Schwarze Löcher
Von Christine Steiger

Ich weiss gar nicht, warum viele Leute Angst haben, dass das Cern schwarze Löcher produzieren könnte. Wir sind doch schon von schwarzen Löchern umgeben. Täglich geht die Welt unter und wird flugs durch eine neue ersetzt. Die Welt, sagen wir dann, ist nicht mehr dieselbe wie früher. Ja, so ist es! Die Vergangenheit verschwindet in einem schwarzen Loch und mit ihr Menschen, Häuser, Landschaften.

Hin und wieder wird der nächste Weltuntergang prophezeit, während wir gerade mal wieder am untergehen sind und nichts davon mitbekommen. Dabei hört man die schwarzen Löcher schlürfen und schmatzen, wenn sie verschlucken, was uns mal am Herzen lag. Ideale zum Beispiel. Visionen von mehr Gerechtigkeit und gleichen Chancen für alle Menschen. Wertvorstellungen knacken sie wie Nüsse und lassen uns bloss noch die Schalen übrig. Wie überhaupt die Entsorgung alter Welten noch Probleme bereitet. Schwarze Löcher mögen keinen Abfall. Den lassen sie einfach liegen. Offenbar sind sie Schleckmäuler und achten auf Qualität. Darum nimmt letztere auch so ab.

Vielleicht haben wir nur darum Angst vor den schwarzen Löchern, weil wir sie selber sind. Die Welt verschwindet in unserem gefrässigen Schlund, bis sie mit einem gewaltigen Rülpser neu entsteht. Letzteres wird dann Urknall genannt. Und danach suchen sie in Genf. Dabei haben wir alle einen Knall. Sozusagen seit Urzeiten.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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