So ein Friede
Von Martin Frischknecht

SPUREN: Von Ihnen heisst es, Sie hätten durch Gesundheitsprobleme zur Meditation gefunden.

S.N. Goenka: Ich bin als Inder in Burma aufgewachsen, wo ich bereits in jungen Jahren ein äusserst viel beschäftigter, erfolgreicher Geschäftsmann war. Das heisst, ich wurde zu einem selbstbezogenen, reizbaren Menschen, der bald an schrecklichen Migräneanfällen litt. Das einzige Mittel, das mir Erleichterung verschaffte, war Morphium. Doch damit drohte natürlich die Gefahr einer Abhängigkeit.
Schliesslich erklärte mir ein Freund, bei meinem Leiden müsse es sich wohl um eine psychosomatische Krankheit handeln. Er empfahl mir den Besuch eines Vipassanakurses. Ich zögerte, denn ich komme aus einer sehr konservativen Hindufamilie. Was mir da empfohlen wurde, stand offensichtlich in einem buddhistischen Zusammenhang. Demnach waren das Leute, die nicht an Gott glaubten. Wenn ich zum Buddhismus konvertierte, würde ich in der Hölle landen. Nein, da wollte ich doch lieber bei meiner Migräne bleiben É
Nach einigen Monaten wurde ich eingeladen, diesen Meditationslehrer wenigstens kennen zu lernen. In U Ba Khin begegnete ich einem Menschen, der voller Liebe und Mitgefühl war wie ein Heiliger, der als hoher Ministerialbeamter eine grosse Verantwortung trug und mitten im Leben stand. Er sprach mich auf meine Religionszugehörigkeit an und erkundigte sich, ob ich als Hindu denn etwas einzuwenden habe gegen die Anwendung allgemein gültiger moralischer Grundsätze.
Moral, Geisteskontrolle und Reinigung des Geistes: Mit diesen drei Massnahmen wollte er mir helfen. Das passte vollkommen zusammen mit meinen Grundüberzeugungen als Hindu; und es gibt meines Wissens keine Religion der Welt, die gegen dieses Programm etwas einzuwenden hätte. Also entschloss ich mich, an einem Zehntageskurs mit Vipassana teilzunehmen. Die Veränderungen, die mit mir geschahen, waren enorm. Ich empfahl die Sache weiter, und jeder, der daran teilnahm, erlebte vergleichbare Wunder.

Ihre Migräne sind Sie demnach losgeworden?

Aber sicher. Eine Migräne kündigt sich stets mit einem ganz bestimmten körperlichen Symptom an. Man lernt, dieses Signal wahrzunehmen, wendet ihm seine Aufmerksamkeit zu und bleibt vom Ausbruch des Kopfschmerzes verschont. Doch dieser Erfolg war nicht so wesentlich. Ungleich wichtiger war, dass sich mein Ego nach und nach auflöste. Das zeigte sich daran, dass ich nicht länger ungeduldig und reizbar war und mein Leben zunehmend friedlich wurde - so ein Frieden, und zuvor ständig dieses Streben nach Geld!

Ist Vipassana denn so etwas wie eine Wunderkur?

Nein, denn was dabei geschieht, ist völlig klar und wissenschaftlich beweisbar. Es geht um die Interaktion von Geist und Körper. Ein angespannter Geist bewirkt einen verspannten Körper, ein verspannter Körper wirkt auf das Nervensystem und lässt es nicht zur Ruhe kommen. Ein erregtes Nervensystem wirkt wiederum auf den Geist und so weiter. Vipassana bewirkt eine Entspannung auf allen Ebenen.

Die Lehre, welche Sie verbreiten, entstammt ursprünglich einer klösterlichen Tradition des Buddhismus …

Das stimmt nicht. Zu Zeiten des Buddha gab es nicht einmal 100 000 Nonnen und Mönche, aber Millionen von Menschen, die seiner Lehre als Familienangehörige mit eigenem Haushalt nachlebten. Erst später zogen Ordensleute die Sache an sich und begannen eine Priesterkaste zu bilden, vergleichbar mit der Priesterschaft anderer Religionen.

Ohne dass sie in Klöstern bewahrt worden wäre, hätte die buddhistische Lehre doch gar nicht bis heute überlebt.

Allerdings. Überall gingen die Worte Buddhas verloren, ausser in den Ordensgemeinschaften von Sri Lanka, Thailand, Laos, Burma und Kambodscha. Der Lehrer meines Lehrers war selber ein Mönch. Er sah voraus, dass Vipassana im zwanzigsten Jahrhundert eine grosse Verbreitung erfahren würde, und ermutigte U Ba Khin ausdrücklich, sich an Laien zu wenden.

Hat es Sie denn nie angezogen, in ein Kloster einzutreten?

Nie. Als verheirateter Mann mit Familie habe ich da einen ganz anderen Zugang zu den Leuten, die sich in meinen Lebensumständen wieder finden. Und wenn ich gemeinsam mit meiner Frau unterrichte, ist von vornherein ausgeschlossen, dass es zu solch unangenehmen Geschichten kommt, wie man sie leider immer wieder vernimmt über die sexuelle Ausbeutung von Schülerinnen durch Meditationslehrer im Westen. Wenn ich als Mann die Zehntageskurse alleine leitete, wie könnten Frauen einzeln kommen und sich sicher fühlen?
«Lebe wie ein Mönch, in den Augen anderer aber erscheine nie als Mönch!», lautet mein Wahlspruch. Meine Frau und ich leben seit Jahrzehnten keusch, uns verbindet keine körperliche Liebe mehr. Gegen aussen aber sind wir verheiratet und leben als Paar.

Sie leben keusch?

Genau. Wer sich an diese Meditationstechnik hält, hat mit der Keuschheit keine Probleme. Da gibt es keinerlei Unterdrückung. Ekstase und Verzückung erfahre ich in mir selbst. Damit verglichen wirkt das Vergnügen der körperlichen Vereinigung trivial.

Empfehlen Sie die Enthaltsamkeit auch Ihren Schülern?

Das nicht. Ich rate zu einer gewissen Disziplin, und mit der Zeit ergibt sich das von selbst. Nach einigen Jahren sind Sie dem Sex entwachsen. Das ist aber nicht ein Ziel unserer Bemühungen. Vielmehr sind wir bestrebt, wertvolle Mitglieder unserer Familien zu werden.

In Ihren Zentren wird die Vipassana-Meditation rund um die Welt nach exakt denselben
Vorgaben gelehrt. Die Zehntageskurse sind bis ins Detail identisch. Warum ist Ihnen das so wichtig?


Unter dem Begriff "Vipassana" werden heute die vielfältigsten Kurse angeboten. Das ist gefährlich, denn diese Angebote entfernen sich von der ursprünglichen Lehre des Buddha. Daraus bilden sich Dogmen und sektiererische Gruppen.

Was Sie lehren, ist doch auch recht ausschliesslich.

Gewiss doch sind wir ausschliesslich, halten wir uns doch Wort für Wort an Buddhas eigentliche Lehre. Was andere tun, verurteile ich nicht, aber ich weiss, dass wir uns auf eine Tradition berufen können, in der Buddhas Lehre in höchster Reinheit von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Und wissen Sie, wenn wir nicht zehntausendfach die guten Früchte dieser Lehre ernten könnten, so wäre ich der Erste, der etwas ändern wollte.

Warum ist Ihnen die «Reinheit» bloss so wichtig?

Weil sich mit jeder Verunreinigung unsere Verfassung verschlechtert. Wo es Unreinheit gibt, gibt es keinen Frieden. Wenn wir das Leiden hinter uns lassen wollen, müssen wir unseren Geist reinigen. Das ist der Kern der Lehre.

Wie gehen Sie zum Beispiel mit Wut um?

Wo Wut aufkommt, muss es auf der Ebene des Körpers eine entsprechende Empfindung geben: Hitze, Herzklopfen und Spannung sind da. Wir nehmen das alles wahr, nehmen es bloss wahr. Wir unterdrücken nichts, wir drücken es aber auch nicht aus. Es geht vorbei, die Stimmung verändert sich.
Es nützt aber nichts, wenn ich Ihnen das erzähle. Sie müssen es selber erfahren, und Sie können es am eigenen Leib erfahren. Das ist die Schönheit dieser Lehre.

Vielen Dank für das Gespräch!

Information zu Vipassanakursen nach S.N. Goenka: Schweizer Vipassana Zentrum, Dhamma Sumeru Nr. 140, 2610 Mont Soleil, Tel. 032/941 16 70, E-Mail: info@sumeru.dhamma.org


S.N. Goenka und die Vipassana-Meditation

Vipassana- oder Einsichtsmeditation ist die wohl älteste buddhistische Methode der Geistesschulung. Sie lässt sich zurückführen auf zwei der ersten Lehrreden des Buddha, die dem Erwachten auch zweifelsfrei zugeschrieben werden können: Satipatthana und Anapanasati-Sutta, wörtlich übersetzt "Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit" und "Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen". Am lebendigsten bewahrt wurde sie in den buddhistischen Klöstern der Theravada-Tradition.
Der burmesische Laienlehrer Sayagyi U Ba Khin (1899-1971) unterrichtete Vipassana als eine für jedermann leicht zu erlernende Technik des achtsamen Atmens und "Körperdurchkehrens" (Sweeping). U Ba Khins Schüler S.N. Goenka brachte diese praxisbezogene, betont religionsungebundene Meditationstechnik zunächst nach Indien und trug sie von dort weiter in den Westen.
Daraus ist ein Netz von weltweit über hundert Meditationszentren entstanden, in denen zur Hauptsache zehntägige Einführungskurse in Vipassana angeboten werden. Diese Kurse werden überall auf der Welt gleich abgehalten. Das Programm folgt einem genau festgelegten Ablauf mit ausgedehnten Zeiten der Sitzmeditation in einer Atmosphäre der Stille und der äussersten Konzentration. Die Teilnahme an Vipassana-Kursen ist gemäss buddhistischer Tradition kostenlos. Der Unterhalt der Zentren wird mit Spenden bestritten.

Vipassana ist die Meditationsform des südasiatischen Buddhismus und wird in Klöstern von Sri Lanka, Thailand, Kambodscha, Laos und Burma praktiziert. Daneben gibt es heute auch im Westen eine ganze Reihe von Vipassanalehrern, die wie S.N. Goenka keiner Ordensgemeinschaft angehören. Einen aktuellen Überblick und eine gute Einführung ins Thema vermittelt Hans Grubers Kursbuch Vipassana, Wege und Lehrer der Einsichtsmeditation (Fischer Taschenbuch 14393, Frankfurt/M 1999).


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 58 Winter 2001

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