Der Dan Brown Marathon
Von Christine Steiger

Ich bin total durch den Wind. Nach 736 Seiten des neuesten Thrillers von Dan Brown «Das verlorene Symbol» (Lübbe Verlag) habe ich eine Überdosis Buchstaben erwischt. Nur nichts mehr lesen! Das Hirn auf Leerlauf runterfahren! Und dann einfach ins Grüne schauen. Ganz ohne Symbolik. Ohne grausigen Killer, der um die Ecke kommt. Ohne Überwachungskameras der CIA. Und ohne Freimaurer.

Aber dann fällt mir ein, dass mein früherer Hausbesitzer ein Freimaurer war – und schon stehe ich wieder mit einem Bein in dem Buch. Ja, und wer kommt da ums Haus? Der Killer mit einer Maus! Er heisst Micheli, ist mein Kater und sicher ein Eingeweihter.

Dan Brown kommt mir vor wie ein kleiner Junge, der fröhlich mit allem spielt, was er um sich herum vorfindet. Dabei macht er zwischen Edelsteinen und Legosteinen keinen Unterschied. Ob alte Mysterien, religiöse Schriften oder wissenschaftliche Forschungsergebnisse – er konstruiert aus sämtlichen Welträtseln ein unterhaltsames Kreuzworträtsel. Viel blutiges Ketchup drauf und in den Mixer damit: Heiliges und Heilloses kunterbunt durcheinander, scharf gewürzt mit Erkenntnissen und Info-Schrott, garniert mit Leichen und viel Dauerlauf.

Was ich daran mag, ist nicht nur die Spannung, sondern die gescheiten Anregungen zum Nachdenken und auch Widersprechen. Ich vermute jedenfalls, dass der Autor das «verlorene Symbol» in Wirklichkeit noch nicht gefunden hat. Aber ich weiss auch, dass diese Welt viel geheimnisvoller, verrückter und auch banaler ist als alles, was sich ein Dan Brown ausdenken kann.

Das ist das Unheimliche an dem realen Thriller, in dem wir leben.


Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein

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