Heilige Schriften und Propheten, Yogis, Heiler, Prediger, Schamanen, Therapeuten, Gurus, Weise, Mystiker – es gibt ja so viele. Wem soll man da glauben? Zu allen Zeiten haben Gläubige und Skeptiker mit dieser Frage gerungen. Denn es ist keineswegs so, dass die Leute früher leichtgläubiger gewesen wären und sie damit die Gewissheit des rechten Weges auf sicher gehabt hätten. Auch innerhalb des protestantischen Glaubens gab es stets solche und andere, Charismatiker, Frömmler und Langeweiler; auch dort musste und muss man sich entscheiden, zu wem man in den Gottesdienst geht und wessen Version des heiligen Buches man traut.
Und bevor Luther, Calvin und Zwingli die Pandorabüchse der Reformation öffneten, gab es im Rahmen der römisch-katholischen Kirche Heilige und Kulte sonder Zahl. Vom üppig bevölkerten Götterhimmel der Griechen, Römer und Kelten ganz zu schweigen. Das buntscheckige postmoderne Anything-Goes scheint da nur die Fortsetzung früherer Vielfalt zu sein, jetzt eben bindet man sich lebensabschnittweise und unter Beizug von allerlei exotischem Beiwerk.
Wie soll sich der Einzelne in dem ganzen Angebot zurechtfinden? Wenn uns von der Spuren-Redaktion diese Frage gestellt wird, raten wir zumeist zu Besonnenheit, zu umsichtigen Versuchen und zu Vertrauen in die eigene Urteilskraft. Der Weg ist das Ziel; indem wir ihn unter die Füsse nehmen, erwerben wir uns Schritt für Schritt die eigene Kompetenz.
Den meisten Menschen ist das zu vage. Sie wollen es handfester wissen. Sie hoffen auf ein Zeichen. Und das bekommen sie. Sie erleben ein Wunder. Es geschieht, was sie zuvor nie erfahren haben. Vor ihren Augen ereignet sich, was der eigenen Erfahrung und den uns bekannten Naturgesetzen widerspricht.
Das Wunder rüttelt auf und beeindruckt nachhaltig. Derjenige, durch den es sich ereignet, könnte uns mit Worten noch so eindringlich versichern, er künde das Ausserordentliche. Erst wenn sich das Unfassbare durch seine Hand vor aller Augen auch tatsächlich ereignet, glauben wir ihm. Als sei der Wundertäter damit von höheren Mächten gesalbt, gehen wir davon aus, er sei Günstling der Götter, und beginnen, ihm zu folgen.
Das klingt jetzt ziemlich doof. Ist es aber nicht. Es ist einfach nur menschlich. Und keineswegs nur beschränkt auf irgendwelche tumben Massen, die frenetisch einem Sai Baba nachlaufen, weil dessen Händen heilige Asche entrieselt. Oh, nein. Auch aufgeklärte, kluge Gottesmänner unserer Zeit haben ausführlich und anerkennend über Wunder geschrieben. Schliesslich kann Er alles, wann und wie Er will. Warum sollte Er uns dann nicht ab und zu gehörig verblüffen? Das Wunder ist vielleicht oft Sein einziges Mittel, um uns aus dem Schlaf zu rütteln. Die Bibel ist voller Wundergeschichten. Sinnigerweise ereignen sie sich stets zu Gunsten von Gläubigen, die sich rückhaltlos in Seinen Dienst stellen.
Natürlich gibt es unter den Theologen eine bedeutende Fraktion, denen ist das alles ein bisschen peinlich. Das Volk Israel schreitet durchs Rote Meer, der von Gott persönlich geleitete Moses voran, und als die Ägypter hinterher wollen, brechen die Fluten über ihnen zusammen. Solche Mythen mag man in der modernen Theologie nicht allzu wörtlich nehmen. Es wird beim Auszug aus Ägypten wohl eine etwas merkwürdige Wetterlage geherrscht haben; und im Mythenschatz anderer Völker jener Zeit wird Ähnliches berichtet, so dass man in der Forschung nicht recht weiss, wer sich damals bei wem bediente. Die neuere historisch kritische Textanalyse der heiligen Bücher lässt von den Wundergeschichten meist nicht viel übrig.
Gut. Aber was bleibt dann noch? Sind der Zauber und das Wunderbare nicht das Eigentliche des gesamten Religionsbetriebs? Wenn Jesus es nicht wie nebenbei fertig gebracht hätte, mit etwas Brot und Wein Tausende von Zuhörern satt zu machen, was gälte er uns dann? Allerdings soll er bei anderer Gelegenheit empfohlen haben, seine Feinde zu lieben wie sich selbst – und die Verblüffung darüber tut uns heute noch weh. Mit der Nächstenliebe allein hätten es seine Nachfahren aber kaum zur weltweit grössten Religion gebracht. Und wenn, so hätte das unbestreitbar als Sein grösstes Wunder zu gelten. Das Wunder der Liebe.
Kein Wunder, bitte!
Ein damit verglichen kleines Wunder vollbringt Gott in Bruce Marshalls Roman Das Wunder. Pater Malachias tut sich schwer, die ihm anvertrauten Schäfchen beim rechten Glauben zu halten. Die Leute seiner Gemeinde besuchen lieber ein Amüsier- und Tanzlokal statt die Kirche. Wie sein italienischer Amtsbruder Don Camillo wendet sich der verzweifelte Pater Malachias an Gott und bittet um ein Wunder. Anderntags ist das lästerliche Tanzlokal aus dem Ort verbannt und steht im Meer draussen auf einer felsigen Insel. Da die Leute aber keine Lust haben, an ein Wunder zu glauben, weigern sie sich, das Offensichtliche an sich heranzulassen und ihrem Leben eine neue Wendung zu geben. Stattdessen heisst es im Ort, es handle sich um eine Art Trick, verbunden mit Aberglauben und Massenhalluzination. Der damit verbundene Medienrummel macht das anrüchige Lokal auf der Insel erst recht bekannt, und die Leute kommen nun von weit her, um es zu bestaunen. Enttäuscht wendet sich der Pater ein zweites Mal an Gott und bittet ihn, das Wunder rückgängig zu machen. Das geschieht, worauf sich jene, die von Einbildung sprachen, erst recht bestätigt fühlen.
An Wunder muss man eben glauben. Vom Verstand her lassen sie sich nicht erfassen, und da wir in einer nüchternen, vom Intellekt regierten Welt leben, sind die Wunder derart rar geworden. Damit hat sich die katholische Kirche aber nicht abgefunden. Seitdem unsere Gesellschaft sich dem Leitstern der Vernunft verschrieb, bemüht sie sich um den Spagat zwischen Wissenschaft und Glaube. Obwohl Wunder, wie sie im Neuen Testament zuhauf berichtet werden, zum unverzichtbaren Bestand des christlichen Glaubensbekenntnisses gehören, will man sich damit nicht lächerlich machen, schon gar nicht, wenn es darum geht, neue Wunder in den Kanon des Bestehenden aufzunehmen.
Dabei soll es mit rechten Dingen zugehen, und darüber wachen eigens bestimmte katholische Räte und Kommissionen, die ein historisch gewachsenes komplexes Regelwerk zur Ausführung bringen. Will heissen: Es kann da nicht jeder mit Wundern auftrumpfen, schon gar nicht, so er nicht rechten Glaubens wäre. Denn zunächst und hauptsächlich gilt es zu unterscheiden, was für Kräfte am Werke waren, als das Unerklärliche sich ereignete. Wunder im Sinne der Kirche gibt es nur, wo der Glaube stimmt; alles andere ist dem Wirken niedriger, wenn nicht gar teuflischer Mächte zuzuschreiben, und von deren Blendwerk sollen Unbedarfte sich um Himmels willen nicht verführen lassen.
Das Interesse an einer Beweisführung erwächst dem Drang, Gläubige mit besonders gottgefälligem Lebenswandel vom Vatikan in den Stand eines Seligen oder Heiligen erheben zu lassen. Die Geschäftsordnung der Heiligsprechungskongregation sieht vor: «Für die Seligsprechung wird ein ordnungsgemäss approbiertes Wunder verlangt sowie eine echte ‘fama signorum’, für die Heiligsprechung ist ein ordnungsgemäss approbiertes Wunder notwendig, das sich nach der Seligsprechung ereignet hat.» Ordnungsgemäss approbiert heisst in diesem Zusammenhang, wissenschaftlich hieb- und stichfest bewiesen.
Gibt es demnach für Katholiken keine neuen Wunder mehr? Keineswegs! Unter dem aus Polen stammenden Papst Johannes Paul II. sind so viele Gläubige in den Stand von Seligen und Heiligen erhoben worden wie nie zuvor in der Geschichte der Christenheit. Aber diese Ernennungen – genauer Erkennungen, denn nach dem Verständnis der Glaubenshüter vollzieht der Vatikan bloss nach, was Gott längst verfügte – beruhen auf einem präzise festgelegten Verfahren. Mit einer Wunderheilung beispielsweise beschäftigen sich mehrere Gremien unabhängiger medizinischer Fachleute, und sie alle müssen in ihrer Mehrheit zum Schluss kommen, dass der Vorgang der Heilung medizinisch nicht erklärbar ist, bevor ein Fall dem Papst zur Selig- oder Heiligsprechung vorgelegt wird.
Das Wunder, ein Heilsgeschehen, welches oft einfachen Menschen aus heiterem Himmel zustösst, ist zur verhandelbaren Sache von Experten verkommen, es wird sorgfältig erwogen, geprüft und der Anerkennung für wert befunden. Erst wenn der oberste Christ, Gottes Vertreter auf Erden, dazu seinen Segen erteilt hat, gilt das Wunder als rechtens und wird in den Status des Verehrten erhoben.
Wunderkurs
In radikal andere Richtung bewegt sich, wer auf dem geistigen Schulungsweg wandelt, wie er im dickleibigen Buch Ein Kurs in Wundern dargelegt ist. «Der Kurs», wie die in den 70er Jahren von der Amerikanerin Helen Schucman medial empfangene Jesus-Botschaft von den Praktikern liebevoll genannt wird, handelt zwar von Wundern, doch ist damit eben gerade nicht jener göttliche Budenzauber gemeint, den wir gemeinhin als Wunder bezeichnen. Davon nichts, danach habe der Aspirant nicht zu streben. Vielmehr geht es darum, sich innerlich zu läutern und zu öffnen, um das Wunder von Gottes Liebe zu erfahren. Die ist zwar ein Wunder, doch gilt sie im Kurs als der Normalfall, als das eigentlich Wirkliche schlechthin, während alles andere nichts als Trugwerk und Verwirrung ist. «Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden Gottes», lautet eine Kernaussage des Kurses.
Welche Art von Wunder das im praktischen Leben stiftet, beschreibt Dan Joseph in seinem Buch Inspired by Miracles (Quiet Mind Publishing, Greenwich 2002): «Eine selbständige Unternehmerin befindet sich seit Wochen in einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit einem Geschäftspartner. Die leidige Sache raubt ihr den letzten Nerv. Erschöpft begibt sie sich in ihr Büro, zieht die Türe hinter sich zu, setzt sich, lehnt sich zurück. In einer Art letztem Versuch der Rettung schickt sie einen Stossseufzer zur Decke: ‘Gott, bitte hilf mir!’ Entspannt bleibt sie mit offenem Geist einige Minuten lang sitzen. Allmählich kommt ein Gefühl der Ruhe über sie, ihre Wahrnehmung verändert sich, und nach und nach erscheint ihr der Streit mit dem Geschäftspartner nicht mehr als derart bedrohlich. Ihre Schultern entspannen sich. Sie tut einen tiefen Atemzug. Sie bleibt sitzen und bemerkt, wie ihr Geist sich klärt. Zunehmend überkommt sie ein Gefühl von Frieden. Mit einem Mal hat sie eine Idee, wie sich der Streit beilegen lässt. So geschieht es.»
Dan Joseph macht klar, dass in diesem Beispiel das Wunder nicht im äusserlichen Geschehen zu suchen ist, sondern einzig und allein in der Bereitschaft, seinen Geist durch Gott heilen zu lassen. Das Eingeständnis, selber nicht mehr weiter zu wissen, die rückhaltlose Aufgabe der Kontrolle, ebnet den Weg, dass es geschehen kann. Ein Kurs in Wundern wird von seinen Praktikern als Anleitungswerk verstanden, die Schlacken der Persönlichkeit konsequent beiseite zu räumen, auf dass Gott den eigenen Fall übernehme und führe.
«Für das begrenzte kausale Denken ist dies die grösste Beleidigung: Es kann nichts beisteuern, keine Leistung vollbringen und die Brücke zum Einssein nicht ‘erreichen’», bemerkt dazu Ruth Frei, die sich seit Jahrzehnten am Kurs in Wundern schult. «Die Erfahrung des Einsseins beruht darauf, dass wir einfach anerkennen: Ich bin grenzenlose Liebe und verbinde mich jetzt mit ihr. Ich vertraue vollständig darauf, dass alles geschieht, was für unsere Heilung und Befreiung vom Leiden notwendig ist.»
Von Wundern spricht Ruth Frei kaum mehr. Doch was sie beschreibt, ist von derartigem Ausmass, dass es dazu angetan ist, unseren Verstand und dessen Gewohnheiten aus den vertrauten Bahnen zu werfen. Genau wie jedes andere Wunder. Ein Wink von innen.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 71 Frühling 2004
© SPUREN
SPUREN - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch
| Home |