«Mambo» hiess das Zauberwort. Mambo versprach Bewegung, Erotik und Befreiung. Mambo erklang aus der Jukebox um die Ecke und verführte einen amerikanischen Teenager dazu, im Hinterzimmer eines Quartierladens von Brooklyn erste Tanzschritte zu wagen. Ihre Eltern hatten sich auch bewegt, von Europa nach Amerika. Als europäische Juden waren sie geflüchtet vor der Verfolgung durch die Nazis. Sie waren nach New York gekommen und wollten den Horror, der hinter ihnen lag, vergessen. Ihre Tochter tanzte den Mambo.
Emilie Conrad schloss sich einem Trio an, das den Mambo auf die Bühne brachte. 1953 begann sie eine Ausbildung bei der Ethnologin und Tänzerin Katherine Dunham. Deren Studio in der Nähe des Broadways war ein Schmelztiegel afroamerikanischer Kultur und brodelte vor Kreativität. Spätere Stars des amerikanischen Tanzes wie Arthur Mitchell und Alvin Ailey lernten bei Katherine Dunham. Die Rhythmen, zu denen getanzt wurde, kamen aus Haiti.
Mit zwanzig reiste Emilie auf die ehemals französische Karibikinsel – und tauchte fünf Jahre lang tief in die karibische Tanzkultur. Auf Haiti, wo die Trommeln nie verstummen und die schwarze Bevölkerung im Voodoo einen Kult der afrikanischen Ahnen bewahrt hat, nimmt sie zum ersten Mal Tanz wahr als Ausdruck einer universellen Energie. Der Puls des Lebens, der jeden Organismus und auch die scheinbar tote Materie erfüllt, drängt im Menschen nach Ausdruck und Bewegung.
In Resonanz zu diesem Puls, so erkannte Emilie Conrad in den sechziger Jahren, stehen wir über allem, was in unserem Körper flüssig ist, und das sind immerhin siebzig Prozent des menschlichen Organismus. Seitdem lässt sich diese Pionierin eines neuen Körperbewusstseins von der Frage bewegen, was das Flüssige von ihr will und wohin es sie führt.
Continuum nennt sie die Methode, die daraus entstanden ist, da die Bewegung des Lebens ohne Anfang und Ende fliesst und keinen Stillstand kennt. Das heisst, nicht wir bewegen uns, sondern das Leben ist es, das uns bewegt, ob wir es wahrnehmen oder nicht. In der Form des Menschen ist das Leben vor kurzem erst auf zwei Beine gekommen. Wir tun gut daran, diesem Umstand der Evolution Rechnung zu tragen, indem wir uns ausgiebig auf dem Boden wälzen und in uns hineinspüren, um zu erkunden, zu was für Bewegungen es uns auf allen vieren drängt.
Einfach Affe sein
Die Bewegungen, die Emilie Conrad heute lehrt, zielen darauf ab, den Flüssigkeitsgrad des Körpers zu erhöhen und das Potenzial lebendigen Fliessens freizusetzen. Tanzschritte sind das nicht. «Mit einem Mal bin ich ein Schimpanse. Mein Unterkiefer schiebt sich vor, dann wieder ziehe ich ihn zurück und entblösse meine Zähne. Meine Arme und Beine dreschen unbekümmert durch die Gegend. In mir ist kein Gedanke, wie ein Primat sein zu wollen. Ich bin jetzt einfach ein Affe», beschreibt die amerikanische Journalistin Mirka Knaster in ihrem Buch Discovering the Body’s Wisdom (Bantam Books, New York 1996) eine persönliche Erfahrung mit Continuum.
Als Emilie Conrad die Gruppe, an der Mirka Knaster teilnahm, anleitete, auf eine andere Art zu atmen, veränderte sich auch das Körpergefühl: «Es fühlt sich an, als flösse der Liquor tröpfchenweise durch die Wirbelsäule, und das hatte auf mich eine kühlende Wirkung. Ich bin nicht länger ein Schimpanse. Jetzt bin ich eine Echse und schlängle mit Kopf und Hals. Daraufhin beginnen meine Schultern zu flattern, als wären sie Flossen. Mein Rücken biegt sich nach hinten und beginnt sich zu wellen mit dem Kopf als Ausläufer.»
Naturgemäss ist Emilie Conrad auch bei dieser Form der Arbeit nicht stehen geblieben. Als hätte sie sich selbst ins Nass geworfen, hat sich der Kreis ihrer Erkenntnisse kontinuierlich erweitert. Heute sagt sie: «Für manch einen mag die Einsicht schockierend sein, doch unser Körper ist im Grunde nichts anderes als eine Bewegung, die sich verfestigte. Verfestigen mussten wir uns, um unter den gegebenen Umständen überleben zu können. Aus der modernen Physik wissen wir aber, dass alles stets in Bewegung ist. Auf uns selber mögen wir diese Tatsache allerdings nicht beziehen, so dass wir uns unseren Körper als irgendwie fest und klar umrissen vorstellen. Damit wir zurechtkommen in der Welt, in der wir leben, müssen wir denken – und klar, um Wasser zu holen und Holz zu hacken, braucht es Hände, die zupacken können. Eigentlich ist der Körper aber in steter Bewegung, und unsere ersten grundlegenden Bewegungen sind Wellen, die sich überlappen.» Beim Kleinkind sei dieses Bewegtsein noch offensichtlich, später werde der Mensch dazu gebracht, sein spontanes Bewegen zunehmend zu kontrollieren und sich ruhig zu halten.
Stark wie ein Tintenfisch
Wenn Emilie Conrad über die Bewegung des Lebendigen spricht, tut sie das mit ihrem ganzen Körper. Buchstäblich: Diese Frau lebt, was sie lehrt. Wer ihr gegenübersitzt und sich vergegenwärtigt, dass sie das siebzigste Altersjahr bereits hinter sich hat, braucht die Argumente für ihre Bewegungsimpulse eigentlich nicht mehr zu suchen. Den Gegenpol zu ihrem Anliegen findet sie aber nicht in dem zum ersten Mal vom Psychologen Wilhelm Reich beschriebenen Körpertypus des rigide Gepanzerten, Unbeweglichen, sondern im Sportlichen, vermeintlich Fitten und Aktiven. Dieser moderne Typus des Gepanzerten stählt seine Muskeln im Fitnessstudio, und dabei tut er doch nichts anderes, als die in unserer Gesellschaft ohnehin bereits im Übermass vorhandene Form der Bewegung weiterzutreiben: Auf und ab, hin und zurück, geradlinig und zielgerichtet, mechanisch stets das Gleiche – das verschliesst die Empfindsamkeit des Bindegewebes und vermittelt dem Organismus auf zellulärer Ebene keine Wachstumsimpulse. Repetitive, zielgerichtete Bewegungen laugen aus und erschöpfen.
Gegen das Bewegungsdiktat der mechanischen Welt propagiert Emilie Conrad die Fitness des Fliessens. «Sei stark wie ein Tintenfisch – das stärkste Tier der Meere – und häng dich in die Seile des Jungle Gym, das Fitnessstudio im Urwald!», lautet die Devise. An Geräten, die eigens dazu geschaffen wurden, vollführen die Übenden achtsam und bedächtig fliessende Bewegungen.
Die so genannte Erforscher-Bank, eine schmale Liege, ähnelt der Hantelbank, wie man sie im Kraftraum von Fitnessstudios findet. Doch diese Bank steht im 45-Grad-Winkel zum Boden; auf ihr wird kopfunter gelegen, was es zum Beispiel erlaubt, im Schulterstand die Beine gemächlich kreisen und rotieren zu lassen. Hanteln kommen keine zum Einsatz, doch wer mag, bindet sich Gewichte um Hand- und Fussgelenke. Ein schräg aufgehängtes weitmaschiges Netz aus Gummiseilen eröffnet zusätzlichen Entfaltungsspielraum. Im Urwald-Studio gibt es keinen vorturnenden Oberaffen, die Übenden folgen eigenen Bewegungsimpulsen und erweitern so beständig den Spielraum ihrer Möglichkeiten.
Das ist die ansteckende Kraft von Continuum: Wer sich auf Emilie Conrads kreative Impulse einlässt, versucht nicht, die Bewegungen anderer nachzumachen. Vielmehr beginnt eine faszinierende Entdeckungsreise hin zu den ureigensten Bewegungen. Diese Bewegungen sind so eigen, dass es sie schon gab, lange bevor wir geboren wurden.
Kontakt: Catherine Kocher,
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Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 79 Frühling 2006
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