Lieber Erich Kästner, wenn Sie wüssten!
Von Christine Steiger

Elektropolis

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, sich in einer Gegenwart wieder zu finden, die sich vor fast achtzig Jahren ein phantasievoller Schriftsteller ausdachte. Erich Kästner liess in seinem Kinderbuch «Der 35.Mai» (Cecilie Dressler Verlag) einen Onkel mit seinem Neffen in ein utopisches Land reisen, das er «Elektropolis» nannte. In diesem Land ist alles automatisiert und elektrifiziert. Die Bewohner besitzen «Taschen-Telefone», in die sie unterwegs sprechen können: «Gertrud, hör mal, ich komme heute eine Stunde später zum Mittagessen.» So etwas war 1931, als das Buch erschien, undenkbar.

Ach, lieber Erich Kästner, wenn Sie wüssten, wie das heute zugeht! Was haben Sie da für eine Idee heraufbeschworen!

Aber er beschwor in seiner Geschichte noch ganz anderes herauf: Rollbänder für Fussgänger, Nachrichten, die an den Himmel projiziert wurden (seine Vorstellung des Fernsehens), Wolkenkratzer aus Aluminium und – riesige Viehverwertungsanlagen, in denen massenhaft Tiere verarbeitet werden.

Die Leute müssen nicht mehr arbeiten, höchstens um schlank zu bleiben, um jemandem ein Geschenk zu machen oder um etwas zu lernen. Sie bekommen gratis, was sie brauchen. Soweit sind wir noch nicht. Nur die Jobs gehen schon mal verloren.

Ist nun Kästners Utopie ein Paradies? Nein, keineswegs. Die Produktion läuft immer schneller und schneller, bis alles explodiert und ein Mann entsetzt ausruft: «Die Fabrik frisst sich selber auf.»

Bei diesem Satz lief es mir kalt den Rücken hinunter.

Und dann lese ich noch: «Der Lärm schwankender Aluminium-Wolkenkratzer klang nach Krieg.»

Da schlug ich das Buch schnell wieder zu.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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