Ich liebe es, «Heiligengeschichten» zu hören, Berichte von Menschen, die in der Anwesenheit eines Weisen Ausserordentliches erlebt haben. Der «Schweizer Meister» Mario Mantese hat ein Buch herausgegeben, Licht einer grossen Seele, in dem viele seiner Schüler von wundersamen Begebenheiten mit ihm berichten. In jedem Bericht steht, wie bescheiden Mantese sei und dann, wie wunderwirksam. Ihm sei es möglich, mit einer einzigen Handbewegung gewaltige Gewitter zu stoppen, er schicke Hilfe, wenn in Gedanken von Schülern gerufen, könne Türschlösser magisch öffnen …
«Ist es bescheiden, ein solches Buch über sich selbst herauszugeben?», revoltierte mein Verstand, und ich ärgerte mich. Die Häufung dieser Geschichten war mir zu viel. Bevor ich mich auf den Weg zu meinem Interview machte, merkte ich jedoch, dass mein Ärger mir bloss mein Herz verschloss und eine Barriere zwischen mir und ihm errichtete.
Begleitet von einer langjährigen Schülerin von Mario Mantese, machte ich mich im letzten Herbst auf den Weg ins Berner Seeland. Seit 17 Jahren kennt die Frau Mario, doch anfangs hatte sie Zweifel. Erst vor acht Jahren war sie bereit, ganz in die Arbeit mit ihm einzusteigen. Da überkam sie als erstes eine kaum erträgliche Angst vor dem Tod und vor einem Seelenverlust. Sie blieb standhaft in ihrer Entscheidung und erlebte eine gewaltige Öffnung und Kraft. «Seither wird mein Leben immer klarer», erzählt N. Obwohl sie kein Französisch versteht, fährt sie auch an seine Seminare nach Biel, um ihm zu begegnen.
Drei Tage vor den Zusammenkünften dürfen die Teilnehmer kein Fleisch essen, keine Drogen konsumieren und nicht rauchen. Ein Bekannter von mir, der jahrzehntelang geraucht hatte, konnte nach seinem ersten Treffen bei Mario endlich ganz mit dem Qualmen aufhören, und das nach vielen vergeblichen früheren Versuchen.
Als ich mich im Zug vor der Ankunft still sammelte, entdeckte ich in mir zwei Wünsche: Einerseits wollte ich mit Mario auch ein Wunder erleben, andererseits wollte ich nicht mit leeren Händen ankommen. Ich hätte ihm gerne eine Rose gebracht, aber ich hatte keine. Da kam mir die Idee, ihm in Gedanken eine wunderschöne Rose zu schenken. Wenn ich mir dies nur stark genug vorstellte – wer weiss, vielleicht bedankte er sich bei meiner Ankunft für die Rose, denn für ihn schienen ja alle Welten offen zu stehen.
Mario Mantese begrüsste uns freundlich, und wir spazierten zu seiner einfachen Wohnung, wo er mit Frau und Tochter lebt. Keine Spur eines Dankeschöns. Doch kaum sassen wir in seinem Wohnzimmer, als er von der Redaktorin einer esoterischen Zeitschrift erzählte, die gleichzeitig ein Medium war. Sie habe ihn wissen lassen, dass er telepathisch mit ihr Kontakt aufnehmen soll, falls er wünsche, dass in der Zeitschrift etwas über ihn geschrieben werde. Aber auf solche Spielereien lasse er sich nie ein. Dies habe mit ihm und seiner Arbeit absolut nichts zu tun, erklärte er mit fester Stimme.
Ich fühlte mich ertappt und gleichzeitig beschenkt mit einem kleinen Wunder, das ich so nicht erwartet hatte.
Was war deine Motivation, dieses Buch herauszugeben?
Viele Menschen haben mich gefragt, ob es Meister, wie ich sie in meinem Buch Im Land der Stille erwähnt habe oder wie sie in Yoganandas Autobiographie eines Yogi zu finden sind, wirklich gibt. Wir kennen Meister mit übernatürlichen Fähigkeiten praktisch nur aus dem Osten. Ich sprach nie darüber, doch nach jenem Buch wuchs das Bedürfnis, über übernatürliche Ausdrucksformen zu sprechen und aufzuzeigen, dass es diese wirklich gibt, hier und heute erlebbar! An Seminaren spreche ich oft vom universellen Meister. Was das heisst, bleibt meist abstrakt. Jeder Mensch ist unbegrenzt, und das neue Buch lässt den Leser diese universelle Dimension miterleben. Jeder kann in sich das Meisterhafte entdecken.
Als ich die Berichte las, bekam ich den Eindruck, du seiest mit deinen Schülern gut vernetzt, auch ohne Handy und Internet. Wenn du gebraucht wirst, dich jemand um Hilfe ruft, bist du da. Wie geht das?
Vernetzt ist nicht der richtige Ausdruck, das klingt wie verhängt. Das ist es mit Sicherheit nicht. Doch mehrere hundert Menschen stehen mit mir in innerer Kommunikation. Der erwachende Mensch ist wirklich unbegrenzt, doch das Unbegrenzte ist und bleibt unpersönlich! Die universelle Lichtkraft gehört nicht dir oder mir, sie ist die Essenz, die Grundlage des gesamten Daseins! Da ist keine Persönlichkeit, die gibt und nimmt. Wenn Menschen, die bereits mehrere Jahre an meinen Zusammenkünften teilnehmen, an mich denken, erhalten sie eine innere Antwort oder Hilfe. Echte Hilfe ist heilig, Heiligung.
Menschen, die zu mir kommen, kommen zu sich selbst. Ein Meister, der Schüler anzieht und festhält, ist für mich kein Meister. Ich tue das, was ich mache, weil ich nichts anderes tun kann, und was ich tue, ist nicht wichtiger als irgendeine andere Tätigkeit.
Entlarvst du mich?
Entlarven ist, eine Maske zu entfernen. Das scheint mir eine gute Sache zu sein, denn sie hilft dir, dein wahres Gesicht zu entdecken! (lacht laut und herzlich)
Immer wieder finden sich Beispiele dafür, was du im Leben der Menschen um dich alles für unglaubliche Dinge bewirkt hast. Heilungen auf physischer und psychischer Ebene. Wann setzt du aussergewöhnliche Fähigkeiten ein und zu welchem Zweck?
Es gibt weder ein «Wann», noch einen «Zweck». Solche tief greifenden Erfahrungen geschehen spontan und genau dann, wenn ein Mensch wirklich bereit ist, tief in sein eigenes Leben zu schauen. Das ist nicht immer angenehm.
Ich habe keine Fähigkeiten. «Es» drückt das aus, was in meiner Seele ist. Wenn eine Handbewegung ein Gewitter stoppt, ist das für mich nichts Besonderes, doch für die meisten Menschen absolut nicht nachvollziehbar. Solche Begebenheiten konstellieren sich, wenn für einen Einzelnen oder eine Gruppe eine tiefe Belehrung ansteht.
Es gibt also jemanden im Westen, der diese Stufe realisiert hat. Sonst kenne ich hier keinen. Anderen Meistern hinke ich weit hinterher, denn ich habe keinen Ashram, kein Zentrum. Es ist so schön, normal zu sein.
Im Leben geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht nur darum, klar zu sein. Wir sind diesbezüglich in einem Wahn. Streben nach so viel, statt einfach uns selbst zu sein.
Was steht hinter der Macht eines Meisters? Was bewegt ihn?
Das Wort Macht möchte ich in dem Zusammenhang ausschliessen. Der wahre Meister ist das Kosmische, das Ungeformte, unbegrenzte Kraft. Der Meister ist kein Individuum, keine Person, kein Körper, sondern die untrennbare Verkörperung der Totalität. Die von ihm ausstrahlende Kraft ist Erlösung, sie bewirkt Erlösung für das scheinbar Unerlöste und Genesung für das scheinbar Kranke. Bewegung ist in einem tiefen Sinn Offenbarung.
Das bewegt dich?
Ja, es bewegt mich zutiefst. Die Sonne denkt nicht, sie müsse das Eis schmelzen lassen. Das Eis schmilzt von alleine, wenn es in der Sonne ist.
Also geschieht Erlösung einfach?
Genau, doch Erlösung geschieht nicht, Erlösung ist. Wenn Licht in die Dunkelheit scheint, dann ist keine Dunkelheit mehr, also ist Dunkelheit nur Absenz von Licht.
Dein Buch gab mir das Gefühl, dich zu brauchen, um frei zu werden. Was kann ich ohne Meister tun?
Wir brauchen einander. Niemand hat so etwas wie eine eigene unabhängige Existenz. Das Ego denkt, «ich kann alles alleine, ich brauche niemanden, ich will keine Hilfe». Diese Einstellung ist eine weit verbreitete Krankheit. Wir alle brauchen Hilfe! Was wir vor allem lernen müssen, ist, sie auch wirklich mit offenen Herzen anzunehmen.
Meine Hilfe führt immer zu Selbsthilfe. In diesen Momenten der Hilfe geschieht zwischen dem Helfer und dem Geholfenen eine tiefe Berührung im Herzen. Doch lasse ich mich nicht missbrauchen. Meine nüchterne Spontaneität erschreckt viele Menschen. So sehe ich auch, dass viele Menschen mit völlig falschen Vorstellungen an meine Zusammenkünfte kommen und dann konsterniert sind, weil ich ihr Ego nicht umwerbe.
Suche nicht, finde heraus, wer du wirklich bist, forderst du die Menschen auf, die dich aufsuchen. Wie kann ich das herausfinden mit und ohne Meister? Kannst du mir einen Hinweis geben?
Ein Hinweis bringt nichts. Es geht nicht um Glauben, sondern um die Einsicht, was Glauben an sich ist. Es geht nicht um Wissen, sondern um die Einsicht, was Wissen an sich ist. Der Meister ist das Licht, in dem sich alle Fragen auflösen.
Mein Verstand möchte immer wieder Rezepte und Tipps.
Dann musst du in eine Kochschule. Ich nehme im Gegenteil alle Rezepte weg. Wer ein Rezept will, bleibt nicht lange bei mir, der flieht. Die meisten Belehrungen sind Futter für das Mentale, welches glaubt, es könne alles verstehen. Das mentale Wesen ist blind. Es meint, von A nach B etwas zu verstehen, aber es sieht nicht. Das Wesen des universellen Menschen ist reine unmittelbare intuitive Wahrnehmung ohne jegliche lineare Bewegung. Absolut spontan, unvorhergesehen. Dies ist die Dimension der wahren Wunder. Meine Zusammenkünfte sind nicht für den Verstand, deswegen sind die erlösenden Eindrücke, die sie hinterlassen, überwältigend und dies, ohne dass man sich an Konkretes erinnert. Ein guter Wanderer hinterlässt keine Spuren!
Wenn eine immer grössere Menschenmenge bei dir Hilfe sucht, wird das nicht problematisch?
Nein, es ist ja keine persönliche Hilfe. Das gewaltige ausstrahlende Licht ist der Erlöser, der Heiler. Nicht ich bestimme, wie viele Menschen kommen und gehen, sondern das universelle Licht.
Du arbeitest mit den Menschen in so genannten inneren Kreisen. Was vermittelst du da?
Der Meister hat die Möglichkeit, den Menschen etwas zu schenken, etwas zu sagen, das sie zur unmittelbaren Realisation führt. Die inneren Kreise sind die konkrete Vertiefung dieser spirituellen Arbeit. Da ist nichts Esoterisches, nichts Abgehobenes, Romantisches oder Geheimes!
Weshalb bleiben wir so oft, so lange stecken?
Dunkelheit kann nicht Dunkelheit löschen. Die Kernkräfte der Unwissenheit werden nicht durch das Sammeln von Wissen und Information gelöscht, auch nicht durch Übungen, Rituale und Meditationen. Morgenröte offenbart sich erst, wenn die Nacht vorbei ist, die Nacht des falschen Sehens und Verstehens. Morgenröte ist völlig anders, als man denkt. Man entdeckt etwas jenseits der Sinne und des Verstehens, man nimmt plötzlich intuitiv wahr, was man wirklich nicht ist. Dieses reine Gewahrsein ist der Quell der universellen Liebe.
Danke für das Gespräch.
Es wurde ein heiterer, bereichernder Nachmittag. Als ich kurz darauf Mario Manteses Zusammenkunft in Zürich besuchte, war der Saal in der Paulusakademie proppenvoll, mit gegen 400 Menschen, die tief berührt, verwirrt, erheitert und erhellt wurden.
Literatur: Licht einer grossen Seele und Im Land der Stille, beide im Drei Eichen Verlag, Hammelburg.
Kontakt: www.mariomantese.com oder Renate Schmidlin, Grafschaftstr. 2, 8154 Oberglatt
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 65 Herbst 2002
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