Medizinmänner
Von Christine Steiger

Die Schamanen sind unter uns! Damit meine ich nicht etwa die zahllosen Hobby-Heiler und Heilerinnen, die fürs Handauflegen gern die Hand aufhalten. Nein, die Medizinmänner amten in gewöhnlichen Arztpraxen, besitzen einen Doktortitel, und geben – laut einer neuen Studie – ihren Patienten öfter mal ein Placebo, also ein Scheinmedikament, weil «dies die Selbstheilungskräfte stärke».

Ja was? Ich glaube es ja nicht! Wie war das doch noch vor wenigen Jahren um nicht zu sagen erst gestern? Mit Hohn und Spott wurden alle übergossen, die im Entferntesten esoterische Praktiken anwandten. Und wenn – ob hierzulande oder auf den Philippinen – eine Heilung entgegen jeder medizinischen Erkenntnis zustande kam, wurde sie als Placebo-Effekt und damit als Scharlatanerie diffamiert. Die Heiler fabrizierten bloss Hokuspokus, und die Patienten seien Suggestionen erlegen.

Dabei sind doch die Selbstheilungskräfte das grösste Wunder und müssten am Dringlichsten erforscht werden. Aber damit lässt sich kein Geld verdienen. Apropos Geld verdienen: Wie verbuchen wohl Ärzte ihre Placebos? Ganz wirkungsfrei seien sie nicht, beteuern die Medizinmänner in Weiss, es handle sich nämlich meistens um Vitaminpräparate. Und die bringen ja auch Kohle.

Ob es ethisch vertretbar sei, den Patienten ein Schein-Medikament anzudrehen, wird zwar noch diskutiert. Es ist halt schwierig, wenn man plötzlich genau das tut, was man anderen vorgeworfen hat. Und die echten Schamanen könnten jetzt eigentlich den Spiess umdrehen und von den Ärzten den Nachweis verlangen, dass sie keine Scharlatane sind, wenn sie sich schamanische Behandlungsmethoden anmassen, für die sie nie ausgebildet worden sind.

Zumindest können sie sich ins Fäustchen lachen.



Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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