Schauen Sie Ihre Hände an. Formen Sie Greifbewegungen mit allen Fingern. Sie sehen, der Daumen befindet sich äusserst bereit zum Begreifen jeweils automatisch den andern Fingern gegenüber: Das ist ein sehr willkommenes Überbleibsel aus Zeiten, als wir uns zur Futtersuche noch schwingend durchs Geäst bewegten.
Diese einzigartige Fähigkeit, den Daumen allen andern Fingern auch einzeln gegenüberzustellen und mit der Daumenkuppe Druck auf etwas auszuüben, was zwischen den Fingerspitzen gehalten wird, war die Geburtsstunde der menschlichen Präzision. Es befähigt uns, die Welt äusserst exakt und mit Fingerspitzengefühl zu gestalten. Ohne einen komplexen Hirnleistungszuwachs und den damit verbundenen Ideen von Vergangenheit und Zukunft, ohne die sich daraus entwickelnde Fragestellung nach Sinn, ohne differenzierte Sprachentwicklung hätte sich dieses anatomische Detail nicht derart folgenschwer ausgewirkt und diesen einesteils fantastischen und wunderbaren, gleichzeitig aber auch verheerenden Siegeszug angetreten, wie er sich heute markant bis schmerzhaft zeigt – sodass man denken könnte, alles sei verloren auf dieser Welt. Dazu kommt bei den einen oder anderen, dass sie in sich selbst zuweilen eine Apokalypse der eigenen Art entstehen lassen, indem sie sich für die ganze Welt und deren Wohlergehen verantwortlich zeichnen. Welch lähmende Überrissenheit!
Verblutet
Hier wird das Drama des heutigen Menschseins in grosser Dringlichkeit offenbar: Innen und aussen stimmt, wenn überhaupt, scheinbar nur noch im Negativbereich überein. Wie können wir fröhlich bleiben und das Leben geniessen, wenn wir überall nur noch Verschmutzung, menschgemachte Katastrophen, Leid und Ungerechtigkeit sehen, hören, lesen, fühlen, ja riechen? Nur schon auf der Welt zu sein könnte als unökologisch gelten. Und wie können wir der Traurigkeit oder auch der Wut und Frustration darüber entgehen, dass mit den heute verfügbaren Mitteln und Möglichkeiten doch alles bestens, friedlich, ohne Folter und ohne Hunger, mehr noch, direkt paradiesisch sein könnte auf dieser Welt und jetzt … eben. Sollen, dürfen wir vor dieser Trauer überhaupt fliehen? Oder gehört sie etwa, durchaus zusammen mit zwischenzeitlicher Wut, unabdingbar zu unserer Integrationsarbeit?
Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, die ein paar Jahre in Südamerika gearbeitet hatte, von einer allein stehenden jungen Mutter in den Slums, die ihren wenige Monate alten Säugling unfreiwillig für einige Stunden allein in der Hütte zurücklassen musste, um einer Arbeit nachzugehen, die ihr und dem Kind das Überleben sichern sollte. Bei ihrer Heimkehr fand sie das kleine Kind von Ratten so zerbissen, dass es kurz darauf in ihren Armen verblutete.
Wenn ich solche Geschichten des Grauens höre, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht mitleide, mich nicht identifiziere. Sondern einfach schlicht mitfühle und tue, was es zu tun gibt. Gerade nebenan lacht ein Kind im Spiel, ganz im Hier und Jetzt.
Ist es, wie es ist?
Vor ein paar Monaten sah ich in einem asiatischen Land einen beidseitig beinamputierten Mann, der sich nachts bei nur spärlicher Beleuchtung mitten im Verkehr behauptete. «Sitzend» auf einem alten Skateboard bewegte er sich mit blossen Händen in Laufbewegungen am Boden vorwärts, im schwarzen Dieselrauch, zwischen dröhnenden Lastwagen und laut hupenden Tuk-Tuks. Am Strassenrand verkaufte eine fröhliche dunkelhäutige Frau mit perlweissen Zähnen in leuchtend grünem Kleid frische Ananas. An der Bushaltestelle lag ein toter Hund mit offenen Eingeweiden, von irgendwelchem Getier schon ziemlich zerfetzt; rundum redeten, lachten und scherzten die Leute, die auf den Bus warteten.
Alles ist, wie es ist. Hässlich und schön, nicht mehr und nicht weniger, als wie ich es bewerte. Ich kann es einfach auch nur sehen und annehmen und es in dieser bunten Mischung vorüberziehen lassen: Eindrücke von praller Lebendigkeit, von Vergänglichkeit, von Sterben und von Tod. Das gelingt mir heute sehr viel besser als früher, wo mich gewisse Bilder des Elends regelrecht besetzen konnten. Lange ging es mir auch mit den meisten Umweltschutzthemen so, die mit den Ungerechtigkeiten auf dieser Welt eng verzahnt sind: Fehlt doch auch hier der sorgfältige Bezug und der respektvolle Umgang mit Lebendigem und mit Ressourcen.
Resonanz
Trauer über die Missstände auf dieser Welt ist manchmal durchaus angebracht. Alles, was mir da draussen begegnet, findet nicht umsonst Resonanz in mir – mit etwas ist es verknüpft. Insbesondere leidende Kinder können uns da auf eine äusserst harte Probe stellen. Sie alle kennen solche Geschichten. Vielleicht haben Sie schon schwerkranke Kinder gesehen, denen mit minimalem medizinischem Aufwand geholfen werden könnte – doch dazu wohnen sie im falschen Erdteil, haben die falsche Hautfarbe, gehören der falschen Familie oder dem falschen Geschlecht an … das alles zu sehen kann seelisch sehr schmerzen.
Der Wunsch zu dienen
Wie kann ich also sensibel bleiben gegen aussen, aber nicht an all dem Elend ersticken? Sich abgrenzen, sich schützen wird seit Jahren gepredigt. Nein, sage ich heute. Eine gewisse Verdrängungsfähigkeit, eine Ausblendung auf Zeit ist zwar überlebenswichtig, das hat die Natur gut eingerichtet. Mit Extra-Schutz jedoch machen wir unser Herz zu. Gegen aussen und gegen innen. Innen und aussen – das sind nicht zwei. Wenn dieses Ungeteilte zuinnerst erfahren wird, keimt und gedeiht automatisch auch das Mitgefühl; zugleich werden oft auch ein grosser Wunsch zu dienen und ein wachsendes Engagement für Mitmenschen und Mitwelt wahrgenommen. Einheitserfahrungen können allmählich auftreten oder plötzlich über uns hereinbrechen, beispielsweise wenn wir in einer Krise sind und daher besonders dünnhäutig, ungeschützt und deshalb offener sind als gewöhnlich.
Wir können Mitgefühl weder lernen noch machen, genauso wenig wie Dankbarkeit und Liebe. Das sind Fähigkeiten, die zutiefst als Anlage schon immer vorhanden sind und sich bei zunehmender Offenheit mehr und mehr zeigen und entfalten können. Es ist diese weiche Aura der reinen Liebe und der Unschuld, die uns bei einem Neugeborenen zu Tränen rühren kann; sie erinnert uns sanft und doch wirksam an etwas Wohlbekanntes, das mit den Begriffen Heimat oder Zuhause Worte findet.
Sensibel und stabil
Wir können nicht selektiv offen sein, genauso wenig können wir nur die angenehmen Gefühle willkommen heissen und den Rest verschmähen. Falls wir in solchen Bemühungen stecken bleiben, werden wir irgendwann krank. Die Frage lautet eher: Wie kann ich sensibel, durchlässig, offen sein – und gleichzeitig stabil bleiben?
Trauer ist nicht nur notwendig, Trauer ist sogar der Schlüssel dazu; echte Trauer ist eine Gnade. Ich meine hier nicht Melancholie und ausdrücklich auch nicht Depressivität oder Niedergeschlagenheit, denn Depression ist das bedrückende, äusserst schmerzhafte Fehlen von Gefühlen, neben der Wut insbesondere auch der Trauer. Wer echte Trauer fühlen kann, kommt ganz zu sich, ist somit auch völlig offen und dadurch sich und der Liebe nah. Ein Mensch, der ganz bei sich ist, hat auch keine Angst – sie hat einfach keinen Platz mehr; und ohne Angst bleibt die reine Präsenz. Angst oder Liebe, um das scheint es im Leben letztendlich zu gehen.
Vielleicht bekamen Sie schon einmal, als Sie traurig waren, von Menschen, die von Ihrer Trauer nichts wussten, Komplimente wegen Ihres guten Aussehens? Menschen, die ganz bei sich sind, sind in der Tiefe entspannt und leuchten von innen heraus; das macht sie schön.
Ich frage Sie nun: Geht Trauer und Glück zusammen? Darf ich das Leben geniessen, wenn es – neben dem vielen, vielen Wunderschönen – so viel Elend gibt auf dieser Welt? Darf ich ungestraft sagen, dass es mir jeden Tag besser geht, ja, dass ich sogar oft glücklich bin?
Homo sapiens spiritualis
Al Gore hat den Friedensnobelpreis bekommen, das ist ein Meilenstein in der Geschichte. Öko, Bio, Natur, Fairtrade, grün boomen – hoffentlich noch lange und hoffentlich noch effizienter. Wie aussen Umweltschutz langsam salonfähig wird, ist innen Innenweltpflege (nicht Innenweltschutz!) angesagt, das eine geht nicht ohne das andere. Dazu gehört das liebevolle Annehmen aller Gefühle, auch derjenigen, die aufsteigen, wenn wir mit äusserem Elend konfrontiert werden. Es sind und bleiben unsere Gefühle. Sie kommen und gehen, nichts weiter. Und sie erzählen uns viel über uns selbst, es ist Selbsterkenntnis pur, im besten Falle Integration und Heilung. Dies ist das Erste und das Beste (nicht das Einzige), was wir für uns, zugleich aber auch für die Welt tun können. Hans Jecklin spricht mir damit in seinem neusten Buch Eine Welt oder keine (s. Rezension S. 61) aus dem Herzen.
Die Welt wacht – trotz allem Leid und diesem manchmal bedrohlichen «Wasser und Messer am Hals»-Gefühl gleichzeitig auch auf, öffnet sich dem Einen immer mehr.
Der Homo sapiens spiritualis ist zusehends auf dem Vormarsch: Hier geht es um ein Begreifen der höheren Art. «Man sieht nur mit dem Herzen wirklich gut», wie es der Fuchs in Saint-Exupérys Petit Prince weise ausdrückt. Dieses Begreifen entspricht dem inneren Wissen der Ungeteiltheit und befähigt uns, die Welt und uns selbst nicht nur mechanisch-materiell, sondern von einer ganz neuen, äusserst bewussten Warte, nämlich von innen – aus dem Ganzen heraus – umfassend zu sehen, zu erkennen und liebevoll zu gestalten. Mit ungeteilter, kristallklarer Zuwendung. Innen ist aussen.
Hineingehen
Lassen Sie uns zu Ihren Händen zurückkehren. Schauen Sie diese bio-mechanischen, zur Handlung motivierenden Greifwerkzeuge, dieses Wunderwerk der Natur an! Die Betrachtung von Willigis Jäger möchte ich Ihnen, weil sie so entzückend wie einfach ist, nicht vorenthalten: Schauen Sie den Handrücken an und jetzt die Handfläche. Sie können immer nur eine Seite aufs Mal sehen: entweder – oder. Und jetzt gehen Sie mit Ihrer Vorstellungskraft ganz in die Hand hinein und fühlen Sie diese von innen. Schliessen Sie dazu einen Moment lang die Augen. Das ist Einheit. Handfläche und Handrücken sind gleichzeitig vorhanden, da ist und war niemals eine Trennung.
Horizonte
«Zeichne eine Linie, und du hast einen Horizont», schrieb mir neulich die in Zürich lebende Künstlerin Chantal Busch. Dieser frappant einfache Satz löst das innere Bild einer grossen, offenen Weite aus, und am imaginierten Horizont berühren sich Himmel und Erde – als Inbegriff eines verschmelzenden, zärtlichen Aufgehobenseins im innersten Punkt. «Den Himmel erden, die Erde himmeln», las ich einst irgendwo. Tiefe Geborgenheit und grenzenlose Weite sind keine Gegensätze mehr im All-Einen, Ziel und Weg fallen zusammen.
Das scheinbar Paradoxe daran: Ohne begrenzende Linie, das heisst ohne Perspektive, ohne Ziellinie und Begrenzung, die Weite zu erfahren ist immens viel schwieriger. Der Homo sapiens strebt aufgrund seiner Hirn- und Seelenstruktur meist Bezugspunkte und Ziele an, sonst glaubt er sich im haltlosen Gestrüpp verschlungener Pfade zu verlieren.
Boden gewinnen
Jeder Mensch möchte sich gut fühlen; jeder möchte glücklich, aufgehoben und geborgen sein. Auch der Attentäter, der sich in die Luft sprengt und andere mit in den Tod reisst. Gerade er. Die Evolutionsbiologie mit ihrem maroden, derzeit langsam bröckelnden Menschenbild mit den von ihr lange propagierten egoistischen Genen entdeckt nun – Carl Rogers und der Humanistischen Psychologie über ein halbes Jahrhundert hinten nachhinkend – endlich auch das Gute und Soziale im Menschen.
Auch wenn – bei erfüllten Grundbedürfnissen – ein Mehr an Materie immer weiter ein Mehr an Glück verspricht, wird dies niemals eintreffen. Das durchschaut heute schon manches Schulkind.
Süchte, Gewalt, Ausgrenzung, aber auch starke Schuldgefühle sowie die dazugehörenden Schuldzuweisungen sind Zeichen, dass ein Mensch seine inneren Ziele, seinen Bezug zu sich selbst, seine Wahrnehmungsfähigkeit sowie seine Verantwortung für sein Inneres ein Stück weit verloren hat und nun im Aussen kompensiert, damit er diesen inneren Stress des Abgeschnitten-Seins von sich selbst nicht spüren muss – was natürlich auf Dauer nicht hinhält. Kicks können mit ihren emotionalen Höhenflügen sowie den darauf folgenden Tauchern oder Abstürzen nur sehr flüchtig Lebendigkeit vortäuschen. Im Gegenzug dazu anästhesieren depressive Rückzüge und machen das Leben grau.
In der Bewusstseinsarbeit mit Menschen sehe ich eine Möglichkeit, das innere Wohlbefinden und die innere Sicherheit wiederzufinden beziehungsweise aufzubauen. Ein Mensch, der sich selbst besser wahrnimmt, dessen Bedürfnisse können sich wandeln: Bodenloses gewinnt Boden mit zunehmender Empfänglichkeit, der Zwillingsschwester der Herzoffenheit. Seelischer Hunger erfährt die lang ersehnte Sättigung. Dieser genährte Mensch geht mit sich und seiner Mitwelt sorgfältiger, echter, freudiger um. Die Welt, die vorher schwarzweiss erschien, ist farbig geworden!
Lassen Sie sich von Ihrer Sehnsucht finden – sie wohnt in Ihrem Herzen.
Rébecca Kunz ist Biologin mit Schwerpunkt Gesundheit. Neben ihrem Kurs-, Therapie- und Beratungsangebot gestaltet sie Radiosendungen bei hoermal.ch und gibt neu auch spirituelle CDs heraus. www.shunyata.ch
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 86 Winter 2008
© SPUREN
SPUREN - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch
| Home |