5 Rhythmen - Tanzen wie Beten
Von Claude Jaermann

Der karge Raum hatte nichts gemein mit einem Tanzetablissement heutigen Stils. Keine Laserkanonen, die einen mit Lichteffekten in Trance schiessen, dafür einige gewöhnliche Halogenleuchten, wie sie in jeder zweiten Wohnung stehen. Dazu unzählige Teelichter und eine Vase mit frischen Blumen. Draussen wacht auch kein Türsteher, der die Eintretenden von Kopf bis Fuss mustert. Das hier ist ein Mehrzweckraum, in dem man Gymnastikkurse und auch Theaterproben abhält. Die Wände sind karg, irgendwo hängen Seile und Ketten des lokalen Turnvereins, und wenn der Parkettboden schreiben könnte, hätte seine Biografie biblische Ausmasse. Und hier soll getanzt und geschwitzt und ... ja, auch gebetet werden?! Langsam trudeln die ersten Tänzerinnen und Tänzer ein. Alle so zwischen dreissig und fünfzig Jahre alt. Die meisten kennen sich, sind infiziert mit dem Virus, der «Fünf Rhythmen» heisst.
In die Welt gesetzt hat es die Amerikanerin Gabrielle Roth: «Für mich sind die Fünf Rhythmen eine Welle, ein endloser Energiefluss, den man in jedem kreativen Prozess finden kann. Die Welle ist zudem eine spirituelle Praxis.» Fliessen, Stakkato, Chaos, Lyrik und Stille heissen die einzelnen Rhythmen, die immer mehr Menschen zu begeistern vermögen.

Im Bann der Rhythmen
Als er zum ersten Mal die Fünf Rhythmen tanzte, war es für Jodok eine Initialzündung: «Es war, als ob ich schon lange die Füsse gehabt hätte, aber nie den passenden Schuh dazu!» Veronika fühlt den Tanz als Befreiung und Abwerfen von Ballast im Kopf, und Franziska hat noch nie eine solche Freiheit gespürt wie nach einer «Wave», wie Insider das Durchtanzen der Fünf Rhythmen ehrfürchtig nennen.
Ich lasse mich also ein auf dieses Experiment, ziehe meine Jogginghose, mein Schlabber-T-Shirt und keine Schuhe an. Merke: Die Welle tanzt man barfuss! Es ist ein gewöhnlicher Mittwochabend in Winterthur, der Schnee hat die Stadt eisig im Griff, und trotzdem verteilen sich knapp vierzig Tanzfreudige im Saal. Andreas Tröndle, ein von Gabrielle Roth autorisierter Fünf-Rhythmen-Lehrer, begrüsst uns mit sanfter Musik, die dazu dient, zu sich selbst zu kommen. Der gelernte Theologe und begeisterte Tänzer wurde vor Jahren vom Virus befallen und führt uns durch den Abend.
Im Raum wird gedehnt, am Boden rumgekugelt, geschüttelt und auch noch getratscht, wenn jemand einen alten Bekannten wiedererkennt. Ich fühle mich recht wohl in dieser fremden Menschenschar, blicke umher und sehe mit Staunen, dass sich viele Angehörige des männlichen Geschlechts eingefunden haben. Körper und Musik sind ja noch keine Hemmschwellen für Männer. Doch oft reicht das Wort Spiritualität, und der Schwanz wird eingezogen. Es sind also auch Männer hier, etwa ein Drittel. Doch wer jetzt an Klischees von Anmache und Paarungsritualen denkt, liegt falsch.
Die Fünf Rhythmen tanzt man vor allem für sich und mit sich. Ein Grund, weshalb sich so viele Frauen hier so wohl fühlen. «Ich bin ein eher offener Mensch, gehe schnell auf Menschen zu», meint Franziska dazu. «Im Kontakt mit anderen Tänzerinnen oder Tänzern merke ich, wie schnell ich mich dabei verliere und nicht mehr bei mir sein kann. Die Fünf Rhythmen sind ein tolles Übungsfeld, Nähe und Distanz auszuprobieren.» Auch Veronika schätzt diese Freiheit: «Ich tanze vor allem für mich!» Durch den vorgegebenen Ablauf, die Struktur, die der Leiter hineingibt, kann etwas Gemeinsames entstehen, das jedoch jedem seine Individualität lässt.
Nach einer Aufwärmphase und dem Ankommen im Raum lädt uns Andreas Tröndle ein, das Bewusstsein in den Kopf zu lenken. Wie viel Bewegung lässt der Kopf heute zu? Mag er überhaupt Bewegung? «Tief atmen ...», höre ich seine Stimme über die Lautsprecher. Dann geht die Reise weiter im Körper. Die Schultern sind an der Reihe. Was wollen sie jetzt in dem Moment? Ich verbinde langsam die Bewegungen von Kopf und Schultern und Atem. Schritt für Schritt kommen die restlichen Körperteile dazu, bis die Füsse den physischen Abschluss bilden. Mein Körper fühlt sich sehr locker an, meine Bewegungen werden fliessend. Zeit für den ersten Rhythmus «Fliessen».
Ich gleite über den Boden, wie wenn ich Schlittschuhe tragen würde und der Holzboden mit einer Eisschicht überzogen wäre. Mein Kopf sucht noch nach Bewegungen, die der Körper schon längst von sich aus ausführen möchte. Für Hugo, der sich tagsüber mit Biologie befasst, ist der erste Rhythmus der wichtigste: «Im Fliessen nehme ich bewusst den Boden wahr, ich erde mich und baue langsam Energie auf. Je stärker ich das tun kann, desto besser werden die folgenden vier Rhythmen.»

Der Körper tanzt
Spielerisch leicht bewegen sich die einen durch den Raum, fliessen zwischen den Tanzenden durch. Andere bleiben eher am Ort und versuchen, sich der Musik hinzugeben, mit ihr zu verschmelzen und Impulsen des Körpers zu folgen. Manche tun dies mit geschlossenen Augen, in sich und mit der Musik verschmolzen. Viele blicken umher, teils mit leerem Blick, teils suchend. Ich schlängle mich durch den Raum und versuche, den Journalistenkopf draussen zu halten, mich einzulassen, um besser über das Erlebte schreiben zu können. Ich tanze auf eine Frau zu und teile ein kurzes Stück der Musik und des Tanzes. Was verändert sich? Ich tanze irgendwie anders. Nicht gehemmt und doch angepasster als vorher, wo ich «alleine» war. Imitiere ich? Bin ich noch ganz bei mir? Kopf aus! Körper an! Franziska kennt diese Erfahrung: «Ich lerne, im Kontakt mit jemandem zu sein und trotzdem bei mir zu bleiben. Mir hilft dabei, nicht immer den Augenkontakt zu suchen, sondern einfach die Energie des Gegenübers zu spüren, zu sehen. In meinem Blickfeld ist vor allem der Körper. Wenn ich dann voll das tanze, was gerade in mir ist, kann ich auch den Blickkontakt wieder aufnehmen.» Wir werden von Andreas eingeladen, uns einen fremden Rücken zu suchen und mit ihm zu fliessen, zu sein. Ich stehe direkt neben einem weiblichen Wesen, das in einem roten, langen Kleid tanzt. Einen kurzen Augenblick später bewegen sich zwei Rücken im Rhythmus der Musik. Mal führe ich, dann sie und eine Schulterdrehung später ist jeder wieder bei sich. Schön.

In die Vollen
Sanft erinnert uns Andreas immer wieder, tief zu atmen, da uns dies Energie gibt. Und die brauchen wir auch für den zweiten Rhythmus, der Stakkato heisst. Hier geht es um Klarheit, zielgerichtete Bewegung, Ausagieren. Dementsprechend ist die Musik, die Andreas auflegt. Die Beats dringen in meinen Körper ein und lassen ihm gar keine Wahl, als sich härter und auch eckiger zu bewegen. Kung-Fu kommt mir in den Sinn, der ja eigentlich ruhen sollte. Für Franziska heisst Stakkato Arbeit: «Ich muss den inneren Schweinehund überwinden. Dies gelingt mir durch das regelmässige Tanzen immer besser, und ich bringe Stakkatoqualitäten in den Alltag. Die Belastung an meiner neuen Arbeitsstelle zwingt mich dazu, klar zu kommunizieren. Ich staune, es ist, als ob ich eine Transformation durchgemacht hätte und mein Widder (Sternzeichen) endlich zum Vorschein kommt.» Jodok, der sich selbst als Fünf-Rhythmen-Junkie betitelt, da er in der halben Schweiz fast keine Wave auslässt, sagt dazu: «Früher wollte ich es immer allen recht machen. Mir hat eindeutig Stakkato im Leben gefehlt. Dank der Erfahrung mit Stakkato bin ich heute in geschäftlichen Angelegenheiten viel klarer und in der Beziehungsarbeit ehrlicher.»
Langsam spüre ich, wie die ersten Schweisstropfen aus den Drüsen und Poren meiner Achselhöhlen drücken und sich ihren Weg nach unten bahnen. Atem, Musik, Stakkato und fliessendes Wasser. Ich bin jetzt nur noch Körper, nur noch Musik, nur noch Tanz. Stufe drei dieses Abends gehört dem Chaos. Viele lieben gerade diesen Teil, da sie sich ausagieren können wie wohl selten im Alltag. «Ich kann die Sau rauslassen, springen, schütteln, gebe alles und lasse total los. Was folgt, ist eine extreme Befreiung», meint Hugo begeistert.
Andreas führt uns in einen Kreis. Wer Lust hat, kann in den Kreis eintreten und dort drinnen seinem Chaos Ausdruck verleihen. Die Aussenstehenden unterstützen die in der Mitte Tanzenden und bleiben dabei in ihrem eigenen Chaos. «Wenn ich im Chaos immer mehr loslasse und voll reingehe, komme ich manchmal zum Punkt, wo ich sterben könnte», erzählt Jodok. Die chaotische Phase erinnert mich an die kathartische Phase der Dynamischen Meditation. Dort wird mit verbundenen Augen geschrien, geheult und an Ort stehend körperlich gereinigt. Demgegenüber überlässt man in den Fünf Rhythmen das Chaos dem Körper. Diese Form wirkt auf mich feiner und auch freier. Und doch erkenne ich darin eine Wiedergeburt der Kathasis, die in der heutigen Therapieszene eigentlich verschwunden zu sein scheint.
Ich springe wie mit Federschuhen auf und ab, will gar nicht aufhören, lache und fühle mich aufgeladen und total wohl. Ich muss nichts tun. Keine Performance hinlegen, einfach zulassen, was der Körper will.
Die Musik wird jetzt wieder ruhiger und erleichtert den Übergang vom Chaos ins Lyrische. Mein Herz pumpt, und ich spüre jeden Schlag in jeder Zelle meines physischen Tempels. Die Bewegungen werden zwar langsamer, sinnlicher, doch der Energieschub des Chaos, diese Wachheit, bleibt.

Was bin ich?
Mir fällt auf, dass sich in der lyrischen Phase Paare bilden. Ungezwungen, leicht, verspielt. Sie trennen sich wieder mit einem Lächeln, tanzen vielleicht alleine weiter. Obwohl es auch Paare gibt, die sich hier getroffen haben und jetzt gemeinsam durchs Leben gehen. Ich fühle mich bei mir und frei wie schon lange nicht mehr. Dies erstaunt mich, da ich mich momentan im Alltag sehr frei fühle. Was ist freier als frei? Für Hugo macht der lyrische Part nur dann Spass, wenn der Chaosteil gut war: «Ich kam erst durch das regelmässige Tanzen in diese lyrische Phase rein. Dann ist Platz für Schalk, für Rollen oder Spiele.» Ich fliege durch den Raum, breite meine Schwingen aus und fühle mich als Adler. Ungebunden, getragen und doch unendlich frei. Die Musik wird noch ruhiger, da nach der Lyrik die Stille folgt. Was ist Stille im Tanz? Stehen bleiben und wahrnehmen? Sich hinlegen? Ich blicke umher und merke, dass es keine Norm oder kein Richtig oder Falsch gibt. Ich lasse mich wieder ein auf den Klang, die Stimmen, die Menschen, die Bewegung.
«In der Stille geht es ganz klar um den Tod bei mir», erzählt Hugo. «Ich halte körperlich Rückschau, besinne mich und frage mich auch, ob ich zufrieden bin», meint er weiter. Wir kommen im Kreis zusammen, und die zweistündige Welle verebbt langsam am Strand des Lebens. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit mit allen. Eine glücklich machende Zufriedenheit breitet sich immer weiter aus, wie wenn sich mein Körper, mein Herz, mein Wesen ausdehnen würden. Ich schaue in die Runde und nehme entspannte Gesichter wahr. Einige sind nicht wiederzuerkennen. Man fühlt sich nahe. Vieles ist möglich, nichts muss sein. Oder wie es Jodok so schön ausdrückt: «Ich darf alles - eine Traumvision jedes Anarchisten.» Draussen tanzen die Schneeflocken alle Fünf Rhythmen gleichzeitig. Ich stapfe verändert hinaus in die gleiche Welt.


Die Fünf Rhythmen

Für Gabrielle Roth ist Schwitzen wie Beten: «Schweiss ist heiliges Wasser, Rosenkranz, flüssige Perlen der Vergangenheit. Schweiss reinigt den Körper und die Seele. Es ist die älteste und universellste Art der Selbstheilung - egal ob Fitnessraum, Sauna oder Schwitzhütte. Ich schwitze auf dem Tanzboden. Je mehr du tanzt, desto mehr schwitzt du. Je mehr du schwitzt, desto mehr betest du. Je mehr du betest, desto näher kommst du der Ekstase. Mein Pfad ist der Tanzpfad.»

Gabrielle Roth beschreibt die Fünf Rhythmen wie folgt:

Fliessen
Hier geht es darum, fliessend zu sein, flexibel zu sein. Verbundenheit mit der Erde, Harmonie mit den Zyklen des Lebens sind weitere Anhaltspunkte. Fliessen kreiert ein Energiefeld, das den weiblichen Aspekt der Seele berührt und dem das Gefühl Angst zugeordnet wird. Die Mutter, die Heilige Madonna gehören in diesen Rhythmus.

Stakkato
verbindet uns mit dem Element Feuer und dem Loslassen aller Arten von Dingen wie Müdigkeit, Zorn und schlechten Erinnerungen. Stakkato wird auch Tanzen mit den Knochen genannt, alle Formen von Ecken und Kanten sind möglich. Die Archetypen von Stakkato sind Vater, Sohn und Heiliger Geist, die Repräsentanten der männlichen Seele.

Chaos
Fliessen und Stakkato kreieren das Chaos, das Unkontrollierbare und das Element Wasser. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet leeren Raum oder Abgrund - vielleicht ein Grund, weshalb viele Menschen Angst vor dieser Leere haben.
Chaos tanzen führt den Geist in die Tiefe des Körpers und löst Blockaden auf. Trauer, Tod und Wiedergeburt sind deren Themen.

Lyrisch
Dies ist der komplizierteste Rhythmus von allen. Wenn wir im Chaos nicht alles losgelassen haben, was uns bedrückt, bleiben wir im Chaos stecken. Lyrik ist Luft und Leichtigkeit. Wenn unser Körper in der Luft tanzt, befreien wir uns von Vorstellungen und Illusionen. Das Gefühl der Freude liegt in der Lyrik.

Stille
Viele Menschen in der westlichen Welt haben Angst vor Stille, wie wenn wir darauf programmiert wären, leere Räume mit Lärm und Aktivität füllen zu müssen. Vielleicht erinnert uns die Stille an unser Grab, den eigenen Tod, die ultimative Stille. Weisheit, Geduld, Inspiration und Mitgefühl gehören in die Stille.
Durch die ersten vier Rhythmen erfahren wir körperlich, wie sich Stille anfühlt.



Interview mit Andreas Tröndle, von Gabrielle Roth autorisierter Fünf-Rhythmen-Lehrer, Theologe und Sozialpädagoge.

Spuren: Was unterscheidet die Fünf Rhythmen von anderen Bewegungsformen wie Kundalini-Meditation oder Dynamische Meditation oder ganz einfach Disco-Dance?
Andreas Tröndle: Jede Bewegungsform ist gut. Die Fünf Rhythmen spannen für mich einen grossen Bogen, es sind fünf Bewegungsqualitäten, die getanzt werden. Sie entsprechen Situationen, die du im Alltag finden kannst, beispielsweise in der Sexualität. Auch da gehst du durch Fliessen, Stakkato, Chaos, Lyrik und Stille.

Gabrielle Roth sagt, dass Schwitzen auch Beten sei. Haben die Fünf Rhythmen also auch einen spirituellen Kontext?
Für mich ist der spirituelle Aspekt sehr wichtig. In meinem Theologiestudium habe ich sehr viel über Gott gelernt. Doch all dieses Wissen war im Kopf. Erleben durfte ich das Göttliche erst durch das Tanzen der Fünf Rhythmen. Ich lernte, dass dies nur durch den Körper erfahrbar wird. Mit dem Verstand kann ich nicht in einen Zustand der Ekstase kommen.

Mir ist aufgefallen, dass Sinnlichkeit und auch Erotik durch Tanzen entstehen können. Ist dies beabsichtigt oder ein schöner Nebeneffekt?
Für mich ist ein Mensch sinnlich, wenn er in seinem Körper ist. Durch das Tanzen wirst du erst zu einem erotischen, sinnlichen Wesen. Ich verführe die Teilnehmer ja auch zum Tanzen und zum In-den-Körper-Kommen.

Bei einigen Menschen können vor allem im Chaos Blockaden aufbrechen. Müssten diese nicht therapeutisch aufgefangen und dann bearbeitet werden?
Das ist auch innerhalb der Fünf-Rhythmen-Lehrer unklar. Die einen finden, es reicht, wenn Dinge beim Tanzen hochkommen. Andere Lehrer plädieren für eine therapeutische Nachbearbeitung mit Gesprächen. In den Fünf Rhythmen geht es darum, sich selbst zu entdecken, offener und lebendiger zu werden. Da können emotionale Prozesse entstehen. Wenn Menschen sehr stark emotional reagieren, vermittle ich sie zu Therapeuten.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 67 Frühling 2003

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