«Interwas?», höre ich in den letzten Wochen immer wieder aus erstaunten Gesichtern, wenn ich innerhalb meines Bekanntenkreises frage, ob man denn schon mal etwas von Intersexualität gehört habe. Selbst in Tantrakreisen, die sich, wenn es ums Sexuelle geht, besonders aufgeklärt geben, ist Kopfschütteln angesagt. Zugegeben: Bis vor kurzem konnte auch ich nur mit Stirnrunzeln auf eine solche Frage antworten. Eigentlich verwunderlich: Kommt doch auf 500 Geburten in der Schweiz ein intersexuelles Kind auf die Welt. (Quelle: Sexual-Pschyrembel 2003) Ein Mensch also, der nicht klar dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Als Vergleich dazu: In der Schweiz werden mehr intersexuelle Kinder geboren als solche mit dem Downsyndrom. Trotzdem wissen viele Fachpersonen, darunter auch Ärzte und Hebammen immer noch nicht, dass es Intersexualität gibt und was mit intersexuellen Neugeborenen und deren Eltern bei der Geburt geschieht, wie vorschnell Ärzte nach dem Skalpell greifen und wie im scheinbar aufgeklärten 21. Jahrhundert noch immer ein schweres Tabu auf diesem Thema lastet! Auch in der Schweiz!
Eine fast normale Geburt
Ich sitze mit Jolanda* am Küchentisch ihres Einfamilienhauses, das irgendwo in der Schweiz in einem kleinen Dorf steht. Der Dorfkern ist unten im Tal. Die neuen Häuser wurden am Sonnenhang erbaut. Ein typisches Dorf: Man kennt sich hier, weiss, wer wo lebt und was er macht. Jolanda hat sich bereit erklärt, mir ihre Geschichte zu erzählen, unter der Bedingung, anonym bleiben zu dürfen. Nicht wegen dem Dorf, wo man weiss, wer Jolanda ist, und manch einer auch, was ihr widerfahren ist. Die gewünschte Anonymität soll vor allem ihr Kind schützen. Jolandas Geschichte berührt. Manches klingt unglaublich, und oft musste ich fassungslos nachfragen, um sicher zu sein, nichts falsch verstanden zu haben. Wir trinken eine erste Tasse Kaffee, als Jolanda tief Luft holt und zu erzählen beginnt.
Es begann vor fünf Jahren. Jolanda freute sich wie die meisten werdenden Mütter auf ihr erstes Kind. Die Geburtsvorbereitungen verliefen ohne Probleme, und die Hebamme wusste über Jolandas Schmerzempfindlichkeit – eine Rückenmarkpunktierung sollte einerseits ihre Schmerzen lindern und andrerseits ihr gleichzeitig ermöglichen, die Geburt bei vollem Bewusstsein zu erleben. Der Kopf des Kindes war zu gross, und Jolanda konnte die Schmerzen nicht ertragen. Zudem erlitt sie während der Geburt eine Schwangerschaftsvergiftung, was einen Kaiserschnitt unmöglich machte. Das Leben der werdenden Mutter war jetzt in Gefahr und Jolanda erhielt eine Kurzzeit-Betäubung, um das Kind schnellstmöglich per Zange auf die Welt zu bringen. Nach wenigen Minuten in der Narkose kam Jolanda wieder zu sich und wollte ihr Kind sehen. Sie bemerkte, wie die Ärzte tuschelten, und verschwommen hörte sie etwas von «Genital etwas geschwollen, ist normal, geht wieder weg, vermutlich hat das Baby während der Schwangerschaft zu viele Hormone erhalten». Der ebenfalls anwesende Kinderarzt wollte das Neugeborene genauer untersuchen. Jolanda, immer noch benommen von der Anästhesie, willigte ein, und so verliessen das Kind, der Vater und die Hebamme den Gebärsaal in Richtung Kinderspital. Was Jolanda erst später von der Hebamme erfuhr, war die Tatsache, dass diese in ihrer langjährigen Praxis noch nie so ein Kind gesehen hatte, geschweige denn wusste, dass man diese Laune der Natur Intersexualität nennt. Dem herzhaften Charakter der Hebamme war es auch zu verdanken, dass dem Baby direkt nach der Geburt nicht ein Wattestäbchen in die Vagina eingeführt wurde, um festzustellen, wie tief diese denn sei.
Was ist es?
Was folgte, war eine mehrwöchige Abklärung im Kinderspital mit Blut-, Urin- und anderen Tests, die helfen sollten, das Geschlecht des Neugeborenen zu definieren. Am einen Tag kamen die Ärzte mit der Nachricht, dass es eher ein Mädchen sei, am nächsten war es ein Junge und so fort. Einen Namen konnten die Eltern ihrem Kind noch nicht geben, da es kein Geschlecht hatte. Für Jolanda war die Bestimmung des Namens jedoch ein wichtiger Bezugsfaktor, der jetzt schmerzlich fehlte. Damit sie es ansprechen konnte, nannte sie ihr Kind einfach „Wurmeli“. Noch belastender war die Tatsache, dass die Leute im Dorf wussten, dass Jolanda im Spital lag. Man rief sie an, und die erste Frage, die man einer frisch gebackenen Mutter stellt, lautet: «Was ist es denn?» Jolanda gab jeweils ehrlich zur Antwort: «Ich weiss es nicht.»
Dass ihr Kind intersexuell sein könnte, hatte Jolanda noch von keinem Arzt erfahren. Trauer empfand Jolanda nie, aber Wut, wie man an diesem kleinen unschuldigen Wesen herumexperimentierte. Auch die Macht der Ärzte, die immer zu zweit oder gar zu dritt auftraten, missfiel ihr. Von den verwendeten Fachausdrücken, die jeden Laien zum Idioten degradieren ganz zu schweigen.
Jolanda steht auf und schenkt Kaffee nach. Gleichzeitig erzählt sie weiter von ihrer Odyssee im Spital. Bei einer der unzähligen Besprechungen mit den Ärzten erfuhr sie, dass ihr Kind von den Chromosomen (XY) her ein Bub sei, jedoch viele Merkmale eines Mädchens aufweise, zum Beispiel eine vergrösserte Klitoris. Ob sich Hoden oder Eierstöcke im Unterleib gebildet hatten, konnte nicht klar festgestellt werden. Man empfahl, dem Kind die Gonaden (Hoden- und/oder Eierstockgewebe) raschmöglichst zu entfernen, da für später eine mögliche Krebsgefahr bestehen würde. Jolanda willigte unter dem Druck der Ärzte ein. Heute bezeichnet sie diesen Entscheid als einen Fehler, der operative Eingriff als unnötig. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, sei zigmal höher. Deswegen würde man ja auch nicht jeder Frau die Brust vorsorglich amputieren. Einen Moment ist es ruhig in der Küche. Ich höre und schreibe und staune. Ist das die heutige Realität?
Was wird es?
Jolanda wirkt auf mich nicht verbittert. Ihr Ausdruck ist klar und bestimmt. Sie weiss, wovon sie spricht, und versucht, den Mantel des Schweigens, der nach wie vor über vielen intersexuellen Schicksalen liegt, endlich zu lüften. Der Sache wegen. Sie steht wieder vom Tisch auf, und während der Kaffee aus der Maschine in meine Tasse rinnt, erzählt sie weiter.
Ein halbes Jahr nach der Geburt legten ihr die Mediziner nahe, das Kind zu operieren. Aus ihm sollte ein ganzes Mädchen gemacht werden. Sie wusste damals noch nicht, dass es von Betroffenen, die eine solche Operation erlebt hatten, unzählige Tatsachenberichte gibt. Jolanda spürte und wusste, dass eine Operation einfach nicht stimmte, ja, nicht stimmen konnte. Immer wieder fragte sie die Ärzte, weshalb sie ihr Kind einer Operation unterziehen solle. Die Antwort war immer die gleiche: Ein Kind ohne eindeutig definiertes Geschlecht sei sozial nichts wert. Es werde gehänselt und ausgegrenzt. Beim Turnen oder Schwimmen in der Schule werde das Probleme geben. Das Kind werde so nicht wissen, wo es hingehöre. Das Wort intersexuell wurde auch zu diesem Zeitpunkt von keinem der Ärzte erwähnt. Weshalb, weiss Jolanda bis heute noch nicht. Wohl schlicht und ergreifend, weil es das, was es in unserer Vorstellung nicht geben kann, auch nicht gibt.
Der Fall Money
Das heutige Behandlungskonzept Intersexueller wurde vor allem durch den amerikanischen Sexualforscher John Money geprägt. In den 50er Jahren führte dieser den Begriff «Gender» (soziales Geschlecht) in die medizinisch-psychologische Literatur ein. Moneys Behandlungskonzept bezeichnete das uneindeutig Neugeborene als einen psychosozialen Notfall. Money war der Auffassung, dass für eine gesunde psychosexuelle Entwicklung das Aussehen der Genitalien massgebend sei. Ein Kind könne sich, so Money, nur dann selber als Junge oder Mädchen wahrnehmen, wenn seine Genitalien auch klar männlich oder weiblich aussahen. Seiner These, aus einem Kind könne sowohl ein Mädchen als auch ein Junge «gemacht» werden, wenn die Genitalien eindeutig aussahen und die Eltern es entsprechend erziehen würden, fehlte nur noch der Beweis. Im Jahre 1965 erhielt Money Gelegenheit dazu. Bei einer Vorhautbeschneidung wurde einer von zwei eineiigen Zwillingsbrüdern am Penis so stark verletzt, dass dieser amputiert werden musste. Money schlug den Eltern vor, das Kind zum Mädchen zu machen. Aus John wurde Joan. In einer Reihe von Publikationen berichtete Money von seinen Erfolgen und der psychosexuellen Entwicklung der Zwillinge: ein Fall, der seither die Intersexualitätbehandlung massgeblich geprägt hat. Die Fachwelt nahm die Entwicklung von Joan mit grossem Interesse auf, und Moneys Beweise galten fortan als wissenschaftlich abgesichert: Ein Kind muss so schnell wie möglich operiert werden und anschliessend – ohne Zweifel aufkommen zu lassen – klar und entschieden als Junge oder als Mädchen erzogen werden. Zudem sei dem Patienten selbst die Diagnose nicht mitzuteilen, aus sozialen und gesellschaftlichen Gründen. Dann, so die Lehrmeinung, werde das Kind auch ohne grosse Probleme eine stabile sexuelle Identität entwickeln und sich in die ihm zugewiesene Geschlechterrolle fügen. Was Money jedoch nicht sagte, war die Tatsache, dass Joan sich die Mädchenkleider immer wieder vom Leibe riss, ohne Penis im Stehen pinkelte und ein auffällig aggressives Mädchen war. Money hatte viele dieser Tatsachen, die zu Zweifeln an seiner gesamten Theorie hätten führen müssen, übergangen oder schlichtweg ignoriert. In seinem letzten Bericht über Joan im Jahre 1978 schrieb er noch: «Jetzt, im vorpubertären Alter, hat das Mädchen seine weiblich-soziale Geschlechtsidentität gefunden und agiert deutlich unterschiedlich als ihr gleichaltriger Bruder. Der abschliessende und endgültige Beweis wird sich mit dem Erwachen romantischer Interessen und erotischen Fantasien zeigen.»
1994 wollte Milton Diamond, Professor für Anatomie und Reproduktive Biologie an der John A. Burns School of Medicine der Universität von Hawaii, wissen, was denn eigentlich aus Joan geworden war. Er spürte sie auf und traf auf eine Realität, die absolut nichts mit Moneys Theorien und Berichten zu tun hatte. Joan war mittlerweile 30 Jahre alt und lebte als Mann. Seitdem Joan als Teenager erfahren hatte, dass sie in Wirklichkeit ein Junge sei, nahm sie die männliche Identität wieder an. Aus Joan wurde wieder John, respektive David Reimers, wie er mit richtigem Namen hiess. Gemeinsam mit einer Frau und zwei adoptierten Kindern lebte er seine männliche Geschlechtsrolle zwar, aber mit beträchtlichem psychischem Schaden. Der Selbstmord seines Zwillingsbruder Brian vor zwei Jahren warf David aus seinem gewohnten Umfeld. Er trennte sich von seiner Frau, verlor seinen Job und hatte nach einer Fehlinvestition beträchtliche Schulden. Am 4. Mai dieses Jahres folgte er seinem Bruder nach und nahm sich ebenfalls das Leben.
Operation verweigert
Jolanda hatte zu diesem Zeitpunkt noch nichts von Moneys Theorie und seinem misslungenen Experiment gehört. Die Ärzte in der Schweiz offenbar auch nicht. Denn sie pochten weiterhin auf eine Operation: zu grosse Klitoris verkleinern, Schamlippen anpassen und in der Pubertät die Vagina erstellen – es musste ein Mädchen werden. Auf Jolandas Frage, ob ihr Kind denn mit einer solchen Operation überhaupt einmal Empfindungen haben könne beim Lieben, drucksten die Ärzte herum. Die Chancen stünden gut, aber so genau wisse man das halt nicht. Was Jolanda noch heute fast vom Stuhl haut, war die Aussage eines Arztes, dass es für einen Mann schlimmer sei, nicht im Stehen pinkeln zu können, als es für eine Frau sei, beim Geschlechtsverkehr nichts zu verspüren. Eine Frau könne damit besser umgehen…
Fassungslos notiere ich mir das eben Gesagte. Jolanda bekam es vor fünf Jahren von einem Arzt in der Schweiz zu hören. Ich wähne mich im Mittelalter – muss mich jedoch umgehend korrigieren. Im Mittelalter waren intersexuelle Kinder besser dran als heute. Sie durften so aufwachsen, wie sie waren. Ihnen wurde zwar eine Geschlechterrolle zugewiesen. Doch erst zur Initiation mussten sie sich für das eine oder andere Geschlecht entscheiden.
Jolanda fragte die Ärzte, ob es denn aus rein medizinischer Sicht einen Grund gebe, ihr Kind operieren zu lassen. Das wurde verneint. Auch Jolandas Mann, der bis dahin eher Befürworter einer Operation war, beschlichen langsam Zweifel. Jolandas Vater begann im Internet zu suchen und fand unter dem Begriff Hermaphrodit Informationen, welche die Eltern dankbar aufnahmen. Sie wussten plötzlich, dass ihr Kind intersexuell ist und dass es Selbsthilfegruppen gab. Umgehend nahmen sie Kontakt auf mit «XY-Frauen», einer Organisation in Deutschland, die aus intersexuellen Betroffenen besteht. Sie gingen an ein Treffen und erfuhren von den tragischen Schicksalen, von unzähligen Operationen, von Schmerzen, von der Suche nach der Geschlechtszugehörigkeit. Von diesem Abend an war auch für Jolandas Mann klar: Unser Kind wird auf keinen Fall operiert. Wenige Tage vor dem geplanten Operationstermin sagten sie den verdutzten Ärzten ab. Noch heute wollen die Mediziner das Kind alle Jahre sehen und vor allem untersuchen, was die Eltern jedoch nicht zulassen. «Reden, ja,» meint Jolanda, «aber keine Beobachtung oder gar Untersuchung der Genitalien.» Als sich Daniela – so der Name des Kindes – wegen einer Hüftröntgung ins Spital begeben musste, fanden die Ärzte über die Patientenkartei heraus, dass sie ein intersexuelles Kind ist. Also wollten sie nebst dem Röntgen auch die Danielas Genitalien betrachten. Jolanda musste sich einmal mehr wehren und klarstellen, dass ihr Kind wegen der Hüfte im Spital war und nur wegen der Hüfte.
Dass sich Silberstreifen am Horizont abzeichnen und man heute mit dem Skalpell vorsichtiger umgeht, bestätigt Christine Aebi, Professorin für pädiatrische Endokrinologin vom Kinderspital Biel: «Wir operieren intersexuell geborene Kinder nur bei medizinischen Notfällen. Wichtig ist, dass ein Team unter Einbezug der Eltern miteinander arbeitet.» Für Christine Aebi ist eine Sexzuteilung bei der Geburt wichtig, da von Gesetzes wegen ein intersexuelles Geschlecht niemals akzeptiert wird. «Wir müssen aber wissen, dass diese Zuteilung geändert werden kann – unabhängig vom äusserlichen Geschlecht und nur abhängig vom Willen und Wunsch des betroffenen Menschen. Wichtig ist es auch, dass Intersexuelle nicht medizinisiert werden», so die Fachfrau. Gemäss ihrer Erfahrung ist es auch hilfreich, den Kindern Namen zu geben, die für Buben und Mädchen passen, wie beispielsweise Andrea oder Pascal.
Ein normales Leben
Wenn Jolanda von ihrem Kind spricht, klingt dies wie bei jeder Mutter. Stolz und Freude schwingen in der Stimme mit. Alles normal. Alles? Wie reagieren die Verwandten? Wie die Spielkameraden? Für Jolanda war und ist es wichtig, immer wieder zu informieren und die Kinder sowie die Erwachsenen dem Alter entsprechend aufzuklären, was Daniela denn ist. Dem Nachbarsjungen erklärte sie dies beispielsweise anhand von drei Kreisen. Der linke Kreis sind die Buben, die viele Anteile vom Mann haben und auch ein paar weibliche Anteile. Der rechte Kreis sind die Mädchen, die viele Anteile Frau und auch ein paar Teile Mann in sich tragen. Ja, und in der Mitte ist eben Daniela, die von beiden Teilen etwa gleich viel hat. Trotzdem ist sie ein ganzer Kreis wie die anderen auch.
Für die fünfjährige Daniela selbst ist ihre Intersexualität kein Problem. Darauf angesprochen, meint sie: «Es gibt Buben und Mädchen und es gibt Daniela.» Im kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, ist Daniela einfach Daniela. Die von den Ärzten hochstilisierte soziale Ausgrenzung fand bisher nicht statt.
Karin Plattner, Präsidentin des Vereins SI Selbsthilfe Intersexualität, kennt Jolanda und Daniela. Für sie gehört die fortwährende Information, das Aufklären, denn auch zu den wichtigsten Aufgaben des Vereins. «Viele Betroffene, Eltern, Hebammen, ja selbst Kinderärzte wissen praktisch nichts über Intersexualität.» Sie erzählt das Beispiel einer 40-jährigen Frau, die den Wohnort wechselte und sich mit einem Begleitschreiben ihres Gynäkologen beim ortsansässigen Kollegen zur Untersuchung angemeldet hatte. Dieser entnahm den Unterlagen, dass seine neue Klientin intersexuell ist, und sprach sie darauf an. Mit grossen Augen erfuhr die Frau dort zum ersten Mal, was sie seit ihrer Geburt ist. Niemand hatte bisher mit ihr darüber gesprochen. Ob ihre Neigung zum weiblichen Geschlecht damit zu tun haben könnte? Für Karin Plattner ist es wichtig, dass die Menschen wissen, dass Intersexualität nichts mit Homosexualität oder Transsexualität zu tun hat. Intersexuelle besitzen körperliche und/oder chromosomale Merkmale beider Geschlechter, während Transsexuelle biologisch eindeutig Mann oder Frau sind; sich jedoch im falschen Körper fühlen.
Woher das Recht?
In der Schweizer Bundesverfassung steht unter Artikel 8, Abschnitt 2: Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts … Wir gehen so selbstverständlich davon aus, dass es nur zwei Geschlechter, nämlich Mann und Frau, gibt, dass in der Bundesverfassung Artikel 8 schon gar nicht mehr darauf eingehen. Die Amerikanerin Anne Fausto-Sterling, eine Vorreiterin, wenn es um Intersexualität geht, schlägt vor, die rechtliche Kategorie «Geschlecht» abzuschaffen. Die einen fordern jedoch ein drittes Geschlecht oder gar die Aufteilung nach fünf Geschlechtern, da Mann und Frau nur zwei Pole sind und dazwischen eine Vielzahl von Wesen leben, die nicht einfach zugeordnet werden können. Leider gibt es kaum aktuelle Beispiele von Intersexuellen, die ohne Eingriffe aufwuchsen. Die fünfjährige Daniela ist gemäss Karin Plattner das älteste nicht operierte Kind in der Schweiz von welchem man heute Kenntnis hat! Laut Anne Fausto-Sterling gibt es ältere Fallbeispiele von Intersexuellen, die zwischen 1930 und 1960 aufgenommen wurden. Das war eine Zeit, als es noch kaum Möglichkeiten zur operativen Geschlechtsumwandlung gab. Die Betroffenen, so Fausto-Sterling, wuchsen im Wissen darum auf, dass sie intersexuell waren. Die zum Teil sehr detaillierten Berichte sprechen eine klare Sprache: Es gab keinen einzigen Hinweis, dass ihnen ihre unversehrte Intersexualität geschadet hätte. Im Gegenteil: Es fand sich kein Fall von Suizid oder Psychose unter den Beispielen.
Allein diese Berichte, Jolandas bewegende Erzählung und die vielen schmerzhaften Rapporte von Operierten sollten wachrütteln und dem Letzten klar machen, dass es sich bei intersexuellen Menschen vor allem um ganze Menschen handelt. Um Menschen, die kein Problem haben oder gar eine Störung. Sie sind weder krank noch behindert. Wenn man den 10. Artikel der Schweizer Bundesverfassung, Abschnitt 2 beherzigen würde, dürfte kein Arzt unbestraft eine Operation mehr durchführen. Denn dort steht geschrieben: Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Dem ist nichts hinzuzufügen.
*Name auf Wunsch der Befragten geändert.
Adressen und Links:
www.si-global.ch SI Selbsthilfe Intersexualität Schweiz, Postfach 4066, CH-4002 Basel,
Anlaufstelle für Betroffene, Eltern, Verwandte, Bekannte und interessierte Kreise.
www.postgender.de Homepage von Michael Reiter, den man mittels 18 Operationen zum Mädchen machen wollte.
www.xy-frauen.de Anlaufstelle für direkt
Betroffene XY-Frauen. Erfahrungsberichte,
Hilfestellungen usw.
www.netzwerk-is.de Ärzteseite, die sich mit
Störungen der somatosexuellen Differenzierung und Intersexualität auseinander setzt.
www.dgti.org Deutsche Gesellschaft
für Transidentität und Intersexualität e.V.
Literatur:
John Colapinto: Der Junge, der als Mädchen aufwuchs. Walter-Verlag 2000, 288 Seiten,
Fr. 19.10.
Jeffrey Eugenides: Middlesex. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck 2003, 733 Seiten, Fr. 43.70.
Ulla Fröhlich: Leben zwischen den Geschlechtern. Ch. Links Verlag, Berlin 2003, 240 Seiten, Fr. 26.80.
Interdisziplinäre Tagung
Am 17. Juli 2004 findet in der Universität Freiburg/CH eine Interdisziplinäre Tagung zum Thema Intersexualität statt. Fachleute aus dem In- und Ausland referieren über die Frage, ob eine Geschlechtsanpassung zum Wohle des Kindes sei. Dabei kommen philosophische, rechtliche und medizinische Aspekte zu Wort, wie auch Erfahrungsberichte von Direktbetroffenen.
Anmeldungen sind erbeten an: kathrin.zehnder@unifr.ch
Intersexuelle, Hermaphroditen
Intersexuelle sind Menschen, die mit Merkmalen beider Geschlechtsgruppen, Mann und Frau, geboren werden. Intersexualität ist ein Begriff aus der Medizin und wird im Lexikon folgendermassen definiert: «Störung der Geschlechterdifferenzierung mit Widersprüchen in der Ausbildung der allgemeinen äusseren geschlechtlichen Erscheinung, der Keimdrüsen beziehungsweise Geschlechtsorgane». Da sich vor allem Wissenschaftler mit dem Phänomen Intersexualität auseinandersetzen, ist es für sie und nur für sie ein Problem, eine Störung. So erhält denn auch jedes intersexuell geborene Kind in der Schweiz automatisch eine Nummer der Invalidenversicherung, IV.
Die Wissenschaft kennt etwa 18 verschiedene Hauptgruppen der Intersexualität welche wiederum x-mal unterteilt sind.
AIS (Androgeninsuffizienzsyndrom)
Bei AIS ist der Körper weitgehend unempfindlich auf männliche Hormone, so dass nur die weiblichen Hormone ihre Wirkung enfalten, was bei genetisch männlichen Personen zu einem mehr oder weniger weiblichen Äusseren führt.
AGS (Adrenogeitales Syndrom)
Das AGS verursacht bei genetisch weiblichen Personen eine Vermännlichung der äusseren Genitalen, weil der Körper aufgrund eines Enzymmangels zu viele männliche Hormone in der Nebennierenrinde produziert.
Gonadendysgenesie
Bei der Gonadendysgenesie handelt es sich um Chromosomenabweichungen. Dabei fehlen meist funktionstüchtige Keimzellen. Häufig sind dann aud die äusseren Genitalien unvollständig ausgebildet. Es können auch Genmosaike vorliegen wie z.B. XO/XY oder XX/XY
Der Name Hermaphrodit stammt aus Metamorphosen des Dichters Ovid. Vor 2000 Jahren begegnete der Sohn von Hermes und Aphrodite an einer Quelle der Nymphe Salmacis, die sich unsterblich in den Kleinen verliebte. Sie bat die Götter um Verschmelzung mit ihm, so dass sie weder Knabe noch Frau genannt werden konnten und wie keines oder wie beides schienen. Hermaphroditus eben.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 72 Sommer 2004
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