Sommeruniversität
Wenn mich kurz vor sieben Uhr die Klänge eines Saxofons erreichen, lohnt es sich, einen Blick nach draussen zu werfen und die aufgehende Sonne durch die tanzenden Nebelschwaden zu begrüssen. Langsam werden die Bewohner und all die Gäste der Sommeruniversität aus ihren Zelten, Wohnwagen oder Gemeinschaftsschlafräumen kriechen. Manche trinken einen Morgenkaffee, treffen sich zur Meditation oder spielen Volleyball. Nach dem Frühstück strömt die Menge ins Auditorió der neuen Universitätshalle. Es läuft gerade die Sommeruniversität, eine zehntägige Studienzeit zu den Grundgedanken der Friedensforschungsdörfer, zu der neben den etwa 150 Gemeinschaftsmitgliedern und Studierenden noch etwa 100 zusätzliche Gäste angereist sind. Menschen aus verschiedenen Gebieten der Welt teilen dabei ihr Wissen und ihre unglaubliche Tatkraft in der Friedensarbeit mit uns.
Berührung
Reuven Moskowitz, ein in Israel lebender Jude, erzählt, wie er als Soldat im Sechstagekrieg von palästinensischen Kindern eine Mundharmonika geschenkt bekommen hat. Während er darauf ein Lied spielt, rollen Tränen über mein Gesicht. Dieser Mann berührt mich. Sein unglaubliches Engagement in Israel-Palästina, sein Dranbleiben … und es berührt mich der Schmerz der Welt. Warum herrscht so viel Gewalt? Warum werden so viele Menschen auf grausamste Weise umgebracht, Familien auseinander gerissen, ganze Dörfer zerstört?
Ich lasse die Berührtheit einfach zu. Und einen Moment lang auch die Ohnmacht. Seit meiner Jugendzeit hat mich die Wut über die Situation der Welt dazu bewegt, Friedensaktionen und Kundgebungen gegen den Krieg zu organisieren. Nachdem ich seit Jahren kaum mehr Nachrichten geschaut habe oder wenn, dann mit einer gewissen Resignation oder Schutzmauer, entsteht jetzt etwas Neues. Es ist eine Anteilnahme. Etwas, was mich mit dem Menschen, der da spricht, und der Welt verbindet und mich tief bewegt. Daraus wächst eine Kraft und klare Entscheidung, hier an diesem Friedensforschungsort zu bleiben und mich ganz auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden in der Gemeinschaft, in mir und auf der Welt einzulassen.
Was mich dazu bewegt, mich gerade hier in Tamera mit diesen Themen zu vertiefen, ist diese Ernsthaftigkeit in der Friedensforschung auf den verschiedenen Ebenen. Da ist das politische Engagement, dann ein kontinuierliches Erforschen von Bereichen wie neue Energieversorgung, Selbstversorgung, Lehmbau, Kinderaufwachsen, Spiritualität und Ökonomie, die zum konkreten Aufbau von Friedensdörfern notwendig sind. Und ganz besonders das gemeinschaftliche Leben. In kleinen Situationen des Alltags wird mir bewusst, wie oft ich selbst aus Angst und Selbstschutz handle, worin ich auch die Parallele zur ganzen Weltstruktur erkenne. Hier habe ich die Gelegenheit zu lernen, wie ich diese alten Strukturen immer mehr in Vertrauen wandeln kann.
Forschungsfrage
Aus den verschiedenen Forschungsbereichen in Tamera und der ganzen Welt entsteht somit eine reale Vision des Friedens. Nun gilt es für mich, in einem dieser Forschungspunkte in die Tiefe zu gehen und neue Strukturen mitzukreieren. Mich bewegt die Frage, was Gewaltfreiheit im Umgang mit Kindern heisst. Wie oft tun wir etwas mit unseren Kindern, was wir mit einem erwachsenen Menschen nie tun würden? Noch schnell das Gesicht waschen und mit einem nassen Lappen ohne ein Wort zu sagen über das ganze Gesicht fahren, währenddem das Kind die Augen zukneift und unsere Hand wegzustossen versucht. Ich will erforschen, was echte Kooperation ist, erkennen, wo wir aufgrund eigener Ängste unsere Kinder nicht frei lassen, und was es bedeutet für die Zukunft der Welt, wenn die Kinder in einem angstfreien, liebenden Umfeld aufwachsen könnten.
Gerade sitzen im Schatten des Beduinenzeltes palästinensische und israelische Gäste, die sich über den Aufbau eines Friedensdorfes in ihrer Heimat unterhalten. Sie sind hier, um sich die nötigen Grundlagen in Ökologie, Ökonomie und Gemeinschaftsaufbau anzueignen.
Obwohl auch in Tamera noch viel gelernt werden muss, sehe ich hier eine echte Friedensperspektive. Einerseits durch die umfassende Forschung in der Gemeinschaft und anderseits durch die Funktion als internationale Ausbildungsstätte in der Friedensarbeit.
www.tamera.org
www.igf-online.org
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 81 Herbst 2006
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