Was ist Liebe?
Von SPUREN

Liebe ist schwer positiv zu fassen. Sie ist weder Abhängigkeit noch Bindung oder Besitz, hat nichts zu tun mit Eifersucht und Verlangen. Entgegen allen Ideen hat sie wenig mit Sex zu tun. Positiv ausgedrückt ist sie die universelle Kraft, die unabhängig von uns Menschen existiert. Sie hat die Tendenz, sich durch uns auszudrücken, sofern wir nicht ich-besetzt sind.
Ihr Ausdruck ist Güte, Erbarmen, Mitgefühl, Respekt und Verlässlichkeit. Die Vorstellung, Liebe sei ein schönes Gefühl, das wir selbst produzieren, stimmt nicht. Tatsächlich ist sie eine grosse Verantwortung.
Ohne Liebe hat dein Leben keine Bedeutung. Sobald sie aber da ist, leuchtet alles von Sinn und Schönheit. Alle Suche zielt darauf hin, sie zu finden. Wer sie findet, ist begnadet. Du kannst nichts dazu tun, und trotzdem wird sie nicht kommen, wenn du dich nicht nach ihr streckst.
Liebe hat viel damit zu tun, dass das, was einer sagt, tut und meint, miteinander übereinstimmt, mit Selbsterkenntnis. Nicht, dass dies Liebe hervorbringt, wenn einer sein Haus bestellt. Aber, wer es tut, den wird die Liebe finden.
Sie ist vor allem ein Tun. Sie zeigt sich in Wahrhaftigkeit, in Gerechtigkeit, im fairen, zuvorkommenden Handeln. Sie ist grosszügig, achtsam und aufs Ganze bezogen. Sie kümmert sich. Sie ist still, bescheiden und herzlich. Sie lässt sich weder zwingen, noch zwingt sie. Sie hat unendlich viele Qualitäten. Alle edlen Tugenden, zum Beispiel Wahrheit, Stille, Demut, Freude, Schönheit, Gelassenheit, Frieden, sind bestimmt in ihr enthalten.
Was die Liebe ist, fragst du? Ich könnte es nicht sagen. Sie ist ein grosses Geheimnis. Sie ist fast ausgestorben unter den Menschen und doch allgegenwärtig.

Samuel Widmer Nicolet ist Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitbegründer der Gemeinschaftsbewegung Kirschblüte und Vater von elf Kindern – fünf mit Ehefrau Daniéle, vier mit der zweiten Lebenspartnerin Marianne. www.samuel-widmer.ch



image
Als ich vor einigen Jahren mit Naked Voice nach Chloe Goodchild in Kontakt kam, habe ich neben vielen traditionellen Mantren und Chants auch eines in englischer Sprache gelernt. Kurz, bündig und sehr wirkungsvoll lautet der Text: «How I love you». Dass ich mit diesem Lied auf so viele innere Widerstände stossen würde, hätte ich nicht gedacht. Solch esoterisches Zeugs und dann noch mit ausgestreckten Armen, lächelnd mit roten Wangen, leuchtenden Augen und schräger Kopfhaltung. Ich hätte im Erdboden versinken können.
Heute liebe ich es, dieses einfache und kraftvolle Lied allein oder gemeinsam mit einer Gruppe anzustimmen. Dazu eine kleine Geschichte aus den Singgruppen, die ich gemeinsam mit einem guten Freund leite: Nach zwei Stunden gemeinsamen Mantren- und Chants-Singens stimmten wir «How I love you» an. Ich empfahl, es mit geschlossenen Augen und zuerst nur ganz für sich selbst zu singen. Irgendwann öffneten wir die Augen und sangen diese Liebeserklärung unseren Mitsingenden zu. Worauf sich Herzen und Arme öffneten. Ein liebeslustiger Chor mit viel Freude und tiefer innerer Berührung.
Später begannen wir, das Lied in Schweizerdeutsch zu singen «Wiä liäb ich dich». Eine neue Herausforderung! Bis wir bei der Version landeten: «Wiä liäb ich mich». Gegenseitig haben wir uns nun also besungen, wie sehr wir uns selber lieben. Das war der Punkt! Darum geht’s doch! Es war eine wahre Freude, die vielen strahlenden Gesichter zu sehen, leuchtende Augen, die Wonne, der Schalk und das wunderbare Gefühl für die Eigenliebe.

Nanina Ghelfi, Sängerin, Mutter und Naked-Voice-Lehrerin leitet regelmässig Stimmworkshops im Zürcher Oberland. www.klangfeld.ch



image
Liebe ist das zentrale Thema der Sufis. Liebe als «rahma», Mitgefühl, Güte, hängt mit dem Wort für Mutterschoss zusammen und ist wie die Liebe der Mutter mitfühlende, zärtliche, nährende Liebe. «Hubb, mahabba» ist wie die Liebe zwischen Partnern, Eltern und Kind, Freundschaft, Zuneigung, Freude aneinander. «´Ishq» ist leidenschaftliche Liebe, völliges Aufgehen im Objekt der Liebe, die göttliche Liebe für dich, die zu empfangen du geschaffen wurdest. Eine Form von «´ishq» ist die Schwerkraft, die nicht anders ist als die Kraft, die das Herz der Liebenden zum Geliebten zieht. Fühle im Gewicht deines Körpers, wie er gegen die Erde drückt, die Wirklichkeit von «´ishq».
Ein bekanntes Bild für Liebe ist das vom Falter und der Kerze. Der Falter wird vom Licht angezogen. Je näher er kommt, desto ekstatischer schwirrt er um die Kerze herum. Schliesslich taucht er in die Flamme ein. Ahmad Ghazali sagt: «Wer kann über die Liebe sprechen? Die Menschen am Ufer mögen über den Ozean sprechen, aber was wissen sie von seinen Tiefen? Wer im Ozean ertrunken ist, kennt seine Tiefen, doch was kann er sagen?»
Gedanken und Worte über die Liebe bleiben im Denken, doch um die Liebe zu erfahren, muss das Herz erwachen. Wenn echte Liebe im Herzen erwacht ist, wird sie zum tragenden Wert, der alle Beziehungen bestimmt, menschliche und göttliche.

Pir Zia, der Pir des Internationalen Sufi-Ordens, lebt in den USA und leitet jedes Jahr Meditationswochen im Tessin.
www.zenithinstitute.com oder Tel. 0033 1472 84846.

Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 88 weitere Aussagen von der Schamanin Sonia Emilia Roppele, dem Lakota-Heiler Egan Butch Artichoker, der Trantra-Lehrerin Daniele Kirchmair-Neuses und dem ehemaligen Jesuitenpater Lukas Niederberger.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 88 Sommer 2008

© SPUREN

SPUREN - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch

| Home |