Wilde Tiere gehen dem Menschen aus dem Weg. Mit gutem Grund. Sie könnten uns zur Beute werden. Und kommt ein wildes Tier auf uns zu, so haben wir allen Grund, ihm aus dem Weg zu gehen. Wir könnten ihm zur Beute werden. Das ist zwar äusserst selten, doch als biologische Grunderfahrung, als Muster von "Fressen oder Gefressen werden", von Angriff oder Flucht, ist es derart tief in uns gespeichert, dass es unweigerlich in jede Begegnung mit dem Unbekanntem hineinspielt.
Wale und Delfine sind anders. Wohl sind sie selber Jäger, doch derart geschickte, dass sie ein Grossteil ihrer Zeit auf andere Ziele verwenden können und beim Fressen doch nicht zu kurz kommen. Ihre oft wunderlichen Beweggründe und Kommunikationsformen sind uns noch heute ein Rätsel. Erst recht, wenn sich Delfine aus freien Stücken dem Menschen nähern. Dann kommt es zu Begegnungen der dritten Art. Schon im Altertum waren Berichte von aussergewöhnlichen Begegnungen zwischen Mensch und Delfin im Umlauf. Den Griechen waren die keineswegs scheuen Meeressäuger heilig. Sie wurden verehrt als Boten des Gottes Apollo. Wer sie jagte, frevelte gegen die Götter.
Wohl seit je haben sich diese bemerkenswerten Tiere dem Menschen genähert und ihn gleichsam zum Tanz aufgefordert. Was haben sie davon? Betteln sie und tun es des Futters wegen? Wollen sie vom Menschen angenommen und unterhalten sein; suchen sie die Verbindung, um zu einer Art von Haustier zu mutieren? Gerade umgekehrt!
In Mauretanien gibt es ein Volk von Fischern, dem seit Menschengedenken von Delfinen bei der Arbeit geholfen wird. Die Imragen begeben sich mit ihren handgefertigten kleinen Netzen ins Wasser, und der weiter draussen durchziehende Fischschwarm wird ihnen von einer Gruppe von Tümmlern zugetrieben. Zuverlässig, wenigstens einmal im Jahr, einfach so, ohne dass die Delfine einen erkennbaren Nutzen davon hätten. Fungie, der dienstälteste jener Delfine, die im Alleingang vor Europas Küsten auftauchen, um mit dem Menschen in Kontakt zu treten, macht sich seit Jahr und Tag einen Spass daraus, nach Fischen zu jagen und seinen Besuchern die fetten Brocken zuzuhalten.
Botschafter im Wasser
Sie sind ein Rätsel, und das sollen sie bleiben, findet Wade Doak, ein neuseeländischer Fischer, der sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Phänomen beschäftigt und dafür den Namen Ambassadordelfine geprägt hat. Ein Ambassadordelfin ist ein einzelner Tümmler, der sich aus seinem sozialen Verband abgesetzt hat und auf eigene Faust einen bestimmten Küstenabschnitt frequentiert, in dem er immer wieder den Kontakt zum Menschen sucht.
Keine Regel ohne Ausnahme: Nicht immer sind Ambassadordelfine Tümmler, jene durch die TV-Serie Flipper bekannt gewordene stets lächelnde Delfinart Tursiop Truncatus, und nicht immer sind es Einzelgänger. In Westaustralien wird der Strand von Monkey Mia zum Vergnügen zahlreicher Touristen, die wegen des Spektakels von weit her anreisen, regelmässig von einer ganzen Familie von Tümmlern aufgesucht. Die Menschen stehen bis zu den Knien im Wasser, die Tiere lassen sich streicheln. Und nicht immer sind Ambassadordelfine isoliert von ihrem weiteren sozialen Umfeld. Jotsa, eine Delfindame vor der Küste Montenegros, tauchte mehrfach als Mutter in der Gesellschaft eines Jungen auf.
Dony, Randy, Georges
Alles bisher Bekannte in den Schatten stellt jedoch ein Tier, das im April 2001 in Irland zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte, und seitdem in einem beispiellosen Marathonlauf Menschen in nicht weniger als fünf verschiedenen europäischen Ländern beglückte. Dony, Randy oder Georges - je nach Land ist der kleine männliche Tümmler wieder anders benannt worden - begann seine Laufbahn in diplomatischen Diensten als Eskorte eines irischen Fischerbootes, das er zum Vergnügen der Besatzung durch die Gewässer mehrerer Grafschaften begleitete.
Einen Teil des folgenden Sommers verbrachte Dony als Lehrzeit vor der Halbinsel Dingle in der Grafschaft Kerry. Dort stiess er auf Fungie, einen weitherum berühmten Ambassadordelfin, der seit den achtziger Jahren in Dingle Bay seine diplomatische Mission erfüllt.
Zur Eröffnung der kurzen Badesaison zeigte sich Dony unversehens in der Nähe der französischen Atlantikstadt La Rochelle, wo er zum Ergötzen der Urlauber mehrere Strände frequentierte und Schiffen bis in den Hafen hinein folgte. Auf den Winter zu wanderte Georges, wie ihn die Franzosen nannten, der Küste entlang nach Norden. Als er sich im Frühling 2002 vor der Küste der südenglischen Grafschaft Dorset zeigte, tauften die Engländer ihn Flipper. Im Mai jenes Jahres gelang der Vereinigung Irish Dolphins erstmals der fotografische Nachweis, dass es sich bei dem auffälligen Tümmler mit den vielen Namen um ein und dasselbe Tier handelt.
Donys Wanderschaft war damit noch keineswegs beendet. Den vergangenen Herbst verbrachte er vor französischen Hafenstädten am Ärmelkanal. Im Hafen von Boulogne sur Mer kam es zu Menschenaufläufen. Die Hafenbehörde ging davon aus, ein verirrtes Tier vor sich zu haben, und man versuchte, Dony mit Schiffen aus dem Hafenbecken zu eskortieren. Eine Weile spielte der Tümmler mit - Delfine lieben es, Schiffe zu begleiten -, doch regelmässig kehrte er in den Hafen zurück.
Sein Interesse am Menschen und dessen Wasseranlagen wurde erst recht offenkundig, als Dony weiter im Norden die Mündung des Rheins erkundete. In der Gegend der belgischen Grossstadt Antwerpen hielt er sich vier, fünf Tage in Kanälen auf, die sich bis zu hundert Kilometer weit ins Land hinein erstrecken. Am 14. Dezember 2002 folgte Dony schliesslich willig einem Schiff der holländischen Küstenwache, das ihn zurück ins offene Meer geleitete. Auf der Rückreise waren immerhin zwei Schleusen zu überwinden.
Wiedersehen in Zeebrugge
Als er erfuhr, dass Dony am ersten Weihnachtstag im Hafen des belgischen Städtchens Zeebrugge gesichtet worden war, liess sich Gauthier Chapelle, der im Jahr zuvor in Irland bereits mit Dony im offenen Meer geschwommen war, nicht zweimal bitten. Rasch hatte der belgische Meeresbiologe Schnorchel, Taucherbrille und Neopren gepackt. Am 26. Dezember 2002 kam es zur ersten Begegnung in Zeebrugge, wo sich Dony bereits zwei Tage lang in einer lärmigen Hafenanlage neben Frachtschiffen aufgehalten hatte.
Zwei Angestellte der Hafenbehörde zeigten sich über diesen Besuch höchst beunruhigt. Sie waren ratlos, was mit dem Tier zu geschehen sei. Mit dem Ausdruck einer Website über Ambassadordelfine machte Gauthier Chapelle die beiden Hafenarbeiter auf das besondere Wesen des Delfins aufmerksam. Daraufhin näherte sich einer der Angestellten Dony von der Mole her, und es war ihm möglich, das Tier zu berühren.
Obwohl die Hafeneinfahrt eigens für Dony noch einmal geöffnet wurde, liess sich der Delfin vorerst nicht dazu bewegen, das Hafenbecken zu verlassen. Erst als sich der Meeresbiologe dem Delfin näherte und er richtiggehend auf ihn einsprach, zeichnete sich eine Wende ab. «Ich versuchte ihm zu erklären, dass es ihm im Meer draussen besser ergehen werde. Wie beeindruckt war ich doch, als er sich mir zuwandte, mich mit seinen Augen musterte, mir offensichtlich zuhörte und zwei, drei Mal den Kopf aus dem Wasser hob. Schliesslich trollte er sich gemächlich aus dem Hafen», beschreibt Gauthier Chapelle das Wiedersehen mit Dony, der ihn offensichtlich erkannt hatte.
Delfin gerettet, Kontakt verspielt - so fühlte sich der Delfinforscher tags darauf, als er mit Veronique und Danielle, zwei Bekannten von ihm, zusammenkam, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Die beiden Frauen fanden, zureden müsse auch auf weite Distanz möglich sein. Sie stimmten sich auf Dony ein, der irgendwo draussen im Meer war, und konzentrierten sich mit Hilfe einer Karte auf den kleinen Fischerhafen von Zeebrugge. Als sie anderntags in Richtung dieses Städtchens unterwegs waren, erhielten sie einen Anruf von Patrick, dem jüngeren der beiden Hafenangestellten. Wie bestellt hatte er Dony im Fischerhafen gesichtet, und es dauerte nur noch Minuten, bis die Freunde beim Delfin waren. Während Gauthier Chapelle sich noch den Taucheranzug überstreifte, liess Dony sich bereits von Veronique am Bauch streicheln.
Durch den Taucheranzug vor der schlimmsten Kälte geschützt, begab sich Gauthier Chapelle ins Wasser. Kaum war er einige Züge geschwommen, bemerkte er, dass ihn Dony an Knien und Füssen berührte. Hatte er den Delfin unbedacht gestossen? Der Schwimmer hielt ein, um sich zu orientieren. Sogleich drängte sich Dony an ihn, liess sich ausgiebig streicheln und massieren, zunächst an Kopf und Rücken, dann an Hals, am Bauch und zwischen den Flossen. Dann schwamm der Delfin betont langsam, um die Gesellschaft des im Wasser weit langsameren Menschen nicht zu verlieren.
Gauthier Chapelle berichtet: "Während ich genau auf die Reaktionen des Tiers achtete, legte ich sachte meine Hand auf dessen Rückenflosse. Gegen diese Berührung wehrte Dony sich nicht. Er schwamm weiterhin sehr langsam, bis er schliesslich ganz innehielt und sich im Wasser treiben liess. Das verschaffte mir die Gelegenheit, mich seinem Kopf zu nähern. So konnte ich mich auf seinen Rücken legen und Dony umarmen. Magische Momente, die wohl zwischen einer und zwei Minuten andauerten. Dony bewegte sich äusserst langsam. Es beeindruckte mich, die Stärke seines muskulösen Körpers zwischen meinen Armen zu spüren. Unvermittelt liess er zwei laute Atemstösse fahren. Ich bemerkte, dass er mich schon recht weit vom Land weggetragen hatte, und so beschloss ich, zurückzuschwimmen. Dony begleitete mich, bis ich aus dem Wasser war.
Und tschüss
An diesem Tag wandte sich Dony in Zeebrugge noch vielen weiteren Menschen zu. Veronique, die ihn wiederholt an Bauch und Rücken streichelte, wurde von ihm durch Präsentieren des Rückens richtiggehend zu einem Ausritt eingeladen. Ihr war das Wasser für dieses Vergnügen jedoch entschieden zu kalt. Schliesslich kniete sie neben Gauthier über dem Wasser, während Dony sich unter ihren Berührungen genüsslich wendete und drehte. Da bemerkte die gelernte Osteopathin eine Narbe am Kopf des Delfins. Die Verletzung musste ein tiefer Schnitt gewesen sein, der wohl von einer Schiffsschraube herrührte.
Spontan beschloss die Körpertherapeutin, Dony die Hand auf die Verletzung am Kopf zu legen und, so gut sie es konnte, heilende Energien zu schicken. Mit einem Mal änderte sich das Verhalten des Delfins. Er wurde merklich ruhiger, und zum ersten Mal erwehrte er sich der Berührung Gauthiers, der fortgefahren war, ihn am Rücken zu streicheln. So ruhte Donys Kopf für die kleine Ewigkeit von ein paar Minuten in der Hand einer Frau, die einem inneren Impuls gefolgt war, ihn zu heilen. Schliesslich drehte er ab, und liess sich von Veronique noch einmal streicheln. Da fiel der Frau aus dem Hosensack ein Stein ins Wasser. Vorerst schien der Delfin das nicht bemerkt zu haben. Dann tauchte er weg, und das war's. Seit dem 28. Dezember 2002 ist Dony von Menschen nicht mehr gesehen worden, nicht in Belgien, nicht in Holland, Frankreich, England oder Irland, von wo er gekommen war.
Warum? Wir kennen sie nicht, die geheimnisvolle Mission der Ambassadordelfine. Wer ihnen begegnet, ist von ihrer Präsenz durchweg beglückt. Die Tatsache, dass auffällig viele Ambassdordelfine sich in den Gewässern Irlands aufhalten, wo auch Dony sich zum ersten Mal bemerkbar machte, hat eine besonders gewagte These in Umlauf gesetzt. Hat nicht bereits die Christianisierung Europas von Irland aus ihren Anfang genommen? Im fünften und sechsten Jahrhundert waren christliche Missionare in Irland aufgebrochen, um den neuen Glauben auf dem europäischen Festland zu verbreiten. Ihr Erfolg wirkt bis auf den heutigen Tag. Vielleicht haben die Völker der Meeressäuger diese Tiere ausgesandt, um uns Menschen endlich zur Lebenskunst zu bringen. Sollte diese Mission dereinst erfolgreich sein - das Universum dürfte es den Ambassadordelfinen danken.
Der gute Benimm
Wie soll der Mensch einem frei lebenden Delfin begegnen? Der in der Interaktion mit Walen und Delfinen erfahrene Meeresbiologe Gauthier Chapelle gibt SPUREN-Lesern dazu sechs Tipps zum richtigen Verhalten:
1. Erkundigen Sie sich vorab. Jeder Ambassadordelfin hat seine ideale Besuchszeit. Der Sommer ist zu vermeiden, dann herrscht vielerorts ein Gedränge.
2. Wenn Sie vor Ort sind, erkundigen Sie sich bei den Einheimischen und bei denen, die sich mit dem entsprechenden Tier bereits auskennen. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung, doch vertrauen Sie auch den Erfahrungen anderer.
3. Vermeiden Sie den Kontakt, wenn bereits mehr als fünf Menschen mit einem Delfin beschäftigt sind. Ein Ambassadordelfin möchte alle erfreuen, wenn zehn und mehr Menschen in seiner Nähe sind, kommt er in Stress. Halten Sie sich dann zurück und vertrauen Sie darauf, dass auch Sie einmal an die Reihe kommen.
4. Sind Sie bei einem Delfin im Wasser, so verhalten Sie sich ihm gegenüber wie sonst einem Wesen, dem Sie zum ersten Mal begegnen. Überlassen Sie die Initiative dem Tier, es versteht sich sehr wohl darauf, sich Ihnen mitzuteilen. Werden Sie zum Spielen aufgefordert, so lassen Sie sich etwas einfallen. Delfine lieben Abwechslung.
5. Lernen Sie die Zeichen zu lesen, die Ihnen ein Delfin übermittelt: Ein offenes Maul kann eine erste Aufforderung sein, vom Tier abzulassen. Ein Klick aus offenem Maul ist dieselbe Botschaft, etwas bestimmter vorgetragen. Ein Stoss in den Rücken könnte dann heissen: "Verstehst du es denn noch immer nicht?" Umgekehrt kann das Umfassen einer Hand mit den Zähnen ein Ausdruck von grossem Vertrauen sein. Und natürlich gibt es davon individuelle Abweichungen. Darüber wissen jene Bescheid, die bereits länger mit einem bestimmten Delfin zu tun haben.
6. Und wenn Sie schliesslich wieder an Land sind, vergessen Sie nicht, sich beim neuen Freund zu bedanken und sich von ihm zu verabschieden.
Weitere Informationen: www.irishdolphins.com
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 67 Frühling 2003
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