Die Fragestellung liegt auf der Hand: In der Forstwirtschaft gibt es von Alters her eine grosse Anzahl von Regeln, mit denen der Zeitpunkt bestimmt wird, zu dem ein Baum gefällt wird. Diese Regeln wurden als Merksätze von einer Generation zur nächsten weitergereicht. Lange Zeit war es eine Selbstverständlichkeit, dass der Förster sich an die Regeln hielt und er seine Kunden mit Holz belieferte, das nach Massgabe der Regeln geschlagen wurde.
Alle diese so genannten Bauernregeln bezogen sich auf den Mond. «Brennholz zu arbeiten, dass es gut nachwächst, soll sein im Oktober, im ersten Viertel des aufnehmenden Mondes» besagt eine solche Regel, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Tirol erstmals schriftlich festgehalten wurde, mit Sicherheit aber in frühere Zeiten zurückreicht. Eine Regel aus dem Berner Diemtigtal besagt: «Hauet das Holz im Märzenwädel Fisch, dann bleibt es, wie es ist.»
Diese Überlieferungen, so geht man in der Volkskunde aus, haben ihren Ursprung in keltischer Zeit. Von den Kelten sind uns etliche steinerne Kalendarien erhalten geblieben, die eine recht präzise Datierung nach Monat, Mondstand im Tierkreis und nach Mondphase erlauben. Doch nicht nur aus dem Alpenraum, sondern aus aller Welt sind Holz-Regeln überliefert. Ethnologen sind auch im Fernen Osten, in Südamerika, Afrika, ja selbst in Polynesien auf vergleichbare Überlieferungen gestossen.
Nicht alle Ratschläge deuten in ein und dieselbe Richtung. Es gibt auch Regeln, die sich widersprechen. Davon abgesehen, lässt sich jedoch eine eindeutige Aussage festhalten: Tage in der kalten Jahreszeit um den abnehmenden Mond und kurz vor Neumond gelten allgemein als günstig für das Fällen von Bäumen. Das Holz, welches in diesen Zeiträumen geschlagen wird, soll besonders lange haltbar sein.
Aberglaube oder Fakten?
Wenn man sich früher solchen Betrachtungen hingab, bevor man einen Baum umhaute, war das Aberglaube oder hatte es einen tieferen Sinn? Mit modernen wissenschaftlichen Methoden müsste die Frage eigentlich leicht zu klären sein. Es hat sich bloss lange Zeit kaum je einer damit beschäftigt. Wohl ganz einfach, weil dem naturwissenschaftlich Gebildeten die Behauptung, es bestehe ein Zusammenhang zwischen dem Mondstand und dem Wachstum von Bäumen zu abstrus erschien – um nicht zu sagen: zu esoterisch. Die moderne Forstwirtschaft gehorcht anderen Regeln als denen des Mondes, sie orientiert sich an den Gesetzen der Ökonomie.
Gerade der Markt aber ist es, der sich heute wieder für die alten Regeln erwärmt. «Mondholz» liegt im Trend. Eine wachsende Zahl von Kunden will heute beim Kauf von Holz vom Anbieter wissen, ob dieses zu einem Zeitpunkt geschlagen wurde, welcher dem späteren Verwendungszweck entspricht. Der Holzhandel ist daran, sich auf diese neue Nachfrage einzustellen. Was für Kriterien beim Gewinn von Mondholz tatsächlich zur Anwendung gelangen, ist wieder eine andere Frage. Da kommt es wesentlich darauf an, dass von früheren Generationen überliefertes Wissen, welches von Förstern eben nicht im Rahmen ihrer Ausbildung erworben werden kann, bewahrt und lebendig gehalten wurde.
Der Salzburger Förster Erwin Thoma wurde durch den Grossvater seiner Frau, einem rüstigen Zimmermann mit nahezu mystischer Beziehung zum Holz, für diese Zusammenhänge sensibilisiert. Thoma begann mit dem Fällzeitpunkt zu experimentieren und stellte fest, dass an den alten Regeln einiges dran ist. Über seine Erfahrungen schrieb er zwei Bücher, die das Thema wieder unter die Leute brachten. Heute leitet Thoma ein eigenes Forschungszentrum und heimst Innovationspreise ein für das von ihm entwickelte Holzbausystem Holz100.
Nach Erwin Thomas’ Erkenntnissen lassen sich die alten Regeln im Wesentlichen zu zwei Grundsätzen zusammenfassen: Gefällt werden soll im Winter, wobei der Winter der Bäume Ende August beginnt und nur bis Anfang Februar dauert, wenn die Säfte bereits wieder zu fliessen beginnen. In den Monaten dieses biologischen Winters sind die 14 Tage zwischen Vollmond und Leermond die günstigste Zeit.
Der Atem der Bäume
Ein einfacher Versuch besteht darin, einem Baum eine Manschette anzulegen, mit deren Hilfe sich Veränderungen des Stammdurchmessers auf den Hundertstelmillimeter genau bestimmen lassen. Bei zwei, in separaten Behältern unter konstanter Finsternis im Gewächshaus stehenden jungen Fichten zeigten sich bei einer solchen Messung im Sommer 1988 erhebliche Schwankungen des Stammdurchmessers. Die Kurve beider Bäume verlief parallel, und ein Vergleich mit den damals wirkenden Gezeitenkräften zeigt, dass die Schwankungen synchron zu Ebbe und Flut verlaufen. Demnach scheint es nicht übertrieben, auch bei Bäumen von Gezeiten zu sprechen. Poetisch ausgedrückt, atmen Bäume im Rhythmus von Ebbe und Flut.
Im eigentlichen Sinn lebendig braucht ein Baum dazu nicht mal zu sein. Bei einem Versuch der Universität Florenz wurde der Stammdurchmesser einer normal wachsenden Douglasie verglichen mit dem Durchmesser eines von seinem Wurzelwerk und seiner Krone getrennten Douglasienstammes in wasser- und luftdichter Isolation. Gefällt worden war der Versuchsbaum am ersten Frühlingstag 1977. Auch drei Monate später zeigten sich am vermeintlich toten Baumstamm dieselben Schwankungen wie am normal wachsenden. Wiederum verliefen die Kurven beider Bäume parallel zum Wirken der Gezeitenkräfte.
Rein physikalisch ist jene Kraft, die macht, dass der Pegel des Meeres ansteigt und abfällt, natürlich längst bestimmt. Ebbe und Flut entstehen durch das Zusammenwirken der Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf die Wassermasse der Erde, die beim Näherkommen des Erdtrabanten gewissermassen auf diesen zuschwappt. Dass dieselbe Kraft ungleich subtiler auch auf die Zellen von Bäumen wirkt – anders lassen sich die Schwankungen beim gefällten Baumstamm nicht erklären –, dass musste erst mal zweifelsfrei bewiesen werden, bevor sich ein ernsthafter Wissenschaftler daran machen konnte, das Gebiet näher zu erkunden.
Auf die Verwendung kommt es an
Ernst Zürcher beschäftigt sich als Forscher seit Jahrzehnten mit dem Phänomen Mondholz. Bei einer Fachtagung diesen Frühling an der ETH Zürich gab der Schweizer Forstingenieur und Professor an der Hochschule Architektur, Bau und Holz in Biel erste Einblicke in die Resultate einer neuen grossangelegten Studie, die unter seiner Leitung durchgeführt wurde. Im Herbst und Winter 2003/2004 wurden an fünf repräsentativen Standorten in der Schweiz Woche für Woche zeitgleich Bäume gefällt. Das Holz wurde auf Dichte, Druckfestigkeit, Schwindverhalten, Wasseraufnahme und Verhalten gegenüber Bewitterung getestet. Das Fällen und Vermessen der insgesamt 621 Fichten, Edelkastanien und Weisstannen sollte mit Blick auf den Mondstand des jeweiligen Fälldatums Rückschlüsse erlauben auf die Gültigkeit der althergebrachten Regeln.
Bevor Ernst Zürcher in diesem Frühjahr an der ETH die Ergebnisse seiner neuen Studie vorstellte, machte der Professor seinen Zuhörern klar, dass die Förster von früher nicht zuletzt deshalb den Mond im Auge behielten, weil sie mit ihren Produkten eine höchst differenzierte Nachfrage zu befriedigen hatten. Bevor es Kunststoff, Beton und Leichtmetall gab, war Holz der Werkstoff schlechthin. Längst nicht alles Holz landete früher im Feuer, und wo im Haus ein Feuer brannte, dort führte nicht selten ein Kamin aus Holz den Rauch ins Freie. Idealerweise war ein solcher Kamin aus dem Holz der Lärche; in welcher Mondphase der Baum zu schlagen war, damit sein Holz dem Russ und der Hitze des Feuers auch standhielt, dafür gab es selbstverständlich Regeln.
Sollte Holz zu einer Dachrinne, zu einem Brunnentrog, zu einem Wagenrad, zu einer Brücke, zu einem Dachbalken, zu einer Deichsel, zu einer Tabakpfeife, zu einem Fass, zu einem Musikinstrument, zu einem Parkettboden oder zum Stiel einer Axt verarbeitet werden – für jeden Zweck gibt es die beste Holzsorte, und zumindest früher gab es dazu auch mindestens eine Regel für den Zeitpunkt der Fällung. Von den Ketschua-Indianern in Bolivien ist bekannt, dass diese Pflüge aus dem Holz des Thago-Algarrobo-Baumes verwenden. Der Baum für das besonders harte Pflugholz wird heute noch im ersten abnehmenden Mond nach dem Frühlingspunkt gefällt.
Und wenn Holz dazu dient, Schallwellen aufzunehmen und zu verstärken, wie das beim Bau von Musikinstrumenten der Fall ist, sind noch einmal ganz andere Qualitäten gefragt. Das Holz aus dem Geigen, Gitarren und Konzertflügel gebaut werden, muss besonders stabil sein und darf sich bei schwankender Luftfeuchtigkeit nicht verziehen. Üblich ist eine Lagerungs- und Austrocknungszeit von mehreren Jahrzehnten. Kommt dann auch noch der Faktor Mond hinzu, ist für manch ein Instrumentenbauer das Nonplusultra erreicht.
Der Sankt Galler Instrumentenbauer Chistopher Lee Lüthi arbeitet seit sechs Jahren nur noch mit Mondholz. Im Schnitt verlassen pro Jahr nur gerade drei neue Instrumente seine Werkstatt in Sevelen/SG. Der gelernte Geigenbauer stellt sämtliche Teile selber her und verwendet auf jedes Instrument rund 250 Arbeitsstunden. Dem Mondholz gibt er den Vorzug, da dieses sich leichter verarbeiten lasse und sich vom ersten Tag an als äusserst klangstabil erweise.
Einfluss des Mondes nachgewiesen
Gar so differenziert hat Ernst Zürcher in seiner Studie den Verwendungszweck nicht betrachtet. Die Proben der gut 600 gefällten Bäume wurden untersucht auf Wasserverlust, Schwindung und Dichte. Das sind drei Komponenten, welche die Qualität von Holz wesentlich prägen. Sie spielen bei jeder Art der Verwendung eine Rolle. Von jedem Baum wurde vor dem Versuch eine Probe entommen, die in der Analyse als Referenzwert diente.
Der Einfluss des Mondes auf das Holz liess sich wissenschaftlich eindeutig nachweisen. Das ist das wichtigste Resultat der neuen Untersuchung. Zum ersten Mal konnte damit wissenschaftlich einwandfrei bewiesen werden, was frühere Generationen aus Erfahrung wussten. Allerdings kommt der Beweis mit einer Einschränkung daher: «Die Beteiligung des Faktors Mond an den Gesamtvariationen ist zwar reell, aber schwach ausgeprägt». Die statistisch relevante Übereinstimmung zwischen Mond und Holzqualität bewegt sich nach Zürchers Erkenntnissen in einem Prozentbereich, der zwar als signifikant gelten kann, der sich in der praktischen Umsetzung aber kaum rechnet. Hier sind weitere Studien nötig, mit denen beispielsweise untersucht wird, ob Holz aus bestimmten Mondphasen andere Klangeigenschaften hat, oder ob Mondholz weniger anfällig ist für den Befall mit Pilzen oder Käfern.
Weitere Ergebnisse der neuen Studie lassen genauso aufhorchen wie der generell positive Befund: Eigenartigerweise betrifft der Einfluss des Mondes nicht bloss das lebende Splintholz eines Baumstammes, sondern auch dessen Kernholz, welches gemeinhin als tot gilt. Dieser Befund ergänzt die Ergebnisse der bereits erwähnten Studie der Universität Florenz, wo die geheimnisvollen Schwankungen des Holzes im gefällten Stamm unter luft- und wasserdichten Verhältnissen hatten nachgewiesen werden können.
Mond im Steinbock
Wenn vom Einfluss des Mondes die Rede ist, gilt es drei verschiedene Rhythmen zu beachten. Mindestens. Ernst Zürcher weiss das. Der grossgewachsene, grauhaarige Professor ist ein ausserordentlich wacher, aufgeschlossener Geist. Er hat alle drei Rhythmen in seine Untersuchung einbezogen, und das führte zur Entdeckung einer weiteren kleinen Sensation. Neben der offensichtlichen Mondphase des zu- und abnehmenden Mondes, gibt es den schwieriger zu beobachtenden Rhythmus des auf- und absteigenden Mondes, im Volksmund «Nidsigänd» und «Obsigänd» genannt, der in Bauernregeln eine wesentliche Rolle spielt.
Häufig handeln die alten Regeln auch vom siderischen Mondrhythmus. Doch der hat in der Wissenschaft unserer Zeit keinen Platz, denn dieser Rhythmus bezieht sich auf die Stelllung des Mondes im Tierkreis. «Meine Damen und Herren, natürlich klingt es ziemlich unseriös, wenn wir vom Mond im Zeichen Steinbock sprechen,» räumte Ernst Zürcher bei der Präsentation seiner Studie ein und beruhigte sein Publikum: «das lässt sich aber alles exakt berechnen.» Und genau das hat er bei der Studie getan. Der Fällzeitpunkt der 621 untersuchten Bäume wurde auch nach dem Stand des Mondes im Tierkreis bestimmt.
Ausgerechnet beim Vergleich mit dem siderischen Mondrhythmus ergab die Untersuchung die höchste Übereinstimmung. Was heisst: Auch wenn die Astrologie und deren Berechnungen in der Wissenschaft nichts gelten, scheinen Bäume sehr wohl dem Einfluss der mit den Gestirnen in Zusammenhang gebrachten Kräfte zu unterliegen. Wie genau das geht und warum, dafür liefern weder Wissenschaft noch Astrologie die Gründe. Daran glauben tun die Bäume wohl eher nicht. Dennoch scheinen die archetypischen Kräfte der Sternbilder sie subtil zu beinflussen. Instrumentenbauer Lüthi spricht von einem «Phänomen, das ich und meine Kunden dankbar annehmen.»
Im Anschluss an die Präsentation seiner Studie wurde Ernst Zürcher von einem der Zuhörer angesprochen, ob sich die Effekte der verschiedenen Mondrhythmen denn nicht kummulieren liessen, wie dies manch eine der Bauernregeln nahelegt. Auf die Frage schien der Professor nur gewartet zu haben. Eine solche Studie, so bekannte er freimütig, sei ein Traum von ihm. Dazu könnte man beim Fällen der Bäume mit der Stoppuhr vorgehen. Benjamin Stöckli, der Fragesteller, hatte mit seiner Anregung weiter gezielt. Der Traum dieses freischaffenden Försters aus Winterthur wäre es, bei einer späteren Studie den Faktor Mensch einzubeziehen: Wie ist der Holzfäller drauf, wenn er sich an die Arbeit macht, mit was für einer Absicht fällt er den Baum und wie geht er mit dem Holz um. Auf die Messungen dürften wir gespannt sein.
Literatur: Die erwähnte Studie von Ernst Zürcher ist noch nicht publiziert.
Erwin Thoma: Für lange Zeit, Brandstätter Verlag, Wien 2003.
Johanna Paungger und Thomas Poppe: Vom richtigen Zeitpunkt. Irsiana Verlag, München 1991.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 80 Sommer 2006
© SPUREN
SPUREN - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch
| Home |