Es ist nicht immer gut, seiner Zeit voraus zu sein. Man verliert darüber die Gegenwart. Volle drei Wochen vor dem kalendarischen Herbstanfang proklamierten die Meteorologen das Ende des Sommers. Sie halten sich nicht mehr an Tag-und-Nacht-Gleiche, den längsten und den kürzesten Tag, sondern lieber an irgendwelche Nebelschwaden und sonstige Statistiken von Wetterlagen. «Heute», bemerkt dann die Radiomoderatorin leicht erstaunt, «ist es gar nicht herbstlich, sondern eher sommerlich.» Kunststück, denke ich, es ist ja auch noch gar nicht Herbst.
Mitten im Sommer betrauerten die Leute bereits das Ende der schönsten Jahreszeit. Es gibt allerdings Vereinzelte, die damit schon am 21.Juni begannen – nur, weil die Tage wieder kürzer wurden! Dabei fing der Sommer gerade erst an.
Und nun wird des langen und breiten diskutiert, wie man die heisse und vor allem heiss geliebte Jahreszeit ein wenig verlängern könnte, während ich noch mitten drin bin, weil ich mich an den Kalender halte.
Für mich beginnt heute der Herbst. Tag- und Nacht-Gleiche. Kein Grund zur Melancholie. Der Tag ist genauso lang wie die Nacht. Reiner Ausgleich. Und auch der kürzeste Tag ist noch keine Katastrophe, weil anschliessend die Tage wieder länger werden. Wozu also die Jammerei? Jagt doch die Meteorologen zum Teufel! Denn schliesslich halten sich die Jahreszeiten ohnehin nicht an ihre Statistiken. Manchmal ist es im Sommer bitter kalt und im Winter frühlingshaft warm.
Nur die Benennungen erzeugen den Frust. Eigentlich ganz schön dumm.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein
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