Wer kennt das Klischee von der kreischenden Hausfrau nicht, die in wilder Panik vor einer Maus auf den Küchenschemel flüchtet? Viele Menschen sind sich jedoch nicht bewusst, wie Phobien das Leben von Betroffenen beeinträchtigen, was in schweren Fällen wie etwa von Agoraphobie (Angst vor weiten Räumen) zur völligen Isolation in den eigenen vier Wänden führen kann. Schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung leiden an spezifischen Phobien. Verbreitet sind übermässige Angstreaktionen vor Tieren (Insekten, Schlangen, Hunden), vor Umweltsituationen wie Stürmen und Gewittern sowie Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen). Phobische Personen vermeiden oft jahrelang Liftfahrten, Tunnels und Brücken, das Sprechen in der Öffentlichkeit, Besuche in überfüllten Kinos und manchmal so seltsame Dinge wie Wanderungen in offenem Gelände aus Furcht vor herabstürzenden Satelliten – genannt Keraunothentophobie.
Was Ängste anbelangt, gibt es nichts, was es nicht gibt. Die bekannteste Behandlungsform bei Phobien ist die kognitive Verhaltenstherapie. Doch auch andere Methoden sind geeignet.
Da ich seit meiner Kindheit mit einer Spinnenphobie «gesegnet» bin, zu der sich in meiner Jugend zusätzlich eine Höhenangst gesellte, habe ich drei Therapien ausprobiert.
Alle drei Methoden richten den Fokus nicht auf traumatische Ursachen der Vergangenheit, sondern berücksichtigen Ergebnisse der Hirnforschung.
Von Alpha zu Theta
Als Erstes lerne ich das Neurofeedback kennen. Ich treffe Cathy Frischknecht in Pfungen bei Winterthur. Während ich ihr von meinen beiden Phobien berichte, schweift mein Blick auf eine Postkarte an der Wand, auf der ein Delfin abgebildet ist. Cathy lächelt. «Die Karte hat mir eine Klientin geschickt, die unter Flugangst litt. Nach den Neurofeedback-Sitzungen reiste sie nach Florida.» Das klingt schon mal verheissungsvoll, denke ich und lasse mich von Cathy in den Behandlungsraum führen.
Ich setze mich auf den Sessel, der vor einem Computerbildschirm steht, und Cathy bringt Elektroden an meinem Kopf an, die meine Hirnwellen aufzeichnen werden. Sie erklärt mir den Unterschied zwischen Alpha-, Beta-, Delta- und Thetawellen. Dann blendet sie einen Film ein: Ein Flug übers Gebirge. Ich folge der Bewegung der Maschine, und obwohl ich mich hier im Praxisraum sicher wähne, schlagen meine Hirnwellen alle paar Sekunden in Richtung Stress aus. Die Folge davon ist, dass der Film für einen Moment stoppt. Ich empfinde das als unangenehm, und genau darum geht es.
«Neurofeedback arbeitet mit einem Belohnungssystem», erklärt Cathy. «Das Hirn möchte diese Filmunterbrüche verhindern, um einen kontinuierlichen Ablauf zu sehen, und produziert aus diesem Grund mehr Alpha-Wellen, die zu Entspannung führen.» Tatsächlich, ich merke, wie ich zusehends ruhiger werde, und als Cathy Frischknecht nach Ende des Films die Aufzeichnungen der Hirnwellen abspielt, erkenne ich das auch grafisch auf der Skala.
Neurofeedback ist geeignet bei Schlafstörungen, Migräne, chronischen Schmerzen, Lernschwierigkeiten und vielem mehr. Eine Besserung kann schon nach wenigen Sitzungen eintreten, manchmal sind aber auch bis zu zwanzig Trainingseinheiten nötig. Das Hirn lernt in dieser Zeit, «breite Autobahnen der immer gleichen Abläufe» – wozu auch Phobien gehören – zu verlassen und sich stattdessen neue Wege zu suchen.
Bilder und Düfte
Neurolinguistisches Programmieren ist die zweite Methode meiner Wahl. Brigitta Fischer, die in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich tätig ist, bietet nebst NLP auch Kinesiologie und Touch for Health an. Gleich am Anfang fragt sie mich, ob meine Phobien auch etwas Positives an sich haben. Das überrascht mich, bin ich doch bis jetzt immer davon ausgegangen, dass sie mich behindern, einengen und in peinliche Situationen bringen.
Nach wenigen Sekunden meldet sich in mir aber die Antwort: «Ohne diese Einschränkungen wäre ich hyperaktiv und käme nie zur Ruhe.» Wie bitte? Ich bin über mich selber erstaunt. Und so geht es weiter. Brigitta lässt den Teil in mir zu Wort kommen, der mit störenden, aber scheinbar wirksamen Mitteln versucht, mich vor übertriebener Aktivität zu schützen. Es entsteht ein Dialog, bei dem ich erkenne, dass hinter den «lästigen Symptomen» gute Absichten stehen können. Während dieses Zwiegesprächs fragt Brigitta nach Einzelheiten dieses Teils: «Wie sieht er aus? Welche Farbe hat er? Wie riecht er?»
Die Bilder entstehen schnell in mir, offensichtlich bin ich ein visueller Typ. Jetzt fordert mich Brigitta Fischer auf, in Gedanken über jenen Berggrat zu gehen, bei dem damals meine Höhenangst entstand. Ich sehe die klaffenden Abgründe links und rechts von mir so genau, als wäre ich dort. Doch je mehr sich das anfangs düstere Wesen der Phobie verwandelt, desto leichter gelange ich über den Grat. Am Schluss ist aus dem dunklen Teil eine helle Kugel geworden, die mir in künftigen Situationen beistehen wird.
Klopf, klopf
Nach meinem Ausflug in schwindelerregende Höhen geht’s jetzt um die Spinnen. Ich entscheide mich für eine EFT-Sitzung. Die «Emotional Freedom Technique» ist eine Klopfakupunktur entlang der Körpermeridiane, welche die Chinesische Medizin mit westlichen Ansätzen kombiniert. Anke Hintermann, die mit ihrem Mann André in Zürich eine Praxis führt, leitet auch Kurse in Familienaufstellungen und Coaching. Zu meinem Schrecken holt sie Fotos von riesigen Spinnen hervor – solche der dickbauchigen, haarigen Art, wie sie in billigen Horrorfilmen vorkommen – und stellt sie vor mich hin. Mein Körper meldet sich sofort mit Ekelgefühlen. Anke Hintermann klopft nun auf meine Gesichts- und Hand-Meridianpunkte und begleitet mich sorgfältig durch die Gefühlsschichten, während ich mich dem überdimensionalen achtbeinigen Tier annähere.
Anfreunden wäre noch etwas zu viel gesagt, aber nachdem ich das Bild eine halbe Stunde lang betrachtet habe und währenddessen «beklopft» wurde, hat sich der anfängliche Widerwille in Richtung Entspannung verschoben. Ich kann das Spinnenbild betrachten, ohne mich abwenden zu müssen. «In einer weiteren Sitzung würden wir mit einer lebenden Spinne arbeiten», sagt Anke Hintermann. «Oft hilft aber eine einzige EFT-Stunde. Denn das Hirn kann zwischen einer Abbildung und einem realen Tier nicht unterscheiden. Die Gelassenheit, die Sie jetzt fühlen, werden Sie auch bei einer echten Begegnung haben.» Fast wünsche ich, irgendwo in einer Ecke des Praxiszimmers eine Spinne zu erblicken, um zu erfahren, dass sie mich nicht mehr zu Tode erschrecken kann. Leider entdecke ich keine.
Aussichten
Nach diesen drei ausprobierten Methoden ängstigen mich Höhen und Spinnen etwas weniger. Wie es in einer «realen Situation» sein wird, welche Therapieform schlussendlich gewirkt hat (waren es vielleicht alle drei?) oder ob es noch ein paar weitere Sitzungen bräuchte, weiss ich jetzt noch nicht. Ich weiss nur, dass auch jahrelang mitgeschleppte Phobien eine Chance haben, sich abzuschwächen. Meinem nicht ganz ernst gemeinten Fernziel, mit einer Vogelspinne auf der Hand auf den Eiffelturm zu klettern, bin ich jedenfalls ein Schrittchen näher gekommen.
Neurofeedback: Cathy Frischknecht, Pfungen, Tel. 052 301 00 77, www.changewaves.ch
NLP: Brigitta Fischer, Zürich, Tel. 078 680 20 25, www.fischerin.ch
EFT: Anke und André Hintermann, Zürich, Tel. 043 211 04 23, www.2hintermann.ch
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 90 Winter 2009
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