Entspannung für Kampfhähne
Von Margret Rueffler

Während eines Gesprächs mit einem Kollegen an der Universität von Denpasar, einem Moslem aus Java, wurde mir bewusst, dass er und viele andere seiner Landsleute glauben, die USA und die Nato würden einen Krieg gegen den Islam führen, da US-Präsident Bush mehrere öffentliche Andeutungen in diese Richtung getan hatte. Ich versuchte zu erklären, dass es kein Krieg gegen den Islam, sondern einer gegen den Terrorismus sei.
Es war mein siebter Besuch in Bali, Indonesien, wo ich seit 1999 ein Frieden förderndes Projekt im Rahmen meiner Tätigkeit, der Psychopolitischen Friedensarbeit, verwirkliche. Nach mehreren internationalen Projekterfahrungen in Krisengebieten war ich bereit dazu, mit dem Projekt «Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?» auf Bali aktiv zu werden. Im Bewusstsein der meisten Menschen ist Bali ein tropisches Paradies, eine Ferieninsel, bevölkert von überaus freundlichen, friedliebenden Menschen, die es verstanden haben, die ihnen eigene Hindukultur und Lebensweise vor den Anfechtungen unserer Zeit zu bewahren.
Von meiner ersten Reise vor drei Jahren wusste ich, dass die Wirklichkeit unter der Oberfläche anders aussieht. Die westlichen Einflüsse des Massentourismus sind massiv, und der vielfältige Zustrom von Arbeitssuchenden, die der Gewalt und der Armut in anderen Gebieten des indonesischen Inselreichs entfliehen, bringt andersartige Kulturen und Einflüsse auf die Insel. Die Beschäftigten in der stark zurückgegangenen Tourismusindustrie sehen sich einem heftigem Wettbewerb um Arbeitsplätze ausgesetzt. Wie stark ist das fragile balinesische Gleichgewicht in Gefahr? Ist der Ausbruch von Gewalttätigkeiten unabwendbar?
Es bedurfte mehrerer Monate an Vorbereitungen, um mit der intensiven Projektarbeit in einem Slum beginnen zu können. Der Anjar Slum liegt im Herzen von Kuta, einem der viel besuchten Touristenziele auf Bali, dem Land der Götter. Der Slum ist eine Enklave von verschiedenen ethnischen Gruppierungen, mehrheitlich Moslems, aber auch Christen, die hier, von den anderen Inseln Indonesiens kommend, ein besseres Leben suchen.
Sechs Monate hatte es gedauert, bis es mir möglich war, mit einigen wenigen Slumbewohnern zu arbeiten und dadurch Vertrauen aufzubauen. Dies war eine der Voraussetzungen dafür, dass ich jetzt tiefer einsteigen konnte. Das hiess, von nun an konnte ich mich frei im Slum bewegen. Um das zu gewährleisten, bedurfte es auch einiger delikater Verhandlungen mit den örtlichen balinesischen Religions- und Gebietsvorstehern.
Der Slum war gut durchorganisiert. Die Bewohner zahlten einer nebulösen Person im Hintergrund die Miete für ein Stückchen Land, auf dem es ihnen erlaubt wurde, ihre Hütten aufzuschlagen, und wo sie wiederum Schlafplätze und Unterschlupf an Neuankommende vermieteten. Die meisten von ihnen wurden von so genannten Arbeitgebern oder Bossen in Gangs zusammengefasst. Im Slum gab es sechs Bosse, unter anderem den Boss der Bettler, der Kinder von fünf bis vierzehn «anstellte». Die tagsüber bettelnden Kinder schliefen auf engstem Raum zusammengepfercht wie Sardinen in der Büchse.
Auf engstem Raum hausten etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Menschen, über die Hälfte davon illegal. Um möglichst viele junge Menschen zu erreichen und sie dazu zu bewegen, am Projekt «Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?» mitzuwirken, bedurfte es der Zustimmung der Gangleader. Dazu brauchte ich ihre Namen und die Namen der Gruppenmitglieder.
Während mehrerer Monate bereits war der aus Südjava stammende Sumaryono von unserer PsychoPolitical-Peace-Foundation dabei unterstützt worden, ein kleines Nähatelier aufzubauen. Die Leute aus Südjava sind bekannt für ihr feuriges Temperament. Es brauchte mehrere Besuche und die Unterstützung beim Aufbau eines Nähateliers, um ein Vertrauensverhältnis mit Sumaryono aufzubauen. Er ist ein alteingesessener Slumbewohner, der jeden hier kennt. Nach längerer Diskussion erfuhr ich die Namen der Bosse und die Grösse der Gangs. So wurde es mir möglich, jeden Boss individuell anzusprechen und ihn mit seiner Gruppe zu einem Treffen einzuladen. Bis spät in die Nacht hinein war ich unterwegs und besuchte viele schwach beleuchtete Hütten, stieg durch Abfall und verschiedene Gerüche hindurch, um die Menschen persönlich aufzusuchen.

Tieropfer und Hahnenkämpfe
Am nächsten Tag führte ich eine unserer langen, tiefen Diskussionen mit Tampi, meinem Fahrer und gleichzeitig einem der Religionsführer im balinesischen Dorf Tanggayuda, wo wir während der letzten zwei Jahre mit Gruppen von Jugendlichen am Projekt «Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?» gearbeitet hatten. Wir sprachen über die Gebote und Verbote der balinesischen Religion, einer speziellen Form des Hinduismus, die viele Tieropfer und Opfergaben beinhaltet.
Dazu gehören auch Hahnenkämpfe auf dem Tempelgebiet, zu denen der balinesische Mann seine heiss geliebten und lange gehegten Kampfhähne hinträgt, um dabei zuzusehen, wie sich die Tiere in einem glorreichen, kurzen Moment des Kampfes gegenseitig töten. Mit Rasierklingen an den Sporen versehen, währt ein Kampf nur wenige Minuten. Die Hahnenkämpfe sind eine Männerangelegenheit, und es wird dabei mit Begeisterung gewettet. Manchmal flüchtet der Hahn aus der Arena, was einer Beschämung des Besitzers gleichkommt. Beiläufig erwähnte ich gegenüber Tampi, auf einen solchen Hahn müsse sein Besitzer doch eigentlich stolz sein, denn das Tier sei doch sehr intelligent, sich nicht umbringen zu lassen.
Unsere Gespräche befassten sich mit den unzähligen Tieropfern, die auf Bali für die religiösen Opfergaben und Zeremonien nötig sind. Und es gibt hier im Verlaufe eines Jahres viele Zeremonien. Nach dem Verständnis derer, die sie ausführen, erhalten die Opfer ein Gleichgewicht der Kräfte, sie beruhigen die Dämonen und schützen die Menschen vor deren Einfluss. Bali ist ein magisches Land, eine Insel, auf der die Praxis von weisser und schwarzer Magie an der Tagesordnung ist.

Blut für Dämonen
Während meines letzten Besuches hatte ich Tampi erklärt, dass das Blut der getöteten Tiere die Dämonen füttere und nähre. Wenn die Menschen sich wirklich schützen wollten, dürften sie den Dämonen keine Tiere opfern. Das Blut jedes getöteten Tieres stärkt die Kraft der Dämonen. Ohne Opfer hätten diese keine Nahrung und würden geschwächt. Tampi wusste, dass dies stimmte. Er hatte in der Zwischenzeit einen höheren Brahmanenpriester aufgesucht, um auf die für ihn auftauchenden Fragen Antwort zu erhalten. Die Antwort, die er vom Priester bekommen hatte, war, dass jedes dieser Tiere, dadurch, dass es für zeremonielle Zwecke geopfert wird, eine bessere Inkarnation im nächsten Leben erfahren könne. So lehrt es der balinesische Hinduismus. Dies führte wiederum zu meiner Frage: Wie können die Tiere denn höher inkarnieren, wenn sie vor ihrem Tod voller Angst schreien und zu entkommen suchen? Wer so stirbt, bleibt in der Angst gefangen, auch über den Tod hinaus. -Tampi und ich beschlossen, unsere Diskussion bei meinem nächsten Besuch weiterzuführen.
Die balinesische Kultur, eine besondere Form des Hinduismus, wurde vom benachbarten Java auf der Flucht vor dem Islam des javanesischen Sultanshofs nach Bali gebracht. Ihr strukturiertes und rigides System überlagerte die ursprüngliche balinesische Kultur, die auch vom Buddhismus beeinflusst war. Indonesien hat eine sehr eigene gemässigte Form des Islam entwickelt, vermischt mit vielen alten vorislamischen Bräuchen. Diese Form der Religion wird von den vielen verschiedenen ethnischen Gruppen praktiziert, die auf über 17000 Inseln leben.

Im Slum von Kuta
Das Wetter war heiss und feucht. Die Flöhe bissen mich, als würden sie sich freuen, dass ich endlich wieder kam, als ich spät abends den Slum von Kuta besuchte.
Und das erste Wunder geschah: Die Abfallsortierer mit Boss und der Bettlerboss erschienen zur verabredeten Zeit. Der kleine Verschlag im Slum, in dem ich sie erwartete, war überfüllt. 15 Kinder zwischen 5 und 15 Jahren waren die «Angestellten» des Bettlerbosses. Nach einem längeren Gespräch eröffnete ich ihm die Möglichkeit, einige der 5-, 7- und 9-jährigen Kinder in die Schule zu lassen. Wir würden finanziell dafür aufkommen, wenn er ihnen die Zeit für Schule und Lernen frei gab. Er schien tief berührt und versprach, dies einigen Kindern zu erlauben. Ich lud alle ein, mich am nächsten Abend an einem anderen schöneren Ort zu besuchen. Sie sagten zu.
Mehr als 25 Menschen, meistens Jugendliche, einige Frauen mit Kindern, folgten anderntags meiner Einladung und schälten sich aus einem 15-sitzigen Bus, den ich zur Verfügung gestellt hatte.
Während der letzten Woche hatte ich den Plan erwogen, ein kulturelles Austauschprogramm zwischen den unterprivilegierten Jugendlichen von Moslems und Christen in den Slums mit Hindu-Jugendlichen eines traditionellen Dorfes zu initiieren. Dies könnte zu einem tieferen Verständnis der anderen Kultur und der Menschen führen und damit der Vorbeugung von Gewalt dienen. Vor allem könnte ein solches Programm vorbeugend wirken, so dass die Ideen der radikalen Muslimkräfte in dieser Gegend nicht Fuss fassten.
Ich lud alle Angekommenen ein, in einem Kreis auf Kissen Platz zu nehmen. Die Gesichter waren verschlossen und gleichzeitig verrieten sie Neugierde. Nach einer Weile fingen wir zögernd an zu lachen, und ich schlug eine Entspannungsübung durch Atmen vor. Danach war es möglich, sie zu einer Herzübung einzuladen, um das Hervortreten von kreativen Ideen zu erlauben, die zu konkreten Projekten führen könnten. Sie fragten nicht viel und sprachen wenig - es war ungewohnt für diese Menschen, nach ihren Ideen und Gedanken gefragt zu werden.
Ich schaute in das Gesicht des Bosses der Abfallsortierer, eines 28-jährigen Mannes, dem ein Bein unterhalb des Knies fehlte, und nahm das Potenzial von Aggression und Bitterkeit in seinen Augen wahr. Und doch, in dieser friedlichen Atmosphäre, umgeben von einem Teich mit offenen Seerosen, entspannte auch er sich und fing an zu lächeln. Ich hatte Essen, ein Päckchen für jede Person, vorbereitet. Das wurde gerne angenommen und mit Heisshunger gegessen von diesen Menschen, die um jeden Bissen im täglichen Leben kämpfen müssen.

Der Schritt zum Herz
Jetzt kam der wichtigste Schritt. Wie konnten das Herz und damit das Potenzial des Einzelnen berührt werden, um dann einen Gruppenprozess einzuleiten, der möglicherweise zur Verwirklichung von verschiedenen Projekten im Slum führen würde? Die Prinzipien unserer PsychoPolitical-Peace-Foundation (PPPF) lauten, FreudeBewusstsein und Ermächtigung zu wählen, was zu Wahlmöglichkeiten und Selbsthilfe führt. Nichts von alledem ist im Slum zu finden. Ein Slum ist deprimierend, voller Abfälle, unsauber. Armut und Drogen bestimmen das tägliche Leben. Der Slum ist eine Brutstätte des Hasses und ein offenes Feld der Rekrutierung von jungen Moslems für den Jihad, den heiligen Krieg der islamistischen Fundamentalisten. Nach der Auskunft von Koranwissenschaftlern bedeutete Jihad ursprünglich eine innere Reinigung. Seit einigen Wochen sah man bärtige Männer mit bedecktem Haupt aus Afghanistan die islamischen Gegenden besuchen. Sie predigten in den Moscheen, um die jungen Männer für den Krieg in Afghanistan zu rekrutieren. Diese Missionare sind sehr erfolgreich, besonders dort, wo die Ärmsten leben.
Unsere Projekte, die auf den oben genannten inneren Werten, insbesondere auf FreudeBewusstsein aufbauen, laden die Menschen ein, ihr inneres ungelebtes Potenzial kreativ umzusetzen - lebengebend zu werden, während ein Terrorist seine Kreativität dazu verwendet, Leben zu nehmen, und diese Kraft so destruktiv und todesorientiert wird.
Was jetzt stattfand, war unglaublich. Dieser zusammengewürfelte Haufen von Menschen fing an, sich zu entspannen. Diese unterprivilegierten, vom Leben in keiner Weise geschonten Menschen versetzten sich in die Lage, sich mit einer Übung dem Herzen zuzuwenden und auf die innere Stimme zu hören. Mit anderen Worten: Sie erlaubten sich Kreativität.
Dieser Abend war voller Wunder. Die Menschen fühlten sich wohl, sie waren entspannt und behandelten das gepflegte und schöne Umfeld, in das sie eingeladen waren, mit der gleichen Sorgfalt, wie ich sie ihnen vorlebte. Es war zutiefst berührend, wie viele Augen lebendig wurden und erwachten. Nun entstand die Stimmung, etwas tun zu wollen, wenn die Chance dazu geboten wurde.
So wurden einige gute Ideen vorgeschlagen, welche die Slumbewohner selbst weiterentwickeln können, um später von uns eingeschätzt zu werden, wo unsere Unterstützung wirklich vonnöten ist. Ist ihre Motivation so stark, dass sie in Aktion treten wollen, so wird uns das motivieren, die sich entfaltenden Aktivitäten zu unterstützen. Das Projekt «Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?» ist am Erblühen.
Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, um in eine geschockte Schweiz zurückzukehren, deren Traum und Idee von einem sicheren inneren und äusseren Raum durch die Ereignisse von Zug tief erschüttert worden war.

Margret Rueffler ist transpersonale Psychologin und Gründerin des PsychoPolitischen Peace Institutes (PPPI) in New York und Stäfa CH, das psychologische Ausbildungen anbietet. Über ihre Arbeit hat sie Bücher in mehreren Sprachen veröffentlicht. Telefon 01/926 8182, www.pppi.net, Unterstützung bitte an: Kto.-Nr. 16 1.265.252.00, bei Bank Linth, 8730 Uznach, PC 30-380170-0.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 62 Winter 2002

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