Was ist an Angst löblich? Sie ist doch furchtbar, und ausserdem ist Angst, wie es so schön heisst, «ein schlechter Ratgeber». Letzteres bezweifle ich aber immer mehr. Am meisten Angst machen mir nämlich Menschen, die keine Angst haben. Ich möchte das gerne erklären, aber dazu muss ich ein wenig ausholen: Gewisse Angsterkrankungen therapiert man beispielsweise, indem man die Betroffenen «desensibilisiert».
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: «Desensibilisierung». Es heisst nichts anderes, als dass auf eine «Unempfindlichkeit» hingearbeitet wird. Wer Höhenangst hat, muss den steilsten Kirchturm erklettern. Wer sich vor Spinnen fürchtet, soll diese streicheln. Wer Menschenmassen meidet, wird mitten ins Gewühl geschickt. Das soll abhärten und immunisieren, eben «desensibilisieren». Eigentlich wird damit den Patienten suggeriert und demonstriert, dass ihre Angst unangebracht ist. «Es passiert dir nichts», lautet die Botschaft.
Klar, ist es einfacher, durchs Leben zu gehen, wenn man beinhart ist, mit Nerven wie Stahl und einem Gemüt aus Stein, und ich vermute schwer, es gibt mehr Menschen von dieser Sorte, als man meint. «Es wird sicher nichts passieren», lautet ihr Credo.
Aber ist das wirklich erstrebenswert? Wäre nicht eine «Sensibilisierung» angebrachter? Damit zum Beispiel risikofreudige Manager von Panikattacken befallen werden, bevor sie uns alle ins Unglück stürzen. Oder damit Banker anfangen zu zittern, wenn sie mit Milliarden jonglieren. Oder Politiker Schweissausbrüche bekommen, wenn sie ihre Soldaten in einen Krieg schicken wollen. Die Angst allzu Mächtiger würde uns vielleicht vor vielem bewahren. Stattdessen spielen sie fröhlich Monopoly und sind derart desensibilisiert, dass sie nicht mehr spüren, was sie anderen Menschen antun.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein
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