So ein Klassenbester ist eine patente Erscheinung. Über alles weiss er Bescheid, seine Erkenntnisse teilt er gerne grosszügig, und wenn es eine Prüfung gibt, ist es von Vorteil, in seiner Nähe zu sitzen. Er ist der brillante Junge mit dem stechenden Blick durch randlose Brille, der altkluge Kerl, der in Diskussionen auch grossen Tieren Paroli bietet.
Der Primus kann alles, nur das nicht: Er kann sich nicht entspannen. Wie von einem inneren Dämon getrieben, beweist er aller Welt, wie klug er ist, ob wir es wissen wollen oder nicht.
Womit nichts gesagt sei gegen die Veröffentlichung von Ken Wilbers Tagebuch aus dem Jahr 1997. Im Gegenteil. Dieses Buch ist ein Werkstattbesuch bei einem der anregendsten Denker unserer Zeit. Wer bis dahin der Lektüre von Wilbers schwergewichtigen Theoriewerken aus dem Weg gegangen ist, kann sich hier auf elegante Weise mit dessen wichtigsten Aussagen vertraut machen. Wie wir in dieser Zeitschrift (SPUREN Nr. 53 bis 56) mit vier Vorabdrucken haben zeigen können, vermittelt Ken Wilber Gedankenanstösse in einer Klarheit, die ihn vom verbreiteten Geschwätz der Szene meilenweit abhebt.
Und nach Mut und Gnade wird hier endlich wieder der private Ken Wilber sichtbar. Doch gerade die Tagebucheinträge, in denen der Autor sich und seiner Leserschaft ungefragt beweist, wie prima er auch mit Verlegern, mit Schülern und mit seiner neuen Freundin zurechtkommt, hinterlassen ein zwiespältiges Gefühl. Muss er denn wirklich alles so gut können? Mit dem Primus geht man ja auch nicht zum Tanzen. Oder man weiss, worauf man sich einlässt, und ist selber schuld.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 61 Herbst 2001
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