Musik – Chris, worum geht es deiner Meinung nach da?
Musik ist eine Art von transportierter Energie. Sie ist der unsichtbare Ausdruck von etwas, manchmal von Freude, meist aber von schlimmen Erfahrungen und ambivalenten Beziehungen. Neunzig Prozent aller Songs handeln von dem, was zwischen Mann und Frau läuft.
Auf das Wie kommt es an. Die technische Fertigkeit eines Musikers ist nicht mehr als ein Transportmittel für Gefühle. Daneben muss man sich leer machen können. Keith Jarrett ist dafür ein gutes Beispiel. Bei ihm ist jeder Ton hundertprozentig gelebte Musik, während Musiker wie Chick Corea, von dem ich kürzlich ein Konzert hörte, über weite Strecken nur ihre brillante Virtuosität abspulen und nichts weiter tun, als einen akustischen Hürdenlauf zu absolvieren: zu viel Kopf, zu wenig Seele.
Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, was für eine Schatztruhe die Sixties für uns sind. Da gibt es diese reiche Fülle an interessanter Musik, obwohl die technischen Möglichkeiten von damals denen von heute weit hinterherhinken. Die technische Qualität der Musik ist sprunghaft gestiegen, doch beim Inhalt, bei dem, worum es doch eigentlich geht, ist die Tendenz, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, schwer rückläufig.
Musik ist Feeling und Instinkt. Jeder einzelne Ton soll Ausdruck sein von etwas und uns etwas mitteilen; bei einem Musiker wie Keith Jarrett ist das tatsächlich so.
Du bist in den sechziger Jahren aufgewachsen, und die Musik von damals hat ideal zu deiner Stimmung gepasst. Was war das für ein Lebensgefühl?
Ich lebte in einer grauen, kalten Welt. Wenn einer so lange Haare hatte, wie sie mein Vater heute trägt, ist er auf der Strasse angemacht und bespuckt worden. Nachdem ich erfuhr, dass die Indianer definitiv ausgestorben sind und man ihnen nicht mehr beitreten kann, trat der Rock ’n’ Roll in mein Leben. Das war für mich die absolute Rettung, denn mit dieser Musik tat sich mir ein Spielplatz auf mit Möglichkeiten der Sinnfindung, ein Ort der Zuflucht mitten im rollenden Wahnsinn der Welt.
Wenn wir da so munter die Schönheit jener Tage besingen, machen wir uns damit nicht grauenhaft alt? Forever young – das sind wir doch längst nicht mehr.
Alt gilt für mich nicht. Die Werte, von denen wir hier sprechen, sind ewige Werte. Leider werde ich das selber nicht mehr überprüfen können, doch bin ich mir sicher, dass gewisser Rock der sechziger Jahre dereinst genauso als klassisch und genial gelten wird wie die Musik von Bach, Mozart und Beethoven.
Vor Jahren war ich mit dem Rad durch Südfrankreich unterwegs, als mich aus den Lautsprechern eines Supermarkts «Hemmige» von Mani Matter überfiel, interpretiert von Stephan Eicher. Mit einem Mal hatte ich so etwas wie Heimweh, und ich musste dieses Lied wieder und wieder für mich singen.
Stephan Eicher ist für mich der Schweizer Bob Dylan. Wie dieser hat er eine Medizinstimme. Damit meine ich nicht etwa ein gewaltiges Organ, das über drei Oktaven reicht, sondern ein gebrochenes, melancholisches Timbre. Sänger mit einer solchen Stimme brauchen nicht an ihrem Ausdruck zu arbeiten, bei ihnen ist einfach alles da.
Am besten lässt sich der Gehalt von Musik prüfen mit dem Ecstasy-Test. Ausser Heroin habe ich in meinem Leben ja alle Drogen ausprobiert. Die meisten Drogen machen einen zu, nicht auf. Bei Ecstasy ist das gerade umgekehrt, da geschieht eine enorme Öffnung, eine Weitung des Herzens. Ein, zwei Mal habe ich reines MDMA konsumiert. Das ist meines Erachtens eine reine Herzsubstanz. Wenn du das zum ersten Mal nimmst, dann denkst du: Aha, cool, so sollte das eigentlich sein, so ist das ursprünglich gemeint.
Interessant: Unter dieser Droge ertrage ich nur noch Musik, die absolut und hundertprozentig stimmt. Das meiste, was du sonst so hörst, kommt dir vor wie viel Lärm um nichts. Wenn einer beim Musikmachen zu viel arbeitet und krampft, dann erträgst du das unter MDMA nicht. Die Musik muss Ausdruck einer umfassenden Entspanntheit sein. Der Musiker surft auf der höchsten Welle und dient dem Song mit seiner Stimme auf eine Weise, dass sein Lied die Zuhörer auf einer tieferen Ebene berührt.
Dazu stelle ich mir Wohlklang vor.
Es klingt echt und ist Ausdruck von Wahrheit. Diesen Eindruck habe ich manchmal auch, wenn ich Don Henley, dem Sänger der Eagles, zuhöre, zum Beispiel beim Song «Last Resort». Das ist auch ein physisches Phänomen, denn du merkst beim Zuhören, dass hier ganz klar ein Schamane singt, einer mit einer heilenden Funktion. Menschen, die einen solchen Musiker live und unter guten Umständen erleben dürfen, merken sofort: Das ist ein Heiler. Van Morrison, Ray Charles oder Dechen Shak-Dagsay haben für mich auch diese Qualität.
Obwohl mich die Casting Show Music-Star, bei der du als Juror dabei warst, nicht interessierte, konnte ich nicht verhindern, dass ich nach zehn Minuten Zuschauen innerlich beteiligt war und eine Meinung hatte über diese unterschiedlichen Talente. Hat es dir selber dabei auch so den Ärmel reingenommen?
Für mich war das eher so etwas wie eine kleine Champions League für lange, dunkle Winternächte, in denen dieses TV-Format den Leuten Gesprächsstoff in die Stube brachte. Ein Vorteil dieser Sendung war, dass viele in den Schulen wieder begannen, sich mit Gesang zu beschäftigen, und die unmittelbar Beteiligten konnten sehr viel lernen.
Durch Music-Star wurde ein derart grosser Scheinwerfer angezündet, dass es für mich danach einfach kein Entkommen mehr gab. Ich wähnte mich ja bereits als Star zu Zeiten von Krokus, doch damit lässt sich der neue Grad an Bekanntheit nicht vergleichen. Nach drei, vier Sendungen von Music-Star wurde ich auf der Strasse, im Zug und überall in der Schweiz von jedem Zweiten speziell ins Auge gefasst und gemustert. Seitdem stehe ich unter ständiger Beobachtung und bin eine perfekte Projektionsfläche.
Gibt es denn neben dem Image Chris von Rohr und dem Gegenimage Chris von Rohr auch noch einen spirituellen Chris von Rohr?
Da müssten wir mal kurz «Spiritualität» definieren.
Ein Modewort, gewiss. Nehmen wir mal an, wir beide wüssten, wovon wir da reden.
Wenn damit eine Verfeinerung und Aufweichung gemeint ist, ein Zustand von Demut und Mitgefühl, ein Spüren und im Moment drin leben – das zu kultivieren, ja dann bin ich ein spiritueller Mensch. Ich bin es aber nicht in dem Sinne, dass ich einer Religion, einer Sekte oder einem Meister nachlaufen würde, der ein Programm vorgibt, an das er sich selber nicht hält. Das heisst nicht, dass ich den Weg anderer nicht respektiere, aber ich bin der Meinung, jeder muss seinen eigenen Weg selber finden.
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Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 78 Winter 2006
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