Die Zeichen schienen günstig, das Datum mit dem ersten Samstag nach der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling war für ein solches Unternehmen gut gesetzt. Unsere Frühlingsausgabe war soeben ausgeliefert, die Hinfahrt liess sich mit einem Besuch der traditionsreichen Leipziger Buchmesse verbinden. Und im Anschluss des Orakelabends würde es möglich sein, sich in den Thermalbecken von Bad Sulza zu entspannen.
Zum ersten Mal würde ich in Auerstedt sein, in jenem kleinen Dorf zwischen Leipzig und Weimar, um dessen Besitz Napoleon 1806 mit Preussen und Russen stritt, welches kurz nach der deutschen Wiedervereinigung von einigen frohgemuten Neuzuzügern aus dem Westen in "Auerworld" umbenannt worden war und nun mit einem organisch wachsenden Haus aus lauter Weiden weit über Sachsen hinaus von sich reden machte. An diesem 23. März 2002 blickte die Welt wieder nach Auerstedt. Erneut sollte sich dort Entscheidendes zutragen.
Doch dann kam der Winter zurück nach Europa. Es wurde eisig kalt, ich stand am Bahnhof von Leipzig, Ausgang West, und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit, die nicht kommen wollte. Die Minuten verstrichen, wurden zu Viertelstunden, derweil in Schloss Auerstedt wohl bereits die ersten Gäste eintrafen. Micky Remann liess seine ausnehmend tiefe Stimme durch die hohen Räume hallen, und alles wurde bereitgestellt, um pünktlich sieben Uhr dreissig eine Orakelmaschine in Gang zu setzen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.
Dort wollte ich dabei sein, unbedingt, dazu war ich zehn Stunden lang hergereist. Doch nun stand ich vor dem Bahnhof in der Kälte und wartete. Vergebens. Die eben noch Glück verheissenden Zeichen standen auf Enttäuschung und Verlorenheit. Was sich andernorts abspielte, ereignete sich ohne meine Teilnahme. Mein Hochgefühl war verflogen und machte zunehmender Niedergeschlagenheit Platz. Zudem hätte ich dringend meine Blase entleeren sollen, traute mich aber nicht, den Warteplatz zu verlassen, aus Angst, meine Fahrgelegenheit zu verpassen. Das Leben, es klemmte.
Da endlich erinnerte ich mich einer Handy-Nummer, die ich in meine Agenda notiert hatte. In der Bahnhofshalle liess sich ein Telefonautomat finden, der mit Euro funktionierte. Fünf Minuten später sass ich im Auto - es hatte gleich um die Ecke auf mich gewartet - und ab ging's zur Ziehung der Auerworld-Argumente.
Als wir eintrafen, hatten sich bereits gut zwanzig Schicksalsfügungen vollzogen. Die Orakelmaschine lief wie geschmiert, im Zwei-Minuten-Rhythmus bescherte sie der Welt ihre Weissagungen. Die Welt, sie hörte und staunte. Denn was hier enthüllt wurde, versprach doch immerhin "Lösungen zu Problemen, die es noch gar nicht gibt".
Wie bitte? Sie haben richtig gelesen. In Micky Remanns Einleitung, die mir später auf Tonträger nachgereicht wurde, klang das so: "Sie alle haben Probleme, die es noch gar nicht gibt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Wir haben die Lösungen für diese, Ihnen selbst noch unbekannten Probleme. Das heisst, wir haben sie noch nicht. Doch in der nächsten Stunde werden diese Lösungen gefunden."
Gut möglich, dass Fragen der Divination, also des Vorauswissens durch Kartenlegen, Träume und Orakel, für Sie etwas höchst Geheimnisvolles sind. Einem Orakel nähern Sie sich mit einer gehörigen Portion von Ehrfurcht, vermischt mit etwas Neugier, wenn nicht gar mit Angst. Schliesslich geht es um den Kontakt mit Kräften, die unfassbar und irgendwie nicht geheuer sind. Gut möglich, dass Sie dann mit einem Orakel wie den Auerworld-Argumenten nicht viel anfangen können.
Ebenso gut möglich ist aber auch, dass die Entstehungsgeschichte dieses Orakels bald vergessen geht, dass die Nachwelt in zwanzig Jahren diese Orakelkarten mit ebendieser Mischung aus Ehrfurcht, Neugier und Angst leicht zitternd zur Hand nimmt. Die Auerworld-Argumente werden dannzumal so etwas wie ein altehrwürdiges Orakel sein, dem Fragen des Herzens und der Brieftasche anvertraut werden wie heute den germanischen Runen oder den Tarotkarten. Wissen wir denn, wie es bei den Chinesen zu und her ging, als diese zum ersten Mal Schafgarbenstängel für das I Ging schnitten? Eben.
Wenn Sie mir bis dahin gefolgt sind, wird es Zeit, dass ich Ihnen etwas über Micky Remann erzähle. Zum Leidwesen nicht nur unserer Redaktion hat der Mann lange nichts mehr geschrieben. Vor seinem Wegzug aus Frankfurt am Main nach Deutschlands tiefem Osten veröffentlichte er Bücher mit Titeln wie "Who is Who in Kathmandu", "Der Ozeandertaler" und "Die Esoterik des Kalauers". Nicht ganz nebenbei wirkt Micky Remann seit ein paar Tourneen als die deutsche Stimme des amerikanischen Zauberers David Copperfield. Man könnte sagen: Esoterische Themen und Fragen der Bewusstseinserweiterung haben Micky Remann stets lebhaft interessiert, aber nie in einem derart ernsthaften Mass, dass er darüber die Liebe am Spiel mit der Sprache vergessen hätte.
In diesem Spannungsfeld flogen dem "Weltbildreisenden" im Laufe der letzten Jahre merkwürdige Weisheiten zu. Die brachte er zu Papier, dieweil sein Freund, der Künstler Axel Brück, mit Öl, Acryl und Computer eine Serie von Bildern schuf, die er "schamanische Piktogramme" nannte. Als 63 Bilder und 63 Sprüche beisammen waren, beschlossen die Freunde, es sei gut so. Sie luden nach Auerstedt ein, ihre Texte und Bilder auf immer und ewig untrennbar zu vereinigen.
Und wem das alles ein bisschen sehr nach menschlichem Machen und ein bisschen wenig nach dem Walten höherer Mächte klingt, dem sei es nun verraten: Um halb acht, als im Auerstedter Schloss die Stunde des Orakels schlug und ich mit meinem Fahrer fernab vom Ort des Geschehens durch sächsische Landschaft brauste, befanden sich im Raum der Orakeltaufe exakt 63 Personen.
Wie gesagt, als wir zwei dazu kamen, lief die Orakelmaschine bereits auf vollen Touren. Das heisst, zwei blonde "Nummerngirls" streiften mit zwei farbigen Müeslischalen aus dem Haushalt der Remanns durch die Reihen des Publikums. Aus den Schalen wurden von den Anwesenden je eine Zahl für ein Bild und eine Zahl für einen Spruch gezogen. Daraus ergab sich die Kombination für eine Orakelkarte, lauthals verkündigt von Micky Remann. Fein säuberlich notiert und für alle Ewigkeit festgehalten wurde die frisch geborene Karte von Herrn Notar Eckard Maas aus Apolda. Axel Brück führte die Bild-Text-Kombination dem Publikum mit dem Hellraumprojektor vor Augen. Und nicht vergessen gehen soll an dieser Stelle der Einsatz des Berliner Cellisten Thilo Krieger, der, sobald eine neue Kombination verkündigt worden war, die Stimmung einer Karte vorauseilend herbeiimprovisierte.
Beide Väter der Auerworld-Argumente hatten in ihren einleitenden Worten von einer Gabe des menschlichen Geistes gesprochen, die beim Orakelschlagen ganz von selbst in Anspruch genommen wird: "Wir alle haben die wunderbare Eigenschaft, auch im totalen Chaos noch eine Ordnung vorzufinden", erklärte Axel Brück. Micky Remann forderte die Anwesenden zur orakulösen Einstimmung auf, sich in eine Urszene zurückzuversetzen: Als wir Steinzeitmenschen waren, nachts bei einem Feuer sassen, eine Mammutkeule brieten und den Blick zu den Sternen schweifen liessen. Was sahen wir da? Ein unübersehbares Gewirr von Lichtern? Gewiss. Bald aber auch Bilder, zum Beispiel das Sternbild des Wagens - die Lösung eines Problems, das wir noch gar nicht hatten!
Und tatsächlich ereignete sich bei der Ziehung der Auerworld-Argumente immer wieder genau das. Da heisst der Spruch von Karte Nr. 24: "Besser ich blicke nicht durch, als du durchschaust mich", und das Bild dazu zeigt eine fröhlich tanzende Gestalt vor zwei Flächen wie Spiegeln. Auf einem anderen Bild entsteigen zwei unschwer als lustvoll beschwingte Weiblein und Männlein erkennbare Gestalten so etwas wie einer über karger Mondlandschaft schwebenden Lustkugel. Dazu steht jetzt der Spruch: "Unheimlich high müssen die Götter gewesen sein, als sie die Nüchternheit schufen." Der Spruch "Das Ego ist eine Droge, unter deren Einfluss du vergisst, dass du unter ihrem Einfluss bist" ist auch ohne Illustration eine Perle. Das Bild dazu zeigt eine Figurengruppe, die selbstvergessen so etwas wie ein mächtiges altägyptisches Symbolschild umtanzt.
Unheimlich passend, das alles. Je länger man sich mit einer einzelnen Karte beschäftigt, desto stimmiger und beziehungsreicher erscheint einem die Kombination. Das heisst, Bild und Text generieren ein hinreichend offenes Feld, um alle möglichen Projektionen auf sich zu ziehen. Ebenso gut könnten wir einen Rorschach-Klecks betrachten und dazu ein Telefonbuch an drei beliebigen Stellen aufschlagen, um daraus tiefsinnige Verbindungen abzuleiten.
Gleichzeitig sorgen die bildlichen und sprachlichen Vorgaben der Auerworld-Argumente aber auch dafür, dass die Wahrnehmung des Betrachters nicht in jede beliebige Richtung schweift und sich dabei verliert. Das heisst, unbestreitbar wird da etwas ausgesagt und festgestellt. Diese Aussage ist aber derart allgemeiner Natur, dass alle möglichen persönlichen Inhalte sich mit ihr verbinden können.
Es ist nicht übertrieben zu behaupten: Hätten die Feinde Napoleons bereits Einblick in dieses Orakel gehabt, die Niederlage von Auerstedt wäre ihnen erspart geblieben. "Zellulite am Astralbein - Zeit für die nächste Inkarnation!" rät Karte Nr. 18.
Die Auerworld-Argumente gibt es für Euro 630 als Vorzugsausgabe in einem edlen Schuber, der sämtliche 63 Originalgrafiken mit den Texten enthält zusammen mit zwei Künstlerbüchern. Zu beziehen bei: MeginHouse Atelier, Gartenstrasse 31, D-99819 Marksuhl, Tel. 0049 36925 25855.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 64 Sommer 2002
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