Warten
Von Christine Steiger

Ich habe eine Freundin, nach der ich meine Uhr stellen kann. Nicht, weil sie so pünktlich ist, sondern weil sie so unpünktlich ist. Wenn sie ankündigt, sie käme zwischen halb vier und viertel vor vier, kommt sie um vier. Das weiss ich schon und könnte mich eigentlich danach richten. Das heisst, besser wäre es, ich würde einfach meine Uhr nachstellen. Dann käme sie genau zum abgemachten Zeitpunkt. Aber was mache ich, wenn sie wider Erwarten mal pünktlich wäre? Und ich noch nicht bereit? Ich könnte mich ja auch einfach hinsetzen und lesen. Aber irgendwie warte ich innerlich trotzdem. Und das Warten macht mich nervös. Es besetzt mich, bevor mich die Freundin besetzt.

Wenn ich aber beginne, voller Vertrauen auf ihre halbstündige Unpünktlichkeit etwas anderes anzupacken, kommt sie garantiert noch später. Dann bin ich wieder gleich weit.

Du blockierst meine Zeit, sage ich. Aber das versteht sie nicht. Sie findet es spiessig. In einer kleinen Essay-Sammlung über das Phänomen des Wartens (Andrea Köhler, «Lange Weile», Insel Verlag) habe ich ein interessantes Zitat gefunden: «Das Wartenlassen ist das Privileg der Mächtigen. In den Chefetagen des Hinhaltens gibt es die, die unsere Zeit unter ihre Aufsicht stellen und sie gefrässig und unbedacht konsumieren. Wer uns warten lässt, zelebriert seine Macht über unsere Lebenszeit, und dass wir nie wissen können, ob er uns nicht aus genau diesem Grund zappeln lässt, gibt dieser Macht die bedrohliche Qualität.»

Ich denke nicht, dass meine Freundin mich extra zappeln lässt. Sie glaubt bloss an die Möglichkeit, die Zeit zu verlängern beziehungsweise daran, dass unendlich Vieles in unendlich wenigen Minuten Platz findet. Aber die Wirkung bleibt dieselbe. Ich bin nicht mehr Herrin meiner Zeit. Andrea Köhler schreibt dazu: «Zum Warten verurteilt sein, ist also ein Fluch, und wer ihn verhängt, hat uns in der Hand. Jemand – eine Person, eine Institution - zwingt uns ein fremdes Zeitmass auf, und das Bedrückende daran ist das Ausgeliefertsein unserer Empfindungszeit an eine fremde Regie. Warten ist Ohnmacht, und dass wir den Zustand nicht selber zu ändern vermögen eine Demütigung, die die Welt vorübergehend in eine Schieflage bringt. Deshalb hat der Wartende oft das Gefühl, ins Unrecht gesetzt worden zu sein, bestraft zu werden für etwas, das er nicht kennt. Er sitzt im Warten wie unter Schlägen. Es ist diese passive Haltung, das Gefühl des Verurteiltseins, das den Schmerz und die Scham des Wartens über uns bringt.»

Das ist etwas dramatisch formuliert. Ich bin ja selbst schuld, wenn ich mich blockieren lasse. Ich könnte die Verabredung ja einfach streichen, wenn die abgemachte Zeit vorüber ist und etwas anderes unternehmen. Spazieren gehen zum Beispiel. Oder den Estrich aufräumen. So würde ich das Läuten an der Tür gar nicht hören. Aber das bringe ich nicht fertig.

Da lobe ich mir meine Katzen. Sie kommen völlig freiwillig pünktlich heim, weil es dann etwas zu fressen gibt. Ob ich meiner Freundin auch ein Futterschüsselchen füllen müsste? Vielleicht wäre das die Lösung.

Mal ausprobieren und dann – abwarten.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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