SPUREN: Ich habe in meinem Umfeld ein bisschen herumgefragt, wer etwas über dich weiss. Das waren nicht allzu viele. Und wenn ich denen eröffnete, dass an diesem Wochenende 1500 Menschen zu dir zum Darshan kommen, dann waren sie bass erstaunt. Du scheinst so etwas wie ein unerkannter Star zu sein.
Mario Mantese: Sieht so aus, ein unerkannter Stern aus einer fernen Galaxie. (lacht) Ich mache keine Werbung und biete weder mich noch mein Hiersein an. Licht braucht sich nicht durch Werbung bekannt zu machen. Wenn in der Dunkelheit ein Licht aufleuchtet, richten sich die Wesen von selbst darauf aus. Sie werden von diesem Licht im Inneren geweckt, berührt und gerufen. Mich lernt man nicht kennen, mich darf man entdecken und dabei sich selbst entdecken. Ich habe noch nie jemanden aufgefordert, zu mir zu kommen, und werde dies auch nie tun.
Und dass du jemanden aufforderst zu gehen, gibt es das?
Das kommt vor.
Geschieht das eher mit einem Tritt oder mit Schulterklopfen?
Wenn ich meinen Fuss heben würde, um einen Tritt zu geben, geriete ich aus dem Gleichgewicht und fiele um. (lacht) Nein, so geht das nicht. Aber ich fordere Menschen auf, die zu mir kommen wollen, vorab drei Tage lang nicht zu rauchen, kein Fleisch zu essen und keinen Alkohol zu trinken. Wer sich nicht daran hält, bei dem kann es schon mal passieren, dass wir das Eintrittsgeld zurückgeben und sie oder ihn wegweisen.
Solche Forderungen sind doch die Grundsteine des Religionsbetriebs, wie wir ihn kennen.
Damit kenne ich mich nicht aus, und es interessiert mich nicht. Glauben ist immer etwas Subjektives und Ausgrenzendes. Zu mir kommen alle aus sämtlichen Glaubensrichtungen, und bei mir sind auch homosexuelle Männer und lesbische Frauen sehr herzlich willkommen. Ich spreche auch von Gott, aber das Wort Gott an sich interessiert mich kaum. Mein Gewahrsein gilt dem, was hinter dem Wort ist. In dem Moment, wo ich über Gott und christliche Religion spreche, schliesse ich die anderen viereinhalb Milliarden Menschen, die nicht Christen sind, aus, das möchte ich nicht. Deshalb gehe ich sehr behutsam mit Worten um.
Der Verzicht von Fleisch, Alkohol und Tabak hat nichts mit Glauben oder einem Dogma zu tun, sondern beruht bezüglich unserer spirituellen Arbeit zum Teil auch auf wissenschaftlicher Erkenntnis. Doch wer das Fleisch von Tieren, die in einem Schlachthof oder anderswo getötet wurden, isst, der nimmt auch die Angst, das Adrenalin und noch viele andere feinstoffliche Informationen in sich auf. Sie werden vom Essenden und Verdauenden einverleibt, im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Respekt für alle Lebewesen sollte tief sein und Moral und Ethik überschreiten. Sich der absoluten Einheit des Lebens gewahr zu sein, nennt man Erwachen. Lebewesen kein Leid und kein Leiden zufügen ist nichts Besonderes, sondern menschliche Normalität. Dumpfheit überwinden, nennt man Spiritualität!
Das klingt nach einer buddhistischen Linie.
Ich bin kein Buddhist und kenne keine Linie! Buddhisten bedauere ich fast ein bisschen, ich finde es bedenklich, dass sich laut ihrer Lehre Lebewesen während Jahrmillionen durch eine Abfolge von unendlich vielen Inkarnationen hocharbeiten müssen, vom Goldhamster zum Buddha – schrecklich, nicht wahr! Ich frage mich, ob wir zuerst nichts waren, bevor wir jemand oder etwas geworden sind, und ob wir am Schluss wieder nichts werden.
Buddha ist Selbstverwirklichung, und Selbstverwirklichung ist hier und jetzt. Wer sich in Zeitabläufe verstrickt, wandert, wer den Wanderer durchschaut, hört auf zu werden und zu sein.
Dennoch hast du eine Grundbotschaft, dass wir nicht das sind, was wir zu sein scheinen.
Das ist keine Botschaft. Ich spreche von einer inneren universellen Wissenschaft, deren Erkenntnisse dir genauso offenstehen wie mir. Wir sind scheinbar im Körper, doch sind wir dieser Körper wirklich? Ohne Körper können wir uns nicht erhalten. Der Körper ist da, aber er ist bloss ein Instrument von etwas Tieferem. Wir erleben uns in diesen Momenten in einem Ausschnitt des Wachzustandes; doch wenn du tiefer in dich eingehst, entdeckst du, dass es diesen Wachzustand gar nicht gibt. Dies zu realisieren nennt man Erwachen.
Ist das Erleuchtung? Erleuchtung ist doch das Langweiligste überhaupt! Warum? Es heisst «Er- leuchtet», nicht «Ich- leuchtet». Das bedeutet, dass du und ich von der Erleuchtung nichts haben, da Erleuchtung eine Erfahrung ohne einen Erfahrenden ist. Deshalb brauchen wir uns nicht um Erleuchtung zu kümmern. Ist doch schön, oder?
Die Schatten in deinem Leben sind dem Licht gewichen. Ausgerechnet ein Messerstich und damit verbunden ein Nahtoderlebnis haben das ausgelöst. Braucht es zum Erwachen denn derart drastische Erlebnisse?
Nein, sicher nicht. Aber scheinbar bin ich ein Schwerenöter, dass ich es auf die Weise erleben musste. Das Nahtoderlebnis war bei mir jedoch erst der Anfang. Mir war danach klar geworden, wie oberflächlich mein Leben bis zu diesem Wendepunkt gewesen war. Die entscheidende Einsicht in meinem Todeserlebnis war, «dass mein Leben nie an den Körper, an die physische Existenz gebunden war und ich ewig bin».
Erwachen kann jeder, das ist nichts Besonderes, und es hat nichts mit Religion oder mit spirituellen Übungen zu tun. Wenn man meditiert, gelingt es vielleicht, die Gedanken beiseitezuschieben und den Atem zu kontrollieren. Dadurch entsteht in dir eine Ruhe, die aber nicht die grosse Stille ist. Diese Ruhe wurde durch Kontrolle erzeugt und ist somit eine subjektive Erfahrung. Statt stundenlang rumzusitzen und zu meditieren, empfehle ich: Schenke diese kostbare Zeit deiner Familie und deinen Kindern, kümmere dich umfassend um ihr Wohlergehen und mystifiziere dein Tun nicht! Falls ich eine Botschaft habe, so ist es diese.
Selbst einer wie ich, der körperlich behindert ist, kann frei sein. Das ist ein Trost für behinderte und kranke Menschen, zumindest hoffe ich es. Die Menschen, die mich kennen, sehen, dass ich mit diesem Körper täglich viel Schwieriges erlebe und durchlebe, aber ich jammere nie.
Folgst du bei dem, was du tust, einer Berufung?
Ich finde das mit dem Berufen-Sein trivial. Ich bin einfach hier. Ich tue das, was ich bin, doch das, was ich bin, war nie aktiv. Mit einer Berufung nimmt man sich selbst wichtig und spaltet sich von den Menschen ab, die nicht berufen sind – also, nein danke. Je klarer ein Mensch der Einfachheit seines Hierseins gewahr wird, desto klarer sieht er, was er nicht ist. Daraus entsteht der Raum für das, was er tun soll. Was der Mensch in seinem Leben tun kann, gestaltet sich von selbst, wenn Vertrauen und Zuversicht in seinem Herz erblühen.
Viele Menschen haben über all dem esoterischen Plunder, mit dem sie sich beschäftigen, dieses einfache Vertrauen verloren. Sie absolvieren jahrelange Ausbildungen, die zu Einbildungen führen, und sie fragen mich, ob ich dieses oder jenes kenne. Nein, das alles kenne ich nicht, und ich kann dazu auch nicht sagen, ob ich es gut oder nicht gut finde. Soll ich womöglich auch noch sagen, ich sei besser als dieser oder jener? Diese Kinderspiele interessieren mich wahrhaft nicht. Weil ich abwesend bin, bin ich anwesend, das ist alles, was ich dazu sagen kann.
Das ist schon mal nicht schlecht. Wirst du das auch morgen beim Darshan sein?
Morgen gibt es jetzt nicht, keine Ahnung, was morgen sein könnte. Ich bin jetzt, hier, und ich gehe nirgendwo hin, weder morgen noch übermorgen. Also, wird morgen und übermorgen auch jetzt sein. Ich habe aufgehört zu sein – und aufgehört, nicht zu sein, und aufgehört zu kommen und aufgehört zu gehen.
Ist deine Gesundheit denn stabil?
Leider nicht. Mein Körper ist sehr fragil geworden. Gerade 2008 musste ich nach 27 Jahren das erste Mal ernsthaft überlegen, ob ich eine der Zusammenkünfte absagen müsse. Trotz grossen Schwierigkeiten war ich an der Zusammenkunft und für viele Hundert Menschen voll da. Ich bin sehr stabil, der Körper leider nicht mehr.
Musst du dich in solchen Momenten in medizinische Behandlung begeben?
Das nützt nichts. Es sind andere Begebenheiten, welche die Ärzte auch nicht verstehen. Mein Körper funktioniert anders. Er ist reines universelles Licht. Mein Herz schlägt beispielsweise nicht. Mein Herz atmet. Ich war mal in Indien in einem Spital. Da hat der Chefarzt gemeint: «Das ist nicht möglich!» Er holte sämtliche Mitarbeiter, um sich das anzuhören. Ich war damit einverstanden. Und wenn ich in der Schweiz zu Spezialisten gehe, sagen sie das Gleiche: «So etwas haben wir noch nie gehört.» Mein Herz atmet: ein, aus, oder aus, ein, so genau ist mir das nicht klar. (lacht herzlich)
Bedauert hast du dich nicht?
Das sowieso nie. Mein Wesen ist glasklar. Ich habe meine Hände, mit zwar ziemlich unbeweglichen Fingern. Die ersten fünf Jahre nach meiner Rückkehr in die Schweiz hielt ich einen dicken Griffel in der Hand und habe mein erstes Buch mehr gemalt als geschrieben. Das wurde getippt, und es wurde auch ein Verleger gefunden, der es veröffentlichte.
Der Coué-Verein fragte mich Anfang der 80er-Jahre an, ob ich Interesse habe, einen Vortrag zum Thema «Leben nach dem Tod» zu halten. Ich wusste, dass man das meiste von dem, was ich sagen werde, nicht verstehen würde. Meine Zunge, meine Lippen, meine Stimmbänder und der Kiefer waren noch stark gelähmt. Es kamen über 200 Leute, die sehen wollten, was das für einer ist. Ich sagte dem Veranstalter, er solle in der Mitte des Raumes einen Gang nach vorne freihalten. Als die Besucher sich gesetzt hatten, «stoggelte» ich langsam den Gang nach vorne – gehen konnte man dem nicht sagen. Jemand half mir auf die Bühne, ich setzte mich auf einen Stuhl. Ich hörte, wie die Leute tuschelten und sich fragten, ob das wirklich der ist, der den Vortrag hält, der sei ja behindert. Ich sass da und sagte nichts. Ich schaute still die Leute an und wartete. Dann sagte ich: «Genau so ist der Tod. Eure Unsicherheit, eure Kritik und unklaren Gefühle sind die Geburt des Todes.» Nach diesen Worten herrschte Totenstille im Saal. (lacht).
Eine Inderin bezeichnet dich im Buch Licht einer grossen Seele als Seele eines indischen Heiligen in einem westlichen Körper. Was bedeutet Indien für dich?
Alles und nichts! Indien ist ein Land, in dem ich mich mehrere Jahre aufgehalten habe und tiefe Freundschaften hatte. Sie haben inzwischen die Welt verlassen. Was die Menschen über mich denken, ist ihre subjektive Wahrnehmung, die sie von mir haben. Die einen denken: «Ach, schau mal ein Behinderter, ein Armer?» Andere denken, der habe sich mit Drogen zugedröhnt oder er sei betrunken. Ich habe das alles schon gehört. Dann erfahren sie, dass ich ein Buch geschrieben habe. Was, ein Buch? Plötzlich gibt es eine neue Brille, durch die ich gesehen werde. Mal ist er ein Schriftsteller, mal ein Heiliger, mal ein Guru, mal ein Meister. All das bin ich, und all das war ich nie. So ist es.
Das mit dem Meister, das kommt aber von dir?
Nein, das war nicht meine Idee, mich Meister zu nennen, doch es ist richtig. Mein Meister hat mir empfohlen, diesen Titel anzunehmen. Meister M. nimmt Bezug zu meiner spirituellen Arbeit, im Alltag bin ich Mario Mantese. Doch ich bin nicht einmal dieser und dann der andere. Es ist wie beim Licht, man kann es als Welle oder als Partikel betrachten, doch was Licht wirklich ist, weiss niemand! Als kosmischer Meister bin ich keine Autorität, sondern umfassende nicht wissende Kompetenz.
Damit hast du dir ja auch eine Funktion eingehandelt.
Im Bewusstsein der anderen ja, in meinem bewussten Hiersein nicht.
Also kann sich niemand auf dich beziehen und dein Schüler sein.
Nein. Mir hat jemand aus Indien geschrieben, er möchte mein Schüler sein. Ich habe ihm gesagt, dass ich noch nie einen Schüler von mir gesehen habe. Ich würde gerne wissen, wie so einer aussehen soll. Wenn ich Schüler hätte, dann hätten sie mich auch. So würden wir uns in diesem dualistischen Konzept verirren und verlieren. Ich bin das Ende von allem Werden, das Ende von allen Wegen, das Ende von allen Vorstellungen, das bin ich. Schülerlos glücklich!
Auszug aus dem Interview mit Mario Mantese. Das vollständige Interview lesen Sie in SPUREN Nr. 91 – erhältlich am Kiosk oder im Abonnement.
Mario Mantese
Mitte der 70er-Jahre spielte Mario Mantese als Bassist in der Funk-Formation Heatwave, die mit Hits wie Boogie-Night zu Weltruhm gelangte. 1978 wurde er nach dem Verlassen eines Galaabends in London niedergestochen. Ein Messer traf ihn mitten ins Herz. Er war mehrere Minuten klinisch tot; und als er nach fünf Wochen aus dem Koma erwachte, realisierte er, dass er blind, stumm und am ganzen Körper gelähmt war. In dieser Zeit, die ihm wie tausend Jahre vorkam, entdeckte er gewaltige verborgene Kräfte und das unendliche Universum in sich selbst. Dank diesen Einsichten und einem ungeheuren Willen kann Mario Mantese wieder sprechen, sehen und auch gehen. Heute hält er Vorträge und Darshans, in denen er seine Erlebnisse und Einsichten weitergibt.
Kontakt: www.mariomantese.com
Literatur: Im Herzen der Welt – Autobiographie von Meister M (2006), Licht einer grossen Seele (3. Auflage, 2009), Das, was Du wirklich bist (2008). Alle Bücher von Mario Mantese sind erschienen im Drei Eichen Verlag, Hammelburg.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 91 Frühling 2009
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