Tantra ohne Schnickschnack
Von Sabine Schüpbach

Nathalie Delay eröffnet das Seminar: «Guten Tag, ich erkläre euch die Praxis, die wir heute Vormittag üben werden.» Keine weitere Begrüssung, keine Vorstellung ihrer Person oder des zu erwartenden Programms an diesem Wochenende in Rheinfelden bei Basel. Das ist charakteristisch für den Kurs mit Nathalie Delay. Im Zentrum stehen die Praxis, das Üben – und die persönliche Erfahrung der dreissig Teilnehmenden, zu der sie auf glasklare Weise hinführt. Die kleine, schmale Mittvierzigerin ist eine Schülerin des bekannten französischen Lehrers Daniel Odier. Wie er vertritt sie die mystische Tradition des kaschmirischen Shivaismus.
Das ist ein alter tantrischer Weg, der nach Daniel Odier auf «das spontane Erkennen unserer göttlichen oder vollkommenen Essenz» zielt.
Dies alles erklärt Nathalie Delay aber nicht. Sie führt sogleich in die Praxis des Shiva-Tanzes ein, den wir das ganze Wochenende lang üben. Man merkt nicht, dass Nathalie Delay erst seit Kurzem in eigenen Kursen als Lehrerin tätig ist. Sie strahlt Autorität aus. Wenn sie spricht, hält sie den Blick meistens gesenkt. Ihre Ausdrucksweise hat etwas nach innen Gerichtetes, ist sehr ruhig, kompromisslos klar, aber niemals hart. Ich sitze auf meinem Meditationskissen und bin ziemlich schnell glücklich über diese konzentrierte Atmosphäre, die Raum schafft für eine echte Arbeit mit mir selbst. Auch die Umgebung ist unterstützend: Der Kurs findet in der Praxis der Tanzlehrerin und Körpertherapeutin Mona Borer statt, eine einladende alte Wohnung mit Grün und Vogelgezwitscher vor den Fenstern.

Stiller Tanz
Der Shiva-Tanz, «Tandava» genannt, ist eine Meditationsübung – also nicht das, was man unter Tanz herkömmlich versteht. Er beginnt in der sitzenden Meditation. Hier leitet Nathalie Delay dazu an, die subtilen Atembewegungen im Becken wahrzunehmen. Nach und nach wird diese Wahrnehmung auf den ganzen Körper ausgeweitet, bis man schliesslich die Arme dazu nimmt und – von der inneren Bewegtheit geführt – bewegen lässt, im Sitzen und danach lange im Stehen. Auf Geheiss der Kursleiterin setzt man sich schliesslich auf einen Schlag wieder hin und nimmt die Bewegungen in der Stille wahr.
Die ganze Übung dauert im Kurs gut zwei Stunden. Mir persönlich gefällt sie sehr – in ihr kommen für mich meine Meditationspraxis (Vipassana) und meine Tanzpraxis (5 Rhythmen) zusammen. Aber sie ist auch anspruchsvoll, wie andere Meditationen und wie das Leben selbst. Nicht immer gelingt es so leicht, geschehen zu lassen, anstatt aktiv etwas zu tun. Doch es gibt auch an diesem Wochenende Momente, in denen ich mich mit allem verbunden fühle und vielleicht in Kontakt komme mit dem, was der Shiva-Tanz, dieser «Tanz mit der Totalität», mir zeigen will.
Nathalie Delay macht keinen Hehl daraus, dass die ganze Sache ein langer Übungsweg ist. Sie ermutigt dazu, im Shiva-Tanz das unvermeidbare innerliche Hin- und Herpendeln zwischen «aktiv Tanzen» und «getanzt werden» einfach ruhig wahrzunehmen. Die Französin weiss, wovon sie spricht: Sie hat zwölf Jahre lang intensiv praktiziert und gilt heute als erwachte Meisterin ihrer Tradition, sprich als erleuchtet. Trotzdem hat sie nichts Überhebliches. Die Mutter einer Tochter, die in einer Beziehung lebt und als Akupunkteurin arbeitet, ist sehr zugänglich und lässt sich beispielsweise beim Mittagessen völlig offen in Gespräche verwickeln.
Die intensiven Übungen im Shiva-Tanz werden an den beiden Tagen lediglich unterbrochen durch zwei lange Unterweisungen, bei denen man Fragen stellen kann. Dieses Lehrer-Schüler-Setting ist zwar nicht so mein Ding; spannend ist’s trotzdem. Etwa, wenn Nathalie Delay erklärt, wie man lernen kann, den Beginn einer Emotion ganz früh als subtiles Erschauern im Körper wahrzunehmen. Wobei auch Emotionen nichts anderes sind als «wunderbare Möglichkeiten, um zu praktizieren».

www.nathaliedelay.com


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 92 Sommer 2009

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