Hochsaison
Von Christine Steiger

Geschafft! Mein Garten blüht. Links, rechts, rundherum. So soll es sein, murmle ich selbstgefällig in mich hinein. Aber bis es so ist, ist es ein Kampf, und kaum ist es so, wie es sein soll, ist das Ende auch schon absehbar. Genau wie im menschlichen Leben.

Im Frühling geht es darum, heldenhaft den Schwachen beizustehen, ihnen Platz zum Leben zu verschaffen und ihre zarten Stängel zu stützen, ihnen die grünen Emporkömmlinge vom Leib zu halten und ihre Feinde auszumerzen. Ich ziehe mit Hacke und Schaufel in den Krieg, bis ich dann innehalten kann, weil es endlich so ist, wie es sein soll.

Machen wir es nicht genauso? Wir quälen uns auf ein Ziel hin, trimmen uns mit Weiterbildung und hetzen irgendeine Karriereleiter rauf.

Aber was sehe ich da? Winden! Brutale Würger, denen ich mit der Schere den Garaus machen muss. Ich schnipple fleissig, aber ich weiss, dass sie schneller sind als ich. Das feuchte Treibhausklima ist auf ihrer Seite. Nachts, wenn ich schlafe, machen sie meterhohe Sprünge – genau wie die Schnecken, die angaloppiert kommen und – schmatz, schmatz – die einzige Sonnenblume wegputzen, bevor sie blühen konnte.

Im Spätherbst kapituliere ich regelmässig. Dann wirkt mein Garten wie ein alter Mensch mit Gebresten. Der erste Rheumaschub, die ersten Falten, die ersten welken Blätter – alles dasselbe Lied. Und der Schnee deckt schliesslich gnädig zu, was längst unansehnlich geworden ist.

Aber heute und morgen und übermorgen ist Hochsaison im Garten. Einfach schön.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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