Oliver Shande?
Von Claude Jaermann

Der Name «Oliver Shanti & Friends» ist Inbegriff für die Verschmelzung von meditativer Musik mit Ethnoklängen. Der Absatz von Alben wie «Tai Chi», «Well Balanced» oder «Alhambra» überschritt locker die Hunderttausender-Grenze. Oliver Shanti berührte viele Menschen, doch als Ulrich Schulz, so sein bürgerlicher Name, offensichtlich auch minderjährige Knaben. Denn seit Herbst 2002 ist Oliver Shanti auf internationalen Fahndungslisten ausgeschrieben und auf der Flucht. Die deutschen Untersuchungsbehörden gehen von 1000 Einzelfällen sexueller Misshandlung aus. Wurde aus dem Paulus ein Saulus? Kann man so schöne Musik kreieren und sich gleichzeitig an Kindern vergreifen? Spuren sprach mit einem Direktbetroffenen, dessen Sohn auf Oliver Shantis Hazienda in Portugal zur Schule ging und von ihm dort jahrelang sexuell missbraucht worden sein soll.

Wer ist Oliver Shanti für dich heute?
Ein Mensch, der von den Idealen, die er früher vertreten hat, abgekommen ist und sie für seine Zwecke missbraucht hat. Ich bin stark betroffen von dem, was mit den Kindern gelaufen ist. Die Betrugsgeschichten, bei denen es um mehr oder weniger Geld geht, sind dabei sekundär. Oliver Shanti ist für mich ein Verräter an den Idealen, an die ich immer noch glaube.
Wann hast du ihm die Freundschaft gekündigt?
Das war im Sommer 2001, als ich mir hundertprozentig sicher war, dass der sexuelle Missbrauch, den mein Sohn ihm vorgeworfen hat, stimmt, obwohl Oliver Shanti dies abgestritten hat. Sogar von Angesicht zu Angesicht hat er mir im Namen der indischen Heiligen Anandamayi Ma geschworen, dass alles nicht wahr sei.
Ich habe nochmals mit meinem Sohn darüber gesprochen, der mir jedoch bestätigte, dass alle Vorfälle so stattgefunden haben. Am nächsten Tag habe ich Oliver Shanti, der in Portugal lebte, angerufen und ihm mitgeteilt, dass ich ab sofort nicht mehr für ihn arbeiten werde. Er meinte nur, ich sei ja alt genug und müsse selber wissen, was ich tue …
War dir auch klar, dass dies ein gerichtliches Verfahren nach sich ziehen würde?
Das Verfahren habe ich selber eingeleitet. Mir war wichtig, dass die Kinder entschieden, ob es zu einer Anzeige kommen soll oder nicht. Sie haben sich sehr schnell entschieden, Oliver Shanti anzuzeigen. Sie taten dies nicht aus Rache, sondern damit Oliver Shanti dies nie mehr anderen Kindern werde antun können.
Im Februar 2002 begannen dann die Ermittlungen mit Zeugenbefragung. Oliver Shanti weilte zu diesem Zeitpunkt nur noch in Portugal und wollte zu den Anschuldigungen keine Stellung nehmen. Er hat sich der Verhaftung entzogen und ist seit August 2002 untergetaucht.
Hast du seither jemals an der Wahrheit gezweifelt?
Nein. Im Gegenteil. Es hat sich hinterher alles noch verdichtet. Gemäss den Ermittlungen geht man von 1000 Einzelfällen aus, bei denen 10 Kinder während der letzten 10 Jahre missbraucht worden sind. Mein Sohn wurde von ihm von elf bis siebzehn sexuell missbraucht.
Wie hat es Oliver Shanti arrangiert, dass man ihm Kinder anvertraut hat?
Wir waren ein Kreis von Freunden und Familien. Da meine Frau und ich in Berlin lebten, konnten wir uns für unseren Sohn nichts Schöneres vorstellen, als in Portugal auf einer schönen Hazienda aufzuwachsen und zur Schule zu gehen. Eine Mutter war ja die ganze Zeit über dabei in Portugal. Meine damalige Frau war in ihren Semesterferien auch unten. Es war ja auch geplant, dass die Hazienda mal unser aller Alterssitz sein würde.
Oliver Shanti hat weder selber komponiert noch Instrumente gespielt. Was war eigentlich seine Rolle in dieser Gemeinschaft?
Die Verbindung von meditativer Musik und Ethnoklängen hat ja nicht er erfunden. Doch er wollte diese Fusion weiter ausbauen. Er stand am Schluss im Studio, nahm die Endproduktion ab und bestimmte mit, was rausging. Am Anfang wurde nur improvisiert in einer meditativen Stimmung. Er sang früher indische Lieder, die er mal gelernt hatte. Doch letztendlich war er im Studio nicht so oft anwesend. Die Band bestand aus vier Hauptmusikern, die haben die ganze Arbeit gemacht. Da er nicht wollte, dass junge Musiker, wenn sich der Erfolg einstellt, einfach weggehen, liess sich Oliver Shanti als Komponist, Arrangeur und Produzent eintragen. Damit flossen ihm auch sämtliche Tantiemen zu.
Die eigentliche treibende Kraft, eine Frau, die sich hingebungsvoll für das Sattva-Label eingesetzt hat, wurde später um ihr Geld gebracht. Und auch die Abmachung, einer tibetischen Organisation pro verkaufte CD «Tai Chi» eine Mark zukommen zu lassen, wurde nicht eingehalten. „Tai Chi“ verkaufte sich über 300 000-mal, doch die Tibeter haben davon bis heute keine Mark gesehen.
Warum gab man diesem Mann bloss so viel Vertrauensvorschuss?
Er hat immer gesagt: Schau, es ist jetzt eine neue Zeit. Fertig mit Starkult und auf der Bühne rumspringen. Oliver Shanti sei ja ein Arbeitstitel. Es zähle nicht das Individuum, das dahinter steht, sondern die Botschaft. Deshalb gab er auch keine Interviews.
Er war ein 68er, hatte in Indien seinen eigenen Ashram, kam dann zurück nach Deutschland und wollte mit Kunst und Kultur etwas bewegen. Dabei war er kein heiliger Leisetreter. Er hinterfragte das System, war in der Friedensbewegung aktiv, hat sich für Amnesty International stark gemacht.
Hast du Zeichen übersehen? Gab es Warnsignale?
Ein Warnzeichen wäre sein Exzess beim Sammeln von Papageien gewesen. Er hat in Portugal 300 bis 400 Papageien gehabt, gekauft aus Mitleid von Händlern. Er trat dann auch verschiedenen Vogel- und Auswilderungsvereinen bei und rechtfertigte dies angeblich damit, bedrohte Arten schützen zu wollen. In die Papageien hat er sehr viel Geld investiert – mehr als es unser Ziel war. Wir wollten in Portugal ja das Studio bauen und Häuser mit Appartements, in denen die Musiker untergebracht werden könnten. Er hat dann zwei Leute angestellt, die die Papageien versorgt haben. Das ganze Projekt mit den Papageien hat über eine Million Euro verschlungen.
Das waren also eher finanzielle Warnsignale. Gab es auch andere?
Ja. Er wurde mit den Mitmenschen ungeduldiger und nahm sie härter ran. Auch Musiker, die für ihn gearbeitet haben.
Haben die Musiker finanziell von Oliver Shanti profitiert?
Die, die gegangen sind, nicht. Es war halt alles Gemeinschaftsbesitz. Wer aus eigenen Stücken ging, der konnte nichts mitnehmen.
Gab es nie Kritik an seiner Person?
Überhaupt nicht. Es kam erst Leben in die Bude, als die Leiterin von Sattva Ansprüche geltend machte, da Oliver Shanti eine AG gründen wollte, die dann auch zustande kam. Gegen aussen wollte er sich immer einigen mit ihr; verweigerte ihr aber immer, wenn es darauf ankam, die Einigung. Er hat es auch beinahe geschafft, sie total zu isolieren, indem er sie so lange reizte, bis sie aufbegehrte.
Das alles klingt nach einer gewissen dämonischen Intelligenz, die hier am Werk war?
Im Nachhinein betrachtet, ja. Wenn man die Sache von den göttlichen und den dämonischen Neigungen her anschaut, sehe ich ihn heute mehr bei den dämonischen.
Wie kann jemand so «schöne» Musik machen, der so «böse» ist?
Man darf die Musik nicht auf ihn alleine projizieren. Es waren immer super Musiker dabei, die ihre ihre Seele in die Musik gebracht haben.
Oliver Shanti war auch ein grosszügiger Mensch, der der Gemeinde in Portugal fünf Ambulanzwagen kaufte oder einem Bettlern eigentlich immer Geld schenkte. Doch heute könnte ich mir auch vorstellen, dass dies Berechnung war, um sich Verbindungen zu kaufen.

Der Name des Direktbetroffenen, der aus persönlichen Gründen anonym bleiben will, ist der Redaktion bekannt.



Missbrauch
Betrug, Kindesmissbrauch, Doppelleben – hätte man das hören können? Seit der ersten Erschütterung vor einem halben Jahr, als ich von einem Direktbetroffenen über die Schatten des Oliver Shanti ins Bild gesetzt wurde, beschäftigt mich diese Frage.
Als Rezensenten bekommen wir neue Musikproduktionen als Erste zu hören, täglich sind wir gefordert, uns darüber eine Meinung zu bilden. Wir sollen heraushören, was daran stimmt und was nicht. Darüber wollen wir informieren.
Einer neuen CD von Oliver Shanti & Friends blickten wir stets mit gemischten Gefühlen entgegen. Diese Musik war und ist uns zu seicht. Von Sattva kamen grosszügige Geschenke, es gab kostenlose CDs zum Verlosen und grossflächige Anzeigen. Doch den Auftrag, diese Musik bei uns zu besprechen, den reichten wir auf der Redaktion weiter wie eine heisse Kartoffel. Keiner wollte Spielverderber sein und gegen die umwerfende Popularität dieser CDs anschreiben. Also gab es kurze, sachliche Besprechungen und bei den Fans enttäuschte Gesichter.
War der Abgrund dahinter zu hören? Der Anspruch scheint verstiegen. Und doch gilt das Gebot der Ganzheitlichkeit. Ein Mensch kann nicht auf der einen Seite ein selbstloser Wohltäter sein und auf der anderen Seite ein gemeiner Betrüger. Das heisst, er kann schon, doch habe ich den Anspruch, dass wir aus seiner Art, wie er den Wohltäter gibt, herauslesen, dass da etwas mit ihm nicht stimmt. Mit unseren Rezensionen möchte ich dazu beitragen, dass wir hellhörig werden für diese Art der falschen Töne.
Misstöne sind das übrigens gerade nicht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr sollten wir aufhorchen, wo Musik allzu harmonisch und gefällig klingt, wo einem Wohlklang gehuldigt wird, der keinen Raum lässt für die gesamte Palette menschlichen Empfindens.
Wie süss klang sie doch, die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Die Kinder sind diesem Wohlklang in Scharen nachgelaufen. Hinterher kam das böse Erwachen. Harmonie und ewiger Frieden schien die Flöte des Rattenfängers zu verheissen, Peace und Shanti. Er heisst aber Schulz. Und das Leben von Shanti-Schulz ist alles andere denn harmonisch.
Martin Friscknecht


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 68 Sommer 2003

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