Leben in der Fülle
Von Martin Frischknecht

Vor uns auf dem Tisch steht ein Glas. In seiner unteren Hälfte ruht Wasser. Ist das Glas nun halb voll, oder ist es halb leer? Beides ist richtig. Je nachdem, wie wir es betrachten, kommen wir zur Ansicht, das Glas sei halb voll, oder wir sagen, das Glas sei halb leer. Es kommt auf unsere Gestimmtheit an, für welche Ansicht wir uns entscheiden. Vereinfacht ausgedrückt, könnten wir sagen, für einen Pessimisten sei das Glas halb leer, für einen Optimisten sei es halb voll.
Das allerdings ist nicht die halbe Wahrheit. Das heisst, es ist halb wahr, und halb ist es falsch. Auweia, diese Aussage passt ja nun wirklich zu diesem verflixten Glas – mit was eigentlich drin? Mit Inhalt! Inhalt ist immer voll. Ganz voll. Luft ist ja nicht nichts, sie ist nur nicht Wasser. Das Glas ist bis oben hin voll mit Luft und Wasser.
Die Sache so zu betrachten, erscheint spitzfindig. Luft ist doch sowieso immer. Sie zählt nicht. Relevant, zuweilen gar kostbar, ist Wasser. Um Wasser zu enthalten und um Wasser daraus zu trinken, ist das Glas doch gemacht worden. Ohne Flüssigkeit zu enthalten, erfüllt das Glas nicht seine Funktion. Gefüllt mit nichts als Luft, steht es herum und wartet darauf, gebraucht zu werden: es mit Wasser füllen und daraus trinken.
Vor uns steht also nicht nur ein Glas – mit was auch immer drin –, an dem Glas haften unsere Absichten und Interessen. Der Nutzen und der Gebrauchswert, den wir daraus ziehen, bestimmen wesentlich, wie wir eine Sache wahrnehmen.

Trommelwirbel für: The Secret
Das alles scheint banal, und ich entschuldige mich beinahe dafür, einen Artikel über derart gewichtige Dinge mit solchen Banalitäten zu beginnen. Angemessen wäre an dieser Stelle wohl ein Trommelwirbel und die Ankündigung: «Alle mal herhören! Hier und jetzt verkünde ich exklusiv für Sie ein Geheimnis. Es ist das Geheimnis, das sämtliche erfolgreichen Menschen miteinander verbindet. Die Anfänge dieses Wissens ruhen im alten Ägypten, das Geheimnis wurde weitergereicht von einer Generation der Eingeweihten zur nächsten bis auf den heutigen Tag. Jetzt werde ich es Ihnen verraten.»
Wie es weitergeht, ist nachzulesen im esoterischen Bestseller The Secret, in einem Buch, das den eigenen Versprechungen zufolge bereits Millionen von Menschen reich und glücklich gemacht haben müsste. Weil sie das Buch kauften und sich von seiner Botschaft haben inspirieren lassen. Mir ist trotz Euphorie allenthalben kein solcher Fall bekannt. In einer kritischen Besprechung von The Secret (siehe SPUREN Nr. 84) habe ich die Behauptung aufgestellt, dass diese Diskrepanz in der Natur der Sache selbst liege. Das Denken spielt sich hier wieder mal als der Chef im Hause auf, wo es im Leben doch gar nicht so sehr aufs Denken ankommt, jedenfalls nicht in dem Masse, wie wir uns das denkenderweise eben vorstellen.
Das interessiert Sie aber nicht, und Sie finden, jetzt müsse ich dieses Geheimnis bringen, alles andere sei Etikettenschwindel und Hochstapelei. Finde ich auch. Also, hier kommt das Geheimnis: Wir leben in der Fülle, nicht in Bedürftigkeit und Armut. Wer diese Grundtatsache des Lebens an sich heranlässt und sie sich zu eigen macht, strahlt Fülle und Reichtum aus. Das wiederum erzeugt eine positive Resonanz, und diese Resonanz sorgt dafür, dass uns Fülle und Reichtum von wo auch immer zufliessen.
Klingt doch prima. Fragt sich bloss: Wie kommt man da ran? Die Frage ist falsch gestellt, und damit sind wir zurück beim Glas auf dem Tisch. Wenn es sich bei der Fülle um eine Grundtatsache des Lebens handelt, können wir – die wir selber Ausdruck des Lebens sind und mittendrin stehen – die Fülle gar nie verloren haben. Höchstens vergessen können wir sie haben. Zum Beispiel können wir vergessen haben, dass das Glas vor uns immerzu randvoll ist. Weil uns bloss das Wasser interessiert und wir darüber den Blick fürs Ganze verloren haben.

«Ich habe Durst!»
Gehen wir aufs Ganze, bleibt das kleine hungrige Ich, das da fortwährend ruft: «Ich habe Durst. Und sollte ich mal keinen Durst haben, so will ich sicher sein, dass der Kühlschrank bis oben hin voll ist!», dieses bedürftige Geschrei in uns bleibt auf der Strecke. Ganz verschwinden wird es nie. Dort, wo es darum geht, unmittelbare Bedürfnisse zu empfinden und diese zu stillen, hat es seinen Platz und seine Berechtigung. Doch, Hand aufs Herz, wie oft sind wir im Leben richtig durstig und müssen uns darum bemühen, unseren Durst zu stillen? Eben. Sein Leben dem Geschrei der bedürftigen Instanz in sich anzuvertrauen, ist die reine Verschwendung.
Und dennoch: «Selbst wenn wir nicht zu den Ärmsten der Armen gehören, gibt es unter uns kaum jemanden, der nicht in der einen oder anderen Form mit Mangel zurechtzukommen hat und dies für eine seiner grössten Herausforderungen hält. Selbst die Superreichen streben nach mehr und leiden unter der Angst, ihren Besitz zu verlieren», sagt Colin Tipping in seinem Buch Vom Herzenswunsch zur Realität. «Unser Verstand untermauert mit den verschiedensten Argumenten unsere Überzeugung, Mangel sei etwas sehr Reales. Ausserdem machen wir schliesslich täglich entsprechende Erfahrungen, und überdies rechtfertigen wir das meiste, was wir mit unserem Leben anstellen, mit Mangel. Daher ist es eher unwahrscheinlich, dass wir die Vorstellung, Mangel gehöre zum Leben dazu, einfach so aufgeben.»
Dem fügt der amerikanische Autor die Einsicht hinzu, dass unsere Vorstellung von Mangel die Grundlage des gesamten Wirtschaftssystems bilde. Viele Produkte würden künstlich knapp gehalten, damit sie auf dem Markt einen hohen Preis erzielen, und da dieses System trotz seiner schreienden Fehler für viele noch immer äusserst profitabel funktioniere, sei nicht damit zu rechnen, dass die Armut schon bald ausgerottet sei.
Colin Tipping spricht von einem ausgeprägten Mangelbewusstsein, das unser Denken und Handeln derzeit beherrsche. Viele Worte verliert er darüber jedoch nicht. Das würde nach dem Gesetz der Resonanz nur mehr desselben nach sich ziehen. Stattdessen propagiert er «radikale Manifestation», eine Methode die wesentlich tiefer zielt als die derzeit ach so beliebten Hauruck-Verfahren der allgemeinen «Wünsch-dir-was»-Euphorie. Hier geht es nicht darum, das Universum zum kosmischen Bestellservice für die eigene Bedürftigkeit hinunterzubrechen, sondern um eine umfassende Transformation mit weit reichenden Folgen. Um diesen Wandel hervorzulocken, genügt es nicht, sein Denken mit Affirmationen und Visualisierungen auf Vordermann zu bringen. Dazu braucht es etwas anderes, eine Kraft, die nicht wir steuern, sondern die uns steuert. Tipping nennt diese Kraft «spirituelle Intelligenz»
(...) Weiter im Text in der gedruckten Ausgabe von SPUREN


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 87 im Frühling 2008

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