«Schluck deinen Speichel morgens nicht runter, sondern spüle deinen Mund mit lauwarmem Wasser und spucke es wieder aus. Oder versuche es mit Olivenöl», empfiehlt Dr. Sashi Kumar. «Während wir schlafen, werden unsere Gift- und Schlackenstoffe über Haut, Mund und Verdauungsorgane ausgeschieden. Ablagerungen im Mund können wir mit Öl und Wasser gut ausspülen», erklärt der indische Arzt aus Kerala. Öl stärkt Zähne und Zahnfleisch. Mit einem Zungenschaber oder Kaffeelöffel reinigen wir die Zungenoberfläche. Achtung, nicht lachen, auch wenn es kitzelt! Abends können wir den Vorgang nochmals wiederholen.
Wasser am Morgen
«Eigentlich könnten wir allein mit Trinkwasser gesund werden», schwärmt Romy Rittiner, Ayurveda-Therapeutin aus Wetzikon. «Am Morgen regt das Wasser unsere Ausscheidungsorgane an: Die Leber ist daher unser billigstes Entgiftungsorgan. Durch die Feuchtigkeitszufuhr mit zwei bis drei Gläsern setzt auch der morgendliche Stuhlgang rascher ein. Das getrunkene Wasser muss jedoch abgekocht, das heisst keimfrei sein.» Auf eiskalte Getränke sollte der Mensch auch im Sommer verzichten, da sie bei äusserer Hitze einen Kälteschock im Magen bewirken. Also Eiswürfel weglassen. Besser einen Pfefferminz- oder Kräutertee mit kalter thermischer Wirkung einnehmen, wie es im Orient und afrikanischen Ländern üblich ist.
Indisches Morgenritual
Sashi Kumar steht vor Sonnenaufgang auf und reinigt seinen Körper. Langes Ausschlafen fördert Trägheit in Geist und Körper. Ein gesunder Erwachsener sollte seiner Auffassung nach mit sechs Stunden Schlaf auskommen. Der Ayurveda-Arzt bereitet sich für die Meditation vor, sitzt draussen vor dem Haus und singt hinduistische Mantren – passend zum Morgenrot. So reinigt er seine Gedanken. Mit Yoga-Übungen und anschliessender Meditation schliesst er sein Ritual ab. «Wichtig ist, dass wir nach einer Meditation, nach den Yoga-Übungen oder nach dem Essen nicht duschen. Der ganze Energiefluss ginge sonst verloren», warnt Sashi Kumar.
Wo der Geist hingeht, folgt der Atem
Remo Rittiner, der Zürcher Lehrer für Ayuryoga, schwört auf Pranayama. Richtiges Atmen hilft, den Körper von Toxinen zu befreien, löst unterdrückte Emotionen und bringt uns auf klare Gedanken. Der in Indien ausgebildete Lehrer zeigt für Vata-, Pitta- und Kapha-Typen unterschiedliche Übungen. Atmen kann entspannen, aber auch aktivieren. Je nachdem, ob wir länger ein- oder länger ausatmen. Die Abläufe sind im Sitzen, Stehen oder Liegen möglich. Zum Entspannen legen wir die Hände auf den Bauch und atmen vier Sekunden lang tief ein. Danach atmen wir noch länger wieder aus und ziehen die Bauchdecke leicht ein, um so die Schlacken anzuregen. Wer geübt ist, steigert das Ein- und Ausatmen auf sechs, acht oder noch mehr Sekunden. Wer den Körper kühlen möchte, rollt die Zunge und atmet die Luft durch die schmale «Röhre» ein. Über die Nase ausatmen und dabei die Zunge an den Gaumen legen. Mit der Kehlkopfatmung kontrollieren wir den Rhythmus. So wird jede Zelle mit Sauerstoff angereichert – bis in den hintersten Winkel unseres Körpers. Die Übungen lassen sich überall wiederholen: während der Zugfahrt, vor dem Einschlafen oder wenn wir irgendwo warten müssen. Bei Yoga, Qi Gong oder Tai-Chi ist das Atmen genauso wichtig, um den Energiefluss zu steigern. «Wenn ich meine Übungen morgens nicht gemacht habe, fehlt mir die nötige Power für den Tag. Dafür investiere ich gerne zwanzig Minuten pro Tag», erklärt Sabina, eine 45-jährige Zürcher Geschäftsfrau.
Strapazen für die Haut
Mit dem Sommer kommt die Zeit, in der wir unsere Haut ungeschützt der Umwelt aussetzen; entsprechend wächst das Bedürfnis nach Pflege. Das Angebot an Hautpflegeprodukten in Reformhäusern, Ayurveda-Zentren und im Internet ist attraktiv.
Dr. Wijitha de Silva aus Schöfflisdorf/ZH empfiehlt nährende Cremen aus Rosen, Neem und Honig. Die Wirkstoffe des indischen Neembaums fördern den Zellaufbau und beugen vorzeitiger Hautalterung vor. Honig hilft bei Pigmentflecken. Eine Sonnenschutzcreme aus Karotten schützt vor UV-Strahlen. Gesichts- und Körperlotions mit Inhaltsstoffen der Aloe-Vera-Pflanze helfen nach dem Sonnenbad, die Haut zu kühlen und zu pflegen. Mandel- oder Honiglotionen sorgen für die nötige Feuchtigkeit. Exotische Haaröle aus Eclipta, Amla oder Mandeln schützen die Haarpracht vor den Einwirkungen von Sonne, Meer- und Chlorwasser. Ayurveda-Produkte sind ohne chemische Zusätze wie Konservierungsmittel hergestellt, überdies werden sie mit Ölessenzen sowie Kräuterextrakten parfümiert und gefärbt. Für Personen mit empfindlicher Haut oder Allergiker sind diese Naturprodukte eine Wohltat.
Ölmassage vor dem Duschen
Ayurvedische Öle wirken verjüngend, reinigend und lösen Verspannungen. Für jeden Dosha-Typ gibt es das passende Kräuteröl. Ein Masseur stimuliert mit sanften, streichenden Auf- und Abwärtsbewegungen die Vitalpunkte des Körpers. Das Gewebe wird gestärkt und die körpereigenen Energien ausbalanciert. Sogar Cellulite kann so behandelt werden. Zu Hause massieren wir das Öl so gut es geht selber ein: von unten nach oben, zuerst die Füsse, dann die Arme und so weiter. Danach lassen wir es einige Minuten einwirken. Wir wickeln uns in ein Leintuch ein und entspannen uns oder führen gleichzeitig ein paar Atemübungen durch. Beim anschliessenden Abduschen Seife oder Duschgel nur an geruchsempfindlichen Stellen anwenden. So können die Essenzen weiterwirken.
Spüren, was der Körper braucht
Sabina wird von Ayurveda-Ärzten in Sri Lanka als Pitta-Vata-Typ eingestuft. Sie ist schlank, aktiv, Feuer-geladen und ein «Luftibus». Zur Entspannung nimmt sie gerne ein Bad. Die Therapeuten verschreiben ihr entsprechende Ölmassagen, Dampfbäder und einen Essplan. Sie soll auf Krustentiere, Schweinefleisch und Tomaten verzichten. Ein Jahr später in einer Wellness-Woche auf Malta wird Sabina jedoch als Vata-Kapha-Typ eingestuft. Die Doshas haben sich verschoben. Sabina will jetzt selber herausfinden, was für sie stimmt. Sie deckt sich mit Ayurveda-Literatur ein und studiert die verschiedenen Dosha-Typen. Sie isst das, worauf der Körper Lust hat: mal ist es salzig, mal bitter, dann sauer, erdig oder süss. Sie trinkt morgens Kaffee mit Kardamom, damit der Körper nicht übersäuert, oder einen schmackhaften Ingwer-Tee. «Tomaten habe ich zum Glück noch nie gemocht, und die Lust aufs Rauchen ist auch zurückgegangen!», lacht sie begeistert.
Nahrung ist Energie
Wenn wir uns nach dem Essen nicht wohl fühlen, sollten wir unbedingt etwas ändern: die Nahrung umstellen, die Menge reduzieren, die Essenszeiten wechseln und Nahrung auf keinen Fall unter Zeitdruck einnehmen. Geschäftsbesprechungen, Fernsehen und Lesen gehören nicht zum Essen. Auf diese Weise bilden wir unverdaute Nahrungsrückstände, die den Organismus verschlacken. Jeder Mensch verdaut anders – der eine benötigt für einen Teller Spaghetti zwei Stunden, der andere vier Stunden. Je nach Dosha-Typ.
Denaturierte Esswaren meiden
Ernährungsberater empfehlen frische und leicht verdauliche Nahrung. Am besten aus saisonalem Anbau und aus der Region: Der Mensch ist für heimische Waren und Energien am empfänglichsten, wenn alles aus derselben Klimaregion stammt. Allergien treten dann weniger auf. Mikrowellen-Food, Büchsen- und Tiefkühlkost mögen zwar Vitamine und Mineralien enthalten, sind aber nach der Ayurveda-Lehre energetisch wertlos. Nur unbehandelte Nahrung enthält wertvolle Energien.
Typische Ernährungsfehler
Gekochte Nahrung ist im Allgemeinen roher Nahrung vorzuziehen. Warmes Essen fördert die Produktion von Verdauungsenzymen, das Essen wird schneller verarbeitet und die Nährstoffe vom Organismus leichter aufgenommen. Im ayurvedischen Speiseplan sollten deshalb Salate und Rohkost nicht mehr als ein Drittel der Essmenge ausmachen. Salat am Abend ist zu vermeiden, ausser für den Pitta-Typ. Wer vor dem Salat im Sommer eine mit Kräutern und Gewürzen angereicherte Suppe geniesst, hat ebenfalls weniger Verdauungsprobleme. Bei einer Mahlzeit nach 18 Uhr beträgt der Feueranteil beziehungsweise die Verbrennungskraft des Körpers jedoch nur 50 Prozent. Was nicht verdaut wird, bleibt im Magen liegen und vergärt. Zur Mittagszeit ist der Feueranteil hingegen am höchsten. Es kommt also auf die Tages- und Jahreszeit sowie Zusammensetzung der Nahrung an. Ein älterer Mensch verdaut träger als eine junge Person. Trennkost und einfache Mahlzeiten wären besser für ihn. All diese Faktoren bestimmen unser Wohlbefinden und den Energiehaushalt.
Kühlende Kost für den Sommer
Im Sommer sollten alle sauren, bitteren, zusammenziehenden und scharf schmeckenden Nahrungsmittel gemieden werden. Dazu zählen Fleisch und saure Früchte, die im Körper starke Hitze erzeugen. Also nur wenig Orangen- und Grapefruitsaft konsumieren und Gerichte mit viel Käse und Sahne, vor allem in Kombination mit Fleisch oder Fisch, vermeiden, denn diese verschleimen stark. Trockene und heisse Nahrungsmittel wie Auberginen, Kichererbsen, Knoblauch, Muskat, Lorbeerblätter, Senfkörner, Zimt und Ingwer schwächen im Sommer das Verdauungsfeuer. Gut hingegen eignet sich ein Pasta-Gericht mit Pesto und frischem Gemüse, Reis kombiniert mit einem asiatischen Currygericht oder eine grosse Gemüseplatte. Alle Arten von Beeren und Obst sind erlaubt. Gurken, Joghurt und Minze helfen, den Körper zu kühlen. Gewürze wie Anis, Kreuzkümmel, Koriander und Rosenwasser sind ebenfalls bekömmlich.
Ghee – zum Schmieren und Kochen
Viele ayurvedische Gerichte werden mit eingesottener Butter, Ghee, zubereitet. Ghee ist giftstofffrei und monatelang haltbar, weil die säurebildenden Stoffe ausgesiebt sind. Man kann ihn selber herstellen. Er enthält viele wichtige Nährstoffe und reinigt den Körper. In flüssiger Form wird er mit Kräutern als Medizin getrunken oder anstelle von Öl zum Einschmieren der Gelenke verwendet. Die Stoffe gelangen dabei in jeden Körperteil und machen den Körper von innen und aussen geschmeidig. Um Ghee herzustellen wird normale Butter geschmolzen und geköchelt, bis sich die tierischen Eiweisse setzen und absieben lassen. Ghee ist praktisch, da er im Sommer nicht ranzig wird, wenn er nicht fortwährend im Kühlschrank steht. Scheinbar haben schon unsere Grossmütter dieses Rezept gekannt.
Buchtipp: Hans H. Rhyner, Kerstin Rosenberg: Das grosse Ayurveda-Ernährungsbuch. Urania Verlag, Neuhausen 2004, 340 Seiten, Fr. 49.80.
Websites: www.allvedya.com www.ayuryoga.ch
www.ayurveda-ds.ch
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 72 Sommer 2004
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