Zwölf blaue Blöcke, handlich und praktisch, aber wenig schön, so stehen die gesammelten Werke von Hermann Hesse seit Jahr und Tag bei mir im Gestell. Es handelt sich um eine billige Taschenbuchausgabe, Anfang der siebziger Jahre vom Suhrkamp Verlag in hoher Auflage auf den Markt geworfen. Damals wollte ich von diesem Autor einfach alles lesen. Romane wie Demian, Siddharta oder Der Steppenwolf waren mir eine Offenbarung. In diesen Werken las ich Sätze voller Ahnung und Verheissung.
Ich war noch keine zwanzig Jahre alt. Bei Hesse deutete sich mir eine Welt an jenseits der materiellen Zwänge und bürgerlichen Konventionen. Andere diskutierten die Revolution und hielten sich an graue Buchblöcke aus demselben Verlag. Sie enthielten die Werke des Bertold Brecht. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" - nein danke, darauf konnte ich verzichten!
Band neun der blauen Bücher umfasst Hesses 600 Seiten starkes Alterswerk Das Glasperlenspiel. Diesen Brocken hatte ich mir damals bis zuletzt aufgehoben, wohl wissend, dass mir die Lektüre mehr abverlangen würde als die Romane zuvor. Eine Woche Ferien hatte ich mir dafür eingeräumt, jeden Tag gut hundert Seiten wollte ich darin lesen, und habe es wohl auch getan. Wenn ich den Roman heute, anlässlich einer schmucken Neuausgabe zu Hesses 125. Geburtstag wieder zur Hand nehme, muss ich mir eingestehen: Verstanden habe ich vom Glasperlenspiel bei der ersten Lektüre so gut wie nichts.
Das kann auch gar nicht anders sein, denn was mich bei Hesse in der Jugend so sehr begeisterte, war die romantisch wilde Aura seiner Figuren, die märchenhafte Atmosphäre seiner Geschichten, der unverrückbare Blick nach innen und die stete Sinnsuche, das schwermütig Bedeutungsvolle der Handlung und - ja, warum auch nicht - die unterschwellige Sinnlichkeit der Beziehungen. Es ist wohl die unnachahmliche Mischung all dieser Ingredienzen, angreichert mit einem Schuss roher kreativer Unruhe, die Hermann Hesse, vierzig Jahre nach seinem Tod, zu einem der meistverkaufen Schriftsteller unserer Zeit macht. "Sein Werk ist so lebendig wie nie zuvor", frohlockt der Suhrkamp Verlag in einer Jubiläumszeitung. Allein im deutschsprachigen Raum setzt der Verlag noch heute Monat für Monat knapp 50'000 Bücher seines Starautors ab, von den Weltrechten ganz zu schweigen.
Flucht aus der Zeit
Das Glasperlenspiel gehört wohl kaum zu Hesses grossen Umsatzträgern. Denn ein Spiel ist dieser Roman natürlich nicht. Vielmehr hatte der nachmahlige Nobelpreisträger hier die grossen Themen seines Werks noch einmal versammelt und so etwas wie eine Summe seines Lebens gezogen. Zu Zeiten des Ungeistes, als in Deutschland die Nazis herrschten und die Welt in den Krieg peitschten, flüchtete sich der in der Südschweiz im Tessin lebende Dichter in eine Provinz des Geistes. Seinen Freunden gegenüber gestand der, bereits seit Anfang Jahrhundert beliebte Autor, einzig die Arbeit an diesem Werk habe ihn davor bewahrt, am Zustand der realen Welt zu verzweifeln.
1943 erschien der Roman erstmals im Schweizer Verlag Fretz und Wasmuth in vergleichsweise bescheidener Auflage. Nach Kriegsende gingen die Grenzen für dieses Buch auf, und Das Glasperlenspiel wurde als wegweisender Entwurf gelesen. Kastalien, wie Hesse seine Gegenwelt nannte, war offensichtlich nicht gleich heute oder morgen zu erreichen. Doch als Programm für ein besseres Übermorgen besitzt der Roman noch heute erhebliche Strahlkraft.
Träumen wir mit Hesse! Vielleicht ist das mit der Wirklichkeit und der Flucht aus ihr ja gerade umgekehrt: Während seine Zeitgenossen sich noch einmal mit aller Entschlossenheit dem immerwährenden Geschichtsprogramm vom Verhetzen, Zerstören und Morden ganzer Völker zuwandten, beschätigte sich der Dichter, welcher sich bereits der nationalistischen Hetze des ersten Weltkriegs nachhaltig entzogen hatte, mit dem, was für den europäischen Menschen ungleich wichtiger ansteht: die Besinnung auf die Bedüfnisse der Seele und die Ausbildung eines neuen Geistes.
Vereinfacht gesagt, geht es im Glasperlenspiel darum, dass die Bildung des Menschen mit einem Schulabschluss noch nicht zu Ende ist. In den Eliteschulen Kastaliens erreicht eine Art musischer Fortbildung ihren höchsten Ausdruck in der Kunst des Glasperlenspiels, in der exquisiten Meditation einer Ordensgemeinschaft von lauter Männern über sorgsam ausgewählte Inhalte aus Musik, Philosophie, Mathematik und Kunst. Nach Zeiten des Niedergangs - unverkennbar ist damit die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gemeint - hat sich während langer Geburtswehen in einer nicht allzu fernen Zukunft eine geistige Elite herausgebildet, die sich im Gebrauch einer neuen Symbolsprache schult. Mit dieser Sprache lassen sich Inhalte von zuvor getrennten Wissengebieten übergreifend zum Ausdruck bringen. Die immer wieder neuen Beziehungen dieser unterschiedlichen Elemente zueinander ergeben das Spiel.
Chinesische Spähren
Das wäre wenig mehr als der schöngeistige Höhenflug eines vom Lauf der Welt enttäuschten Belletristen. Doch Das Glasperlenspiel atmet einen anderen Geist. Unverkennbar sind darin Einflüsse aus der Philosophie des alten China auszumachen. Wie selbstverständlich beschäftigt sich der Protagonist Josef Knecht in seiner Studienzeit nicht bloss mit klassischer Musik und Religionsgeschichte, sondern er schult sich an Konfuzius und den alten Taoisten.
Bei einem nach dem Vorbild chinesischer Eremiten lebenden Ordensmann erlent Knecht zudem die Kunst, mit Schafgarbenstängeln das I Ching zu befragen. Dass es sich beim Gebrauch des mehrere Jahrtausende alten "Buchs der Wandlungen" um mehr als bloss eine Spielart der Wahrsagerei handelt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Hesse wurde in zwanziger Jahren durch die bahnbrechende Übersetzung des deutschen Missionars Richard Wilhelm mit dem I Ging vertraut. Er bekannte, das Buch liege in seinem Schlafzimmer und er lese darin nie mehr als eine Seite auf einmal. In einer Rezension sagte er: "Wenn man eine der Zeichenkombinationen anblickt (É), so ist das kein Lesen und ist auch kein Denken, sondern es ist wie Blicken in fliessendes Wasser oder in ziehende Wolken. Dort steht alles geschrieben, was gedacht und was gelebt werden kann."
Josef Knechts Studium des Orakelspiel ist das sichtbare Zeichen einer tiefer liegenden ostasiatischen Strömung, die am deutlichsten hervortritt an seinem wichtigstem Lehrer, dem Musikmeister. Während alle anderen Figuren des Romans anspielungsreiche Namen tragen, bleibt dieser Mann namenlos. Bei ihm lernt der junge Knecht auf die innere Schwingung von Musik zu lauschen und zu meditieren. Von diesem zutiefst menschlichen Lehrer wird Knecht über eine weite Strecke des Lebens begleitet.
Als er selber kurz davor steht, zum Glasperlenspielmeister ernannt zu werden, erblickt Knecht den alten Lehrer in einer Vision, in der mal der eine den anderen, dann wieder umgekehrt der andere den einen durchs Leben führt: "Dieses Werben der Weisheit um die Jugend, der Jugend um die Weisheit, dieses endlose, beschwingte Spiel war das Symbol Kastaliens, ja war das Spiel des Lebens überhaupt, das in Alt und Jung, in Tag und Nacht, Yang und Yin gespalten ohne Ende strömt."
Heitere Gelassenheit
Je älter er wird, desto gewinnender tritt am Musikmeister ein Charakterzug hervor, den wir als Ausdruck von Lebensreife und Weisheit fast kaum mehr kennen: heitere Gelassenheit. Ohnehin kein Mann der vielen Worte, verstummt er als Greis fast gar. Die meisten Männer seiner Umgebung verkennen jedoch das Schweigen des Musikmeisters als Behinderung oder als Zeichen abnehmender geistiger Kraft.
Josef Knecht besucht seinen greisen Lehrer ein letztes Mal. Auch er weiss zunächst nicht, was er mit dem stumm lächelnden Mann anfangen soll. Auf alle Arten versucht er, den Alten irgendwie in ein sinnvolles Gespräch zu verwickeln. "Du ermüdest dich, Josef", sagt der Greis nach einer Weile, und dann sagt er nichts mehr.
Nach anfänglichem Widerstand lässt sich der Jüngere vom Schweigen des Alten berühren. Zwischen den beiden kommt es zur stummen Kommunion. Jenseits der Worte entsteht ein stilles Einverständnis, und es beginnt zwischen den zwei Menschen eine Kraft zu fliessen, welche der so Beschenkte später als letzte und kostbarste Gabe seines Lehrers begreift.
Als Herausgeber einer so genannt esoterischen Zeitschrift kann ich bei dieser Passage nicht anders, als an das zu denken, was in der Szene der Sinnsucher heute unter dem modisch gewordenen Begriff als "Satsang" kursiert: Landauf, landab treten Leute zusammen, um sich gemeinsam schweigend und meditierend, für das zu öffnen, was sie eigentlich sind. Nach Begeisterungswellen für einzelne Gurus, für Meditationstechniken und diverse Heilswege, nach Oberton- und Mantrasingen, nach Kreistanzen und achtsamem Gehen, verbreitet sich unter den Morgenlandfahrern von heute auf einmal die Übung des Schweigens. Oft erwächst daraus eine kostbare, köstliche Stille.
Und Hermann Hesse hat diese Sache vor sechzig Jahren deutsch und deutlich im Glasperlenspiel beschrieben - was für eine Entdeckung! Vielleicht iiegt Kastalien gar nicht mehr so weit weg wie gemeinhin angenommen wird. Träumen wir mit Hesse! Vielleicht liegt Kastalien gleich um die Ecke.
Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel, Jubiläumsausgabe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 576 Seiten, Euro 10.-
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 63 Frühling 2002
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