Übersinnliche Logik
Von Christine Steiger

Jeder kennt die Geschichten von Menschen, die bewusstlos auf dem Operationstisch liegen – und trotzdem mehr sehen und hören als sonst. Sie schweben körperlos unter der Decke und liefern nach dem Erwachen aus der Narkose einen detailgetreuen Bericht des Geschehens. Fast würde ich sagen, man hat sich schon daran gewöhnt, dass die Wahrnehmung der Realität nicht unbedingt ausgeschaltet sein muss, wenn man selbst scheinbar ausser Betrieb gesetzt wurde.

Viel erstaunlicher finde ich die Geschichte eines jungen Mannes, der sich nach einem Autounfall bewusstlos in einem Rettungswagen wieder fand, wo er von oben auf seinen leblosen Körper hinunterschaute. Er bekam alles mit, die Dialoge, die Behandlung, und sah während der Fahrt ins Spital durch ein Fenster die Häuser, an denen sie vorbeikamen. So weit ist alles, wie gehabt. Aber jetzt kommt es! Das Fenster in dem Krankenwagen existierte gar nicht. Was davor und dahinter zu sehen war dagegen schon.

Aha, werden jetzt die eingefleischten Rationalisten sagen, es handelt sich eben nur um Halluzinationen.

Oh je, werden dagegen die Gläubigen einräumen, so verlässlich sind diese Wahrnehmungen offenbar halt doch nicht.

Das sind sie allerdings in der Realität oft auch nicht. Man muss nur Zeugen eines Unfalls befragen. Da sieht jeder etwas anderes. Aber darum geht es hier nicht. Mich fasziniert, dass das Bewusstsein dem Betrachter mit dem imaginierten Fensterchen scheinbar ein logisches Argument lieferte, «warum» er etwas sehen konnte, was er doch eigentlich gar nicht hätte sehen können. Wer sieht schon im Alltag durch feste Wände?

Ja hallo! Warum macht das Bewusstsein so etwas? Oder setzt sich der Mensch selbst die Grenzen, die seine Wahrnehmung nicht überschreiten darf? Mit Hilfe der rationalen Logik, die er sich sein Leben hindurch aneignete? Und was geschieht, wenn man sich dieser Logik entledigt? Letzteres ist allerdings nicht so einfach, sonst würde sie sich wahrscheinlich nicht noch in bewusstlosem Zustand durchsetzen.

Die Geschichte mit dem imaginären Fenster fand ich übrigens in einem sehr lesenswerten Buch über Nahtoderfahrung und Bewusstseinsreisen: «Das innere Land» von Joachim Faulstich (Knaur), der sie ihrerseits aus einem anderen Buch zitierte: «An der Schwelle zum Jenseits» von Peter Dinzelbacher (Bauer).

Womit ich sie hiermit ebenfalls weitergebe, in der Hoffnung, dass sich in meiner Wahrnehmung des Textes keine Imaginationen eingeschlichen haben.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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