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