Porträt über drei wundervolle Menschen
Von Claude Jaermann
Drath nach drüben
Als kleines Kind spielte Dolly Röschli mit Geistwesen. Heute vermittelt sie Menschen den Kontakt zu verstorbenen Verwandten.
«Ich sehe einen jüngeren Mann, so Mitte dreissig. Er ist abgestürzt. Ich sehe eine Felswand, und ich glaube, dass diese Person Ihnen sehr nahe stand. Ist das richtig?» Dolly Röschli zeigt auf eine jüngere Frau mit langen braunen Haaren. Die Frau nickt unter heftigem Schluchzen. «Die Person war Bergsteiger.» Wieder nickt die Angesprochene. Dolly Röschli neigt leicht den Kopf zur Seite, wie wenn sie genau hinhören müsste. Ihre rechte Hand kreist leicht in der Luft. Mir scheint als versuchte sie die Essenz der Botschaft zwischen ihren Fingern zu ertasten. «Er wollte jemandem helfen und ist dabei selber abgestürzt», fährt Dolly Röschli mit klarer, ruhiger Stimme weiter. Ihr Berner Dialekt klingt warm, und während sie spricht, geht sie gewandt auf der Bühne auf und ab. Oft sind ihre Augen dabei geschlossen. Die junge Frau antwortet mit erstickter Stimme: «Ja.» Tränen laufen ihr übers Gesicht, manch einer der Anwesenden schluckt mehr als einmal leer. Denn Dolly Röschli spricht von einem Verstorbenen, den sie nicht gekannt hat und der durch sie Kontakt mit seiner Frau aufgenommen hat. «Er sagt, dass es ihm gut gehe und dass er sich gerne an die vielen schönen Briefe erinnere, die Sie ihm immer geschrieben haben», erzählt die Mediale. Ich staune. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt der angesprochenen Frau. Ihre Tränen, ihre tiefe Betroffenheit lassen keinen Zweifel zu. Der Mann, der durch Dolly Röschli spricht, war ihr Ehemann. Vor zwei Monaten hat er bei einem Unfall in den Bergen sein Leben verloren.
Medialer Abend
Gut achtzig Menschen haben sich im Singsaal in Unterengstringen bei Zürich eingefunden. Vom Landwirt bis zum CEO, von der Psychologin bis zur Hausfrau sitzen sie hier und staunen ob dem, was sie hier erleben. Auffällig, wie viele Männer anwesend sind. Angesagt war eine öffentliche Demonstration von medialem Kontakt mit Verstorbenen. Viele sind gekommen, weil sie neugierig sind oder skeptisch. Vielleicht sind einige von einer inneren Stimme oder von einer längst verstorbenen Tante hierher geführt worden. Dolly Röschli gibt sich sogar davon überzeugt, dass die geistige Welt Menschen an diesen Ort geführt habe, damit sie Botschaften ihrer Ahnen erfahren, da sie womöglich in diesem Moment eine Entscheidungshilfe gut gebrauchen können. «Die geistige Welt meint es gut mit uns und hilft viel mehr, als wir uns das überhaupt vorstellen können», glaubt Dolly Röschli.
An diesem Abend, den Dolly Röschli mit ihrer medialen Kollegin Mary Röthenmund bestreitet, melden sich noch mehr Verstorbene und überbringen Botschaften, die zum Handeln auffordern. Auffallend oft fliesst das Thema «Reisen» in die Durchsagen ein. Haben sich die Geister abgesprochen, was sie zum Hauptthema des heutigen Abends machen? Auch Dolly Röschli fällt auf, dass einige Abendvorführungen gelegentlich bestimmte Themen mit sich bringen. Letzte Woche war es «Verzeihen», diese Woche scheint es «Reisen» zu sein. «Bei thematischen Demonstrationen fühle ich mich immer auch selbst betroffen, da ein solches Thema alle Anwesenden im Raum angeht», meint Dolly Röschli dazu.
Geister und Trance
Bereits als Kleinkind sah Dolly Röschli im Dunkeln Gesichter, und sie konnte deshalb nicht schlafen. Mit vier Jahren fiel sie regelmässig in Trancezustände und redete die halbe Nacht mit offenen Augen. Ihre Eltern konnten sie dabei weder ansprechen noch aufwecken. Da Dollys Mutter ebenfalls medial war, liess sie ihre Tochter in diesem Zustand. Es passierte auch, dass Dolly mit ihrem für andere Menschen unsichtbaren Freund Jim am Boden spielte und herumtollte. Die folgenden Jahre verlor sie den Kontakt nach drüben wieder. Als sie vierzehn Jahre alt war, schrieb sie Gedichte und philosophische Texte in ihr Tagebuch. Mit fünfzehn war sie davon überzeugt, nicht normal zu sein, da sie Dinge wusste und sah, die anderen verborgen blieben. Sie wusste jedoch nicht, woher diese Informationen zu ihr kamen. In der Schule lachte man sie aus. Sie war die Aussenseiterin. Erst die Begegnung mit einer hellsichtigen Frau, die das riesige Potenzial in Dolly Röschli erkannte, brachte sie auf einen spiritistischen Entwicklungsweg.
Mit 20 Jahren begann sie am berühmten Arthur Findley College in London-Stansted ihre Medialität zu schulen. Sie wurde gefordert und gefördert, und heute gehört sie zu den jüngsten Medien. Obwohl sie bereits im Vorstand der Schweizerischen Parapsychologischen Gesellschaft, SVPP, war, passt Dolly Röschli überhaupt nicht in das klassische Schema, das viele Menschen von einem Medium haben. Sie ist jung. Sie ist hübsch. Sie ist modern. Jeder Firlefanz ist ihr fremd, und Berührungsängste hat sie auch keine. Ihre Natürlichkeit und ihr «normaler» Umgang mit Spiritismus lassen gar keine unheimliche Gläserrückstimmung aufkommen. So führt sie ihre Fähigkeiten wie jüngst auch vor einer Schar UBS-Bankern in Zürich auf oder in einem abgelegenen Walliser Bergdorf bei einer Familiensippe.
Normales Leben
Über Medialität zu verfügen und mit Geistführern in Verbindung zu stehen, heisst noch lange nicht, dass alles im Leben einfacher wäre. «Viele Medien in England haben eine gebeutelte Biografie», meint Dolly Röschli lapidar und fügt hinzu, «man muss etwas am eigenen Leib erlebt haben, um Menschen, die zu einem geführt werden, hundertprozentig verstehen zu können.» Ende letzten Jahres hat sie ihre Stelle als Personalberaterin verloren, auch sie kennt Existenzängste und die Sorge, wie sie ihre Rechnungen bezahlen soll. Mit öffentlichen Vorführungen wie derjenigen in Unterengstringen wirbt sie quasi für sich und ihre Fähigkeiten. Denn am effektivsten und auch am liebsten arbeitet Dolly Röschli mit Einzelpersonen, die zu ihr finden. Da können sie und die geistige Welt in die Tiefe gehen und Botschaften noch persönlicher überbringen. «Ein Reading genügt für längere Zeit, denn auch nach zwei Wochen würde keine neue Botschaft kommen», weiss sie und, «oft geht es in den Durchsagen ja darum, dass der Betroffene etwas Konkretes tun soll.»
Nach etwa zehn Kontakten mit der geistigen Welt und nach gut neunzig Minuten ist der Abend in Unterengstringen zu Ende. Alle Wesenheiten, die sich durch Dolly Röschli und Mary Röthenmund gemeldet hatten, wurden von den Angesprochenen erkannt. Auch Details über Räume, Kleider oder Sprachgewohnheiten stimmten haargenau. Ich verlasse den Singsaal nachdenklich und auch berührt. Draussen, im Schneeregen, steht Dolly Röschli und zieht an einer Zigarette. Den Draht nach drüben hat sie für heute gekappt. Es sei wie ein Kippschalter, den sie ein- und vor allem auch wieder ausschalten kann. «Zu viele Medien sind abhängig von diesem Draht. Doch leben, das müssen wir hier in dieser Welt», meint sie zum Abschied.
Kontakt: Dolly Röschli, Etzelstrasse 34,
8808 Pfäffikon/SZ, Tel. 076/572 72 75,www.thereismore.ch

Wieder geboren
Nicht das Überleben eines Überfalls bezeichnet Simone Graf als Wunder, sondern die Erlebnisse
und Erkenntnisse, die sie auf der anderen Seite erfahren hat.
Unsere Begrüssung ist herzlich wie immer. Wir umarmen uns, und das Gefühl von Vertrauen und Verbundenheit breitet sich in uns aus. Hundedame Kira meldet bellend ihre Ansprüche an und drängt sich schwanzwedelnd zwischen uns. Simone Graf ist eine ungewöhnliche Frau. Sie ist Mutter von zwei Kindern und Initiantin des Projekts Lebensraum bei Winterthur, in dem alternative Formen des Zusammenseins in der Praxis erprobt werden. Gleichzeitig wirkt sie dort als Lehrerin und begleitet junge Menschen zwischen acht und fünfzehn Jahren mit einer Mischung aus Montessori und Steiner-Pädagogik.
Wir hocken auf bequemen Kissen im zum Wohnraum umgenutzten Baustellenwagen. Hündin Kira findet in der Nähe der Türe ihre Decke und legt sich darauf. Die offene Feuerstelle schenkt Wärme und vor allem Licht, da kurz bevor ich den Kugelschreiber aufs Papier setzen will, die Lampen ihren Geist aufgeben. Simone beginnt, mir ihre Geschichte zu erzählen. Als es geschah, war sie 26 Jahre alt und bereits Mutter ihrer Tochter Sereina. Hinter dem Haus, in dem sie damals lebte, leitete sie ihre erste Schwitzhütte im Kreise von Freunden. Der Vater von Sereina gehört der Urbevölkerung Nordamerikas an, und Simone lernte durch ihn viel über die Kultur und über Rituale der «Natives». Im Anschluss an die Schwitzhütte sass sie mit Freunden ums Feuer und redete über Gott und die Welt. In der darauf folgenden Nacht lag Simone lange wach. Instinktiv fühlte sie, dass in den nächsten Tagen etwas Grosses geschehen werde.
Messerstich
In der Nähe ihres Hauses fanden Bauarbeiten statt, und Simone fiel ein kräftiger junger Typ mit stahlblauen Augen auf, vor dem sie auf unerklärliche Weise Angst hatte. Dieser Bauarbeiter umschwirrte sie, brachte ihr Geschenke und machte ihr Avancen, die sie jedoch unmissverständlich ablehnte. Am Abend feuerte Simone den Schwedenofen ein, legte sich aufs Sofa und fiel beim Lesen eines Werkes von Rudolf Steiner in tiefen Schlaf. Sie erwachte, als der Mann mit den stahlblauen Augen über ihr lag und sie sexuell bedrängte. Der Mann hatte leichtes Spiel gehabt, ins Haus zu kommen, da Simone ihre Haustür nie abschloss. Kein leichtes Spiel hatte er jedoch mit seinem Opfer: Simone wehrte sich aus Leibeskräften. Sie praktizierte damals Kampfsport und wusste sich zu verteidigen. Im Kampf fiel eine Lampe um, und das Letzte, was Simone noch bewusst erlebte, war, wie ein grosses Fleischermesser auf sie niederfuhr. Mit jedem Herzschlag spürte sie, wie Blut aus der Wunde direkt oberhalb ihrer linken Brust gepumpt wurde und warm über ihren Körper lief. Sie versuchte noch aufzustehen, fiel jedoch zu Boden. Dann war Ruhe. Kein Schmerz. Keine Angst. Nur Herzschlag und warmes Blut. Ein Gefühl des Übergangs stellte sich ein.
Simone hatte schon als Kind Engel gesehen, und diese Lichtgestalten tauchten jetzt auf. Alle Verwandten und Bekannten, die vor ihr aus dem Leben gegangen waren, erschienen und nahmen sie auf. Es sei wie ein Nachhausekommen gewesen, erzählt Simone. Wahrgenommen hat sie die Gestalten als Energieformen, transparente Lichtwesen. Dann wurde alles zu Licht und Farbe wie ein riesiger Ozean. Klänge ertönten, und im Klang eines tiefen Gongs erkannte sie den einen wahren Klang der Welt. Sie war eingewoben in diesen Klangteppich. In ihrer Erinnerung kam es auch zu einem Gespräch mit Weisen, die ohne Form schienen. Sie hätte diesen Wesen Gestalt verleihen können, was jedoch nicht nötig war, da alles um sie und sie selber reines Bewusstsein war.
Lichtwesen
Dann lief ihr Lebensfilm rasant schnell rückwärts, und alle wichtigen Ereignisse wurden wie in einer Waagschale begutachtet. Es waren die Herzmomente, die zählten. Die Wesen liessen Simone entscheiden, ob sie wieder inkarniert werden oder ob sie in ihr Leben zurückkehren wollte. Sie entschied sich für dieses Leben und wurde in einem Riesenstrudel in ihren Körper zurückgebracht. Jetzt sah sie die ganze Szene von oben. Nahm wahr, wie ihr Körper in einer Blutlache lag, wie die umgestürzte Halogenlampe das Sofa in Brand steckte, wie die Polizei ins Haus kam, wie Sanitäter sich ihrer annahmen. Simone erinnert sich noch, wie sie einem der Sanitäter gesagt hat, er solle ihre Bachblüten-Notfalltropfen holen. Dann Blaulicht, Spital und Notoperation. Vier Ärzte flickten zwei Stunden an ihrem Körper. Sie beobachtete die Operation von oben. Sah die Männer in Weiss, wie sie sich um sie und ihr Leben bemühten.
Die Geschichte kommt ihr heute vor wie ein perfekt inszeniertes Drehbuch. Alles habe zusammengepasst, wurde ineinander gefügt. Unser Leben sei wie ein Tanz auf einem Spinnennetz. Wir kleben ein bisschen am Netz, doch jeden Augenblick kann es runtergehen. Angst hat Simone jedoch auch nachher nie empfunden. Ihre Erlebnisse auf der anderen Seite waren derart stark und prägend, dass sie diese als Wunder bezeichnet und nicht den Umstand, dass sie diesen Überfall überlebt hat. Der Überfall und das Nahtoderlebnis seien für sie eine eigentliche Initiation ins Leben gewesen. Was dennoch hochkam, war eine Riesenwut.
Opfer und Täter
Oft hat sie sich gefragt, weshalb gerade ihr dies passierte. Auf unzähligen Reisen sei sie in weit gefährlichere Situationen geraten als diesen Abend auf dem Sofa zu Hause. Wut kam in ihr hoch. Wut auf den Mann, der ihre Tochter Sereina beinahe zu einem Waisenkind gemacht hatte. Simone wollte verstehen, fand mit dem Verstand aber keine Antworten. Sie war beseelt vom Wunsch, ihr Erlebnis erfassen zu können, und bat um Klärung. In einer Art Traum begegnete sie dem Mann wieder, der sie beinahe umgebracht hat. Doch in der Bilderwelt, die Simone Einblick in ein früheres Leben schenkte, war sie es, die ihn damals peinigte und umbringen liess. Sie befand sich in dieser Szene in der Rolle des Täters und er in der des Opfers. Mit diesen Bildern verschwand auch die Wut. Die Empörung wich einem tiefen Verständnis von Dualität, das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung.
Diese Erkenntnisse versucht Simone seither in ihren Alltag zu integrieren: Achtung vor dem Leben in all seinen Formen. Dass sie sich selbst dabei oft vergisst, musste sie ein paar Tage vor unserem Gespräch wieder einmal hautnah erfahren. Eine schwere Grippe mahnte sie zu Ruhe. Doch erst als ein Druck und ein Stechen im Herzbereich infarktähnliche Züge annahmen, verstand Simone die Zeichen und liess alle Aktivitäten definitiv ruhen.
Simone legt ein Holzscheit aufs kleiner werdende Feuer. Wir blicken uns lange in die Augen und dabei in unsere Herzen. Stille erfüllt den Raum. Wir lachen uns schweigend, verstehend an. Noch ein letztes Wort findet Platz auf dem Papier. Punkt. Das elektrische Licht nimmt seinen Dienst wieder auf. Kira springt auf, jault und gibt zu verstehen, dass es für heute genug sei.
Mein Ganesh-Wunder
Rund um den Globus tranken Ganesh-Statuen Milch. Wieso nicht auch in Bern?
Von Balts Nill
Es war – so fangen Wundergeschichten an – es war an einem ganz gewöhnlichen Samstagabend, ich weiss sogar noch das präzise Datum: 23. September 1995. Auf dem Küchentisch lag Der Bund, letzte Seite, «Vermischtes». Dort stand ein Artikel des Indien-Korrespondenten Bernhard Imhasly. Er berichtete davon, dass am Donnerstag in einem Vorort von Delhi einer Statue des Gottes Ganesh bei einer Zeremonie Milch als Opfergabe dargeboten worden sei. Vor den Augen der Anwesenden habe sich die Milch auf einmal in nichts aufgelöst. Wie ein Lauffeuer habe sich die Nachricht in ganz Indien ausgebreitet, und auf ein Mal seien von überall her Meldungen eingetroffen, Ganesh trinke Milch. Sogar Ganesh-Statuen in Amerika und Europa hätten dargebotene Milch zum Verschwinden gebracht, ein «Wunder», das sich synchron in allen Weltecken abspielte.
Der Korrespondent schlug zwar einen leicht ironischen Ton an, liess aber durchblicken, dass er zumindest stark verunsichert war über das, was er an jenem Tag in Indien erlebt hatte.
Biomilch für Ganesh
Da ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, entschloss ich mich zu einem kleinen Experiment. Vielleicht, sagte ich mir, hat Ganesh ja auch heute noch Lust auf Milch, Pastmilch in Bio-Qualität aus dem Coop. Bloss: Woher einen Ganesh nehmen? Ich musste mir zuerst mal von diesem Gott ein Bild machen. Also ging ich ins Zimmer meiner Frau und holte aus dem Gestell das Buch «Der Mensch und seine Symbole» von C. G. Jung. Ich schlug es an irgendeiner Stelle auf, und – wen wundert es? – genau auf dieser Seite befand sich eine Abbildung des elefantenköpfigen Hindu-Gottes. Nun spürte ich schon dieses Kribbeln, das wohl jeden Experimentator geheimer und weniger geheimer Wissenschaften ergreift.
Ich ging mit dem Buch in die Küche. Sollte ich einen Ganesh basteln? Ich bin kein begabter Bastler, und ich hatte Bedenken, wenn ich nur schon an den Rüssel dieses seltsamen Gottes dachte. Da fiel mein Blick auf eine halb abgebrannte Kerze, die auf dem Tisch stand. Im Entferntesten glichen die Wachsformationen einem Elefantenkopf, und der Docht liess sich mit einiger Fantasie als Rüssel identifizieren. Ich erklärte die Kerze kurzerhand zu meinem Ganesh. Das Buch liess ich offen daneben liegen, um meiner Fantasie ein bisschen Unterstützung zu gewähren. Dann holte ich die Milch aus dem Kühlschrank.
In dem Moment kam meine Frau in die Küche. Sie fragte, ob ich am Kochen sei oder was. Ich drückte ihr den Zeitungsartikel in die Hand und sagte, ich wolle jetzt nicht gestört werden, ich sei am Experimentieren. Vielleicht werde ein Wunder geschehen.
Sie verzog sich in ihr Zimmer, ich schloss die Küchentür ab und konzentrierte mich auf mein Experiment. Sorgfältig goss ich Milch in einen Kaffeelöffel und führte den Löffel, wie ich es gelesen hatte, an Ganeshs Rüssel beziehungsweise zum Docht.
Nichts geschah. Die Milch blieb im Löffel. Ich wiederholte die Prozedur einige Male, die Milch blieb im Löffel.
Ich öffnete die Küchentür und meldete: Experiment abgeschlossen.
«Und?», fragte meine Frau.
«Und nichts», murmelte ich und setzte das Spaghetti-Wasser auf.
Rüsseldocht
Am nächsten Morgen sassen wir beim Frühstück. Meine Frau liebt warme Stimmung am Frühstückstisch, und so zündete sie die Kerze an, die – ich hatte es schon fast vergessen – gestern Abend noch als Ganesh gedient hatte.
Wir waren am Essen, die Kerze brannte schon eine Weile, so dass sich um den Docht ein See aus Wachs gebildet hatte. Da gab die Kerze auf einmal ein seltsames Geräusch von sich. «Plop» machte es. Und noch einmal «plop». Und aus der Kerze stiegen zwei wunderbare, perfekt geformte Rauchringe empor. Und wieder «plop» und «plop» und «plop», ein Rauchring nach dem andern stieg von der Kerze zur Decke, als hätten wir einen Zauberkünstler zu Gast an unserem Frühstückstisch. Fünf oder zehn Minuten lang dauerte das Spektakel, und immer grössere Ringe spuckte die Kerze in die Luft. Nach dem ersten sprachlosen Staunen begann ich den Vorgang zu untersuchen. Physikalisch liess sich das Phänomen so erklären: Der Docht beziehungsweise Rüssel hatte sich auf eine Weise in das flüssige Wachs gesenkt, dass er darin Blasen provozierte, und aus diesen Blasen stiegen die Rauchringe empor, so lange, bis der Docht im Wachs ertrank.
Streich Holz?
Beim Tischabräumen fiel mir die Zündholzschachtel ins Auge, aus welcher meine Frau das Zündholz für die Kerze genommen hatte: Auf dem Deckel befand sich das Bild eines Elefanten.
Oh Ganesh, grosser Witzbold!
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 71 Frühling 2004